Interview mit Susanne Schädlich
Warum haben Sie Ihrem Buch den Titel "Immer wieder Dezember" gegeben?Der Titel ergab sich beim Schreiben, als mir plötzlich bewusst wurde, was ich vorher so nie wahrgenommen hatte: folgenschwere Ereignisse immer wieder im Dezember! 1976, nachdem der Vater die Protestresolution gegen die Ausbürgung Biermanns unterzeichnet hatte, wurden Arbeitsverträge gekündigt, verlor er seine Existenzgrundlage; die Ausreise 1977; 1983 die endgültige Zersprengung der Familie in alle Winde: die „Entpflichtung“ des Onkels aus dem Dienst der Staatsicherheit 1989; 2006 Artikel über den Onkel in großen deutschen Zeitungen, die ihn als Spitzel von Günter Gras enttarnten; 2007 sein Selbstmord auf einer Parkbank mitten in Berlin.
Sie waren 12 Jahre alt, als Sie mit Ihren Eltern und Ihrer Schwester 1977 aus der DDR ausgereist sind. Was haben Sie dort zurückgelassen? Was vermissen Sie vielleicht noch heute?
Damals veränderte sich mein ganzes bisheriges Leben von einem Tag auf den anderen. Ich ließ die Schule, die Freunde, die geliebte Großmama, den geliebten Bruder zurück. Im Westen hatte ich lange das Gefühl, die eine Hälfte von mir ist hier, die andere dort. Und heute? Ich vermisse die Nähe der Menschen, die durch die Ausreise, durch die Mauer, die erzwungene jahrelange Unüberwindbarkeit, verloren gegangen ist.
Es gibt ja eine Art DDR-Nostalgie, die um so stärker zu werden scheint, je länger das Ende der DDR her ist. Wie stehen Sie zu solchen nostalgischen Gefühlen?
Nostalgie leitet sich von den griechischen Wörtern nostos (Rückkehr, Heimkehr, Vergangenheit) und algos (Schmerz), die wehmütige Hinwendung zu vergangenen Zeiten ab. Dagegen ist prinzipiell nichts einzuwenden, solange diese Wehmut persönlich, auf das eigene Leben beschränkt bleibt. Wenn sie jedoch mit der Idealisierung oder Verklärung politischer Gegebenheiten einhergeht, wird es fatal, weil sie im Falle der DDR die Diktatur verharmlost. Geschichte wird weichgespült, es findet keine objektive Auseinandersetzung statt. Menschen können die Kritik am politischen System nicht von ihrer eigenen Lebensgeschichte trennen und fühlen sich persönlich angegriffen, wenn sie hören, dass die DDR eine Diktatur war.
Die Stasi hat Ihre Familie bereits zu DDR-Zeiten observiert, unter anderem deshalb, weil Ihr Vater, der Schriftsteller Hans Joachim Schädlich, regelmäßig an den Treffen von Schriftstellern aus Ost und West teilnahm. Hatten die Stasi-Aktivitäten mittelbar oder unmittelbar Folgen für Ihr Leben?
Ob die Aktivitäten der Stasi Folgen für das Leben hatten? Zweifellos. Mittelbar und unmittelbar lässt sich nicht trennen. Alles hat direkt mit uns zu tun, alles hatte direkte Folgen, ob damals, ein wenig später oder heute.
Durch Ihr Buch zieht sich ein Thema, das Sie lange sehr beschäftigt hat: die Suche nach Ihrem Platz in der Welt, nach einem Zuhause, nach „Heimat“. Warum ist Ihnen das so schwer geworden?
In einem Gedicht von Goethe heißt es: „Einst“, so sprach er, „verschlug mich der Sturm ans Ufer der Insel, die Utopien heißt.“ So ging es mir mit 12 Jahren. Ich fühlte mich fremd in der Bundesrepublik. Ein und dieselbe Sprache zu sprechen, hieß nicht, dass man sich gegenseitig verstand. Es fiel schwer, sich zurechtzufinden als Ostdeutscher in Westdeutschland. Die Sehnsucht nach dem, was man kannte, war groß. Man lebte aufgespalten. Zwischen zwei Zuhausen.
Und heute? Haben Sie Ihr Zuhause gefunden?
Der Kabarettist Gerhard Polt hat auf die Frage nach Heimat einmal geantwortet: Wann?
Mein Zuhause setzt sich aus dreien zusammen: DDR, Bundesrepublik, Amerika. Diese Orte, die Erlebnisse an diesen Orten, die Zeit, die ich an ihnen verbracht habe, sind verinnerlicht. Eine Art Mosaik, eine innere Heimat. Sie ist dort, wo ich bin, egal, an welchem Ort. Im Moment heißt dieser Ort Berlin.
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Lesetipp
Susanne Schädlich
Immer wieder Dezember
EUR (D)
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