Das Tagebuch zum Buch
Wolf Serno über die Entstehung seines Romans "Das Spiel des Puppenkönigs"
Jedes meiner Bücher hat eine bewegte Entstehungsgeschichte. Das Spiel des Puppenkönigs macht da keine Ausnahme. Wie immer schrieb ich zunächst einen detaillierten Handlungsstrang und legte ihn anschließend beiseite, um Abstand zu gewinnen.
Ein, zwei Wochen später, es muss Mitte 2006 gewesen sein, nahm ich den Entwurf wieder zur Hand. Ich stellte fest, dass er mir gut gefiel. Gut, aber nicht sehr gut. Der Unterhaltungswert war noch zu klein. Was also tun?
Der Zufall wollte es, dass ich zu diesem Zeitpunkt eine Biographie über Friedrich den Großen las. Abends im Bett erzählte ich Micky, meiner Frau, wie sehr mich der Alte Fritz faszinierte. Sie sagte: „Kannst du ihn nicht in deinen neuen Roman einbauen?“ – „Was, den Alten Fritz?“, fragte ich verblüfft. „Warum nicht?“, entgegnete sie, „du hast eben doch selbst gesagt, dass er eine faszinierende Persönlichkeit ist, und außerdem passt er genau in die Zeit.“ – „Ja, ja, sicher, aber wie soll das gehen?“
Es folgte eine schlaflose Nacht. Die Idee mit Friedrich dem Großen ließ mich nicht los. Und wie alle guten Ideen zog sie eine Menge weiterer Ideen nach sich. Am anderen Morgen stand für mich fest: Der Handlungsstrang musste umgeschrieben werden, der Alte Fritz war mir willkommen. Mir und Julius Klingenthal, dem Bauchredner und Puppenkönig. Und noch etwas stand fest: Der Kreis seiner lebensgroßen Puppen würde sich erweitern – um eine siebte. Friedrich den Großen.
Ich spürte, dass in dieser siebten Puppe ein großes Unterhaltungspotenzial steckte. Ich musste es nur wecken. Und ich musste nach Potsdam fahren, um dort zu recherchieren. Denn eines war klar: Wenn der Alte Fritz schon als Puppe existierte, sollte diese Puppe auch ihrem leibhaftigen Abbild begegnen.
Da meine Frau Richterin ist und arbeiten musste, beschloss ich, mit meinem alten Freund Heiner nach Potsdam zu fahren. Und, wie stets, wenn ich unterwegs bin, Tagebuch zu führen. So entstand das Tagebuch zum Buch. Es sind Aufzeichnungen, die ich an manchen Stellen ergänzen und näher erläutern musste, da sie sonst für meine Leser nicht verständlich sein würden, aber im Kern ist alles wahr.
Freitag, 29. September 2006.
Morgens um neun hole ich Heiner ab. Mit meinem Smart fahren wir nach Potsdam. Wir finden das Hotel Voltaire in der Nähe des Nauener Tors auf Anhieb. Navi sei Dank. Wenig später streifen wir durch Potsdam. In der Breiten Straße gibt es ein Naturkundemuseum. Es befindet sich in einem wunderschönen alten Haus, das wie so viele auf Initiative des Alten Fritz’ erbaut wurde. Ich erwäge, Madame de Chattemont, eine der Figuren in meinem neuen Roman, darin wohnen zu lassen. Das wäre sehr authentisch.
Der Haken ist nur, dass wir vor dem falschen Museum stehen. Ich benötige kein Wissen zu Brandenburgs Flora und Fauna. Es muss noch ein spezielles Potsdam-Museum geben. Nach einigem Hin und Her finden wir es. Es liegt in der Benkertstraße im Holländischen Viertel.
Wir kämmen jedes Stockwerk durch, sichten, sortieren, schauen alles intensiv an. Studieren Abbildungen von Bauwerken und Sehenswürdigkeiten, fotografieren Stadtmodelle, machen Notizen …
Bei einer der Museums-Damen kaufe ich Literatur über die Stadt. Dazu eine Karte. Leider nur eine, die aus dem 19. Jahrhundert stammt. Dazu kleine und größere Broschüren. Einen ganzen Arm voll. Man weiß nie, wofür man die noch brauchen kann. Zurück zum Hotel. Müde Beine. Abendessen in der Nähe.
Samstag, 30. September 2006.
Mit dem Wetter haben wir Glück. Die Sonne strahlt herab, als hätten wir Mai. Der Auftakt gestern war gut. Aber zu meinem Glück fehlt mir noch immer ein Stadtplan aus der Zeit um 1780. Woher einen solchen Plan nehmen? Wir klappern die Souvenirläden und Antiquitätenhändler ab. Alles Fehlanzeige. Endlich, in der Brandenburger Straße, entdecken wir einen Buchladen, der tatsächlich einen alten Stadtplan hat. Aber nur von 1912. Nun ja, immer noch besser als nichts. Ich kaufe ihn und besorge bei der Gelegenheit noch drei weitere Biographien über Friedrich den Großen. Sicherheitshalber.
Nachmittags gehen wir zu Fuß nach Sanssouci. Viele Touristen, ameisengleich. Sogar im Schloss werden Souvenirs angeboten. Ob das dem Alten Fritz recht gewesen wäre? Wir erwerben Kataloge über das Schloss. Ansichten, Grundrisse, Einrichtungen, Zahlen. Mir schwirrt der Kopf. Das alles muss ich erst einmal verdauen. Dann wandern wir durch den Park, kraxeln die Terrassen rauf und runter. Heiner immer vorneweg. Er ist Potsdam-Fan. Und langsam werde ich es auch.
Beeindruckend: das Grab des Alten Fritz. Es ist nicht mehr als eine schlichte Steinplatte, direkt neben den Steinplatten für seine Windspiele. Die Oberflächen sind so verwittert, dass ich die Namen der Hunde nicht mehr entziffern kann. Schade, den einen oder anderen Vierbeiner hätte ich gern namentlich erwähnt. Trotzdem: So langsam stellt sich bei mir ein bekanntes Kribbeln ein. Ich kenne nun den Ort, an dem Das Spiel des Puppenkönigs stattfindet. Ich fühle mich sicherer. Ich will zu schreiben beginnen. Am liebsten gleich.
Abends im Hotel blättere ich die Broschüren von gestern durch, und siehe da: In einem der eher unscheinbaren Heftchen entdecke ich eine Karte von Potsdams Mitte, schwarz-weiß gedruckt, mit grobem Rasterpunkt, was aber halb so schlimm ist, denn die Karte stammt aus dem Jahr 1779! Glücksgefühle …
Am nächsten Morgen Rückfahrt nach Hamburg. Mein Potsdam-Intensivkurs ist zu Ende. Heiner, mein Alter, ich danke dir! Ich freue mich auf die Arbeit, ich freue mich auf Klingenthal, auf seine Puppen und auf Alena, seine wundervolle Geliebte. Mit ihnen und den vielen anderen Figuren werde ich monatelang allein sein.
Denn Schreiben macht einsam.
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