Interview mit Heidi Rehn
Zu welchem Zeitpunkt und unter welchen Umständen haben Sie festgestellt, dass Sie ein Talent zum Schreiben haben?Ich habe bereits als Kind gern Geschichten erzählt – mir selbst und anderen. Irgendwann habe ich begonnen, sie aufzuschreiben. Schon in der Schulzeit habe ich außer für die Schülerzeitung für Lokalzeitungen geschrieben. So hat eins das andere ergeben und irgendwann stand fest, dass ich mit Schreiben meinen Lebensunterhalt bestreiten werde.
Woher kamen die Inspirationen zu Ihrem aktuellen Roman?
Vor allem durch die Lektüre eines Söldnertagebuchs aus dem Dreißigjährigen Krieg. Anders als die zahlreichen Tagebücher von Menschen aus der Zivilbevölkerung, die angegriffen, belagert und aufs Furchtbarste drangsaliert wurden, erzählt dieses Söldnertagebuch als einziges seiner Art von der anderen Seite. Dabei geht es weder um die Verherrlichung des Krieges, noch um die Rechtfertigung militärischen Handelns. Es schildert schlicht und einfach das jahrzehntelange Ausharren eines Mannes und seiner Familie im Heer der kaiserlichen Armee, erzählt vom mühsamen Alltag im Tross, beschreibt das für uns Unbegreifliche: dass jemand mitten im Krieg zuhause war. Der Ton ist knapp, mitunter anrührend unbeholfen. Um Gefühle auszudrücken, fehlt eindeutig die (Schreib-)Erfahrung, auch wenn viel Schreckliches anklingt. Das alles ist sehr ergreifend, vor allem, wenn man sich vor Augen hält, dass es authentisch ist: Diese Menschen haben wirklich so gelebt. Es waren Zigtausende, quasi eine komplette Stadtbevölkerung, die jahraus, jahrein als Soldaten und Soldatenfamilien durch die Lande zogen. Eine ganze Generation wurde in den Tross hineingeboren und darin aufgezogen, empfand dieses schreckliche Kämpfen und Bekriegen als Normalität, wusste 1648 nach letztlich 30 Jahren Krieg nichts mit dem Frieden anzufangen.
Gibt es eine reale Figur in der deutschen Geschichte, die Ihrer Romanheldin Modell stand?
Nein. Magdalena wie auch alle anderen Figuren sind frei erfunden, könnten aber so existiert und gelebt haben.
Was genau macht eine „Feldscherin“?
Eine Feldscherin oder Wundärztin ist eine Chirurgin, die in der Armee die Verletzten während einer Schlacht behandelt: Schusswunden operiert, Stichwunden näht, Splitter aus den Wunden zieht, aber auch Gliedmaßen amputiert und dergleichen. Diese Chirurgen galten noch als „Handwerker“. Die studierten Mediziner haben bis in die Neuzeit hinein keine Operationen getätigt sondern nur innere Erkrankungen behandelt. Das „Grobe“ wurden also von den Chirurgen und Badern erledigt. Im Heerestross mussten sie allerdings noch weitaus vielseitiger sein als sonst. Sie mussten mitunter auch den Hebammen beistehen, Seuchen und sonstige Erkrankungen behandeln, harmlosere Beschwerden lindern. Dass Frauen solche Berufe ausübten, war im Mittelalter und bis ins 17. Jahrhundert hinein üblich. Gerade in Kriegszeiten war es gang und gäbe.
„Liebe in Zeiten des Krieges“ – das könnte man auch als ein Motto über Ihren Roman stellen. Inwiefern kann Magdalenas Schicksal als beispielhaft für alle Frauen in allen Kriegen der Geschichte stehen?
Frauen sind in Kriegszeiten zum einen die ersten Opfer, müssen auf der anderen Seite aber gerade dann besonders stark sein und „ihren Mann stehen“, d.h. in Männerberufe schlüpfen, allein auf sich gestellt die Kinder versorgen, den Lebensunterhalt verdienen, vollkommen eigenständig sein. Vor diesem Hintergrund begreift Magdalena das Leben im Tross als Chance, nicht die typische Ehefrauenrolle übernehmen zu müssen, sondern gemäß ihrer Begabung und Intelligenz einen Beruf ausüben zu können. Gleichzeitig begegnet ihr in Gestalt von Eric die große Liebe: Er kommt quasi aus dem Nichts. Sie weiß zunächst nicht das Geringste über ihn, erfährt dann, dass er eigentlich zu ihren Feinden gehört, liebt ihn dennoch und sieht mehr als einmal diese Liebe und das damit verbundene Vertrauen auf die Probe gestellt. Auch wenn Eric für lange Zeit verschwindet und sie allein mit ihrem gemeinsamen Kind zurechtkommen muss, hält sie trotzdem an der Liebe zu ihm fest. Die Liebe allein spendet ihr Hoffnung und hilft ihr, alles Schlimme durchzustehen.
Das Buch
Heidi Rehn
Die Wundärztin
EUR (D)
8,99