Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Delphine de Vigan im Interview

10 Fragen an Delphine de Vigan über ihren Roman No & ich

Bild

Die Erzählerin Ihres Romans No & ich ist Lou, ein junges Mädchen mit einem großen Herzen. Warum haben Sie diese Figur als Ihr Sprachrohr gewählt? War es für Sie nicht schwierig, sich in die Gedankenwelt einer Dreizehnjährigen hineinzuversetzen und ihre Sprache zu benutzen?

Am Anfang wollte ich über die Jugendlichen schreiben, die auf der Straße leben, vor allem über die jungen Frauen. Und so hat sich die Figur von No herauskristallisiert. Schnell bin ich auf die Idee gekommen, die Geschichte aus der Perspektive einer anderen jungen Frau zu erzählen, die aus einem ganz anderen sozialen Umfeld kommen würde, und so wurde Lou geboren. Ich wollte, dass man bei der Lektüre des Romans diese Mischung aus Offenherzigkeit und Naivität verspürt, die sie charakterisiert, denn sie konfrontiert uns mit dem Blick, den wir Erwachsene auf die Dinge werfen, gleichzeitig schockiert und machtlos. Ich habe Zeit gebraucht, um Lous Stimme richtig zu treffen. Ich glaube, dass ich mich an mich selbst mit dreizehn Jahren erinnert habe, aber ich habe auch Jugendliche von heute beobachtet. Die angebliche Einfachheit von Lous Sprache war an sich eine Herausforderung. Ich wollte aber vor allem, dass sie echt klingt. Ich habe das Gefühl, dass ich ein Jahr lang die Welt mit ihren Augen gesehen habe, bei einer Größe von 1 Meter 30 …

Lou ist schon etwas „seltsam“, oder? Was denken Sie?

„Seltsam“, ja sicher. Aber wer ist nicht „seltsam“? Sie ist vor allem sehr einsam, und wegen ihrer Frühreife und ihr Familiensituation fühlt sie sich ausgegrenzt. Ich liebe die Gegensätze, die sie ausmachen, diese Mischung aus Fantasie und Traurigkeit, aus Naivität und Hellsichtigkeit.

Der Roman zeigt die Zerbrechlichkeit der Adoleszenz und die Kraft der Träume, wenn sie mit der harten Realität konfrontiert werden. Diese Konfrontation betrifft vor allem Jugendliche in Nos und Lous Alter. Haben Sie diesen Roman für sie geschrieben?

Nein, keineswegs. Ich habe nie den Leser im Kopf, während ich meine Bücher schreibe! Bei mir geht das Schreiben immer von etwas sehr Intimem aus, auch wenn ich Romane schreibe. Ich habe mir keine Gedanken darüber gemacht, wer No & ich lesen würde. Aber es scheint, dass der Roman die Jugendlichen sehr berührt hat, und letzten Endes auch ein sehr breites Publikum.

Was war Ihr ursprüngliches Projekt? Beabsichtigten Sie die Sensibilisierung Ihrer Leser für ein soziales Phänomen?

Mein ursprüngliches Projekt war vor allem, eine Geschichte zu erzählen, Figuren und Gefühle zum Leben zu erwecken. Ich kann mich daran erinnern, dass ich wollte, dass der Leser sich mit der Frage auseinandersetzt, was aus unseren Jugendträumen geworden ist: Was haben wir unter den Teppich gekehrt, um vorankommen zu können? Welcher Funken Utopie lodert noch in uns? No & ich ist kein Thesenroman. Meine Gefühle, wie ich auf die Welt reagiere und mein Stil sind wahrscheinlich eine Art Engagement, aber ein sehr persönliches. Und das ist das, was ich mit anderen zu teilen versuche.

Ihre Beschreibung des Lebens auf der Straße ist sehr präzise. Wie haben Sie gearbeitet?

Es ist so, dass viele Personen aus meiner Familie im sozialen Bereich tätig sind. Ich bin zuerst von dem ausgegangen, was sie mir erzählt haben. Ich habe einige Bücher über Armut in Frankreich sowie Berichte gelesen. Ich habe Frauen getroffen, die auf der Straße leben. Allerdings waren es ältere. Frauen, die vom Leben auf der Straße aufgezehrt, aufgebraucht und abgenutzt waren. No ist achtzehn Jahre alt, sie ist in dieser Phase im Leben, in der alles umkippt, in der aber auch alles noch möglich ist. Und dann kam die Arbeit des Schriftstellers, der einen roten Faden zieht und ihn zu Ende führt.

Wem fühlten Sie sich näher? Lou oder No?

Leute, die mich gut kennen, sagen, dass man mich in beiden Figuren wiederfindet, und damit haben sie wahrscheinlich recht. No ist meine dunkle Seite … Bei Lou habe ich mich von meinen eigenen Kindheitserinnerungen inspirieren lassen, ohne es wirklich zu merken. Wie sie habe ich Klassen übersprungen, war sehr schüchtern und etwas traurig, aber dennoch auch voller Fantasie.

Was für eine Rolle spielt eigentlich Lucas in der Geschichte von No und Lou?

Er ist eine sehr wichtige Figur. Ich sage immer, dass No & ich die Geschichte von drei Kindern des Chaos erzählt. Aus sehr unterschiedlichen Gründen sind alle drei sich selbst überlassen, in einer Welt, die sie nicht verstehen. Ich habe Lucas sehr gerne. Er ist der Typ Junge, von dem man mit dreizehn oder siebzehn Jahren nur so träumt.

Warum haben Sie für Ihre Figuren so kurze Namen gewählt?

Es war mehr oder minder Zufall. Lous Vorname ist eine Anspielung auf mein erstes Buch, ein sehr autobiographischer Roman, den ich unter dem Pseudonym Lou Delvig veröffentlicht habe. Es war auch ein Entwicklungsroman über die Brüche im Leben. So habe ich eine Art unsichtbaren Faden zwischen den zwei Romanen gezogen. Der Vorname von No bezieht sich auf die Verweigerung, auf die Verneinung, weil sie jemand ist, der in ihrer Kindheit stets verleugnet wurde.

Im Laufe des Romans glaubt man irgendwann wirklich, dass es Lou gelingen wird, No zu retten. Alles fängt so gut an, doch man merkt allmählich, dass ihr Unterfangen zum Scheitern verurteilt ist … Gab es einen Moment während des Schreibens, an dem Sie daran gedacht haben, Ihrem Roman ein anderes – positiveres – Ende zu geben?

Es ist das erste Mal, dass ich ein Buch angefangen habe, ohne zu wissen, wie es enden würde. Normalerweise habe ich eine sehr genaue Vorstellung von der Struktur und der Entwicklung einer Handlung. Bei No & ich habe ich mir gedacht, dass sich irgendwann im Laufe der Erzählung ein Ende von selbst behaupten würde, das Ende, das am glaubwürdigsten wäre. Allerdings habe ich nie ein Ende wie im Märchen in Betracht gezogen – denn der Traum eines kleinen Mädchens reicht leider nicht aus, um die Welt zu retten. No & ich ist ein Roman über die Entzauberung. Und wie wir dadurch erwachsen werden. Auch wenn das Buch nicht nur düster ist.

Man erzählt, dass Sie tagsüber arbeiten und nachts schreiben. Wie schaffen Sie es, Berufs-, Familienleben und das Schreiben unter einen Hut zu bekommen? Schlafen Sie denn nie?

Ich habe meine ersten vier Romane nachts geschrieben, nach einem Tag in der Arbeit und einem Tag als Mutter. Es ist Zeit, die ich dem Alltag und dem geregelten Tagesablauf abgerungen habe. Das hat in der Tat meinen Schlaf sehr beeinträchtigt! Aber Schreiben ist in meinem Leben immer sehr wichtig gewesen. Ich habe immer davon geträumt, bei Tageslicht schreiben zu können. Der Erfolg von No & ich ermöglicht mir diesen Traum.

↑ nach oben