Das Buch
AUTOR(EN) Gioconda Belli VERLAG Knaur eBook ORIGINALTITELUnendlichkeit in ihrer Hand SEITENZAHL 302 AUSSTATTUNG pdf E-Book PREIS EUR (D) 16,99 ISBN3-426-55733-9 ISBN 978-3-426-55733-4 ERSCHEINUNGSTERMIN 24.08.2009
Dieses Buch ist lieferbar.- INHALT
- LESEPROBE
- REZENSIONEN
- LESERSTIMMEN
Unendlichkeit in ihrer Hand (eBook)
RomanVORWORT DER AUTORIN
Dieser Roman ist aus dem Staunen über
das Unbekannte in einer Geschichte entstanden,
die ich, weil sie so alt ist, mein
Leben lang zu kennen glaubte.
Die biblische Geschichte von der Erschaffung
der Welt und ihre urzeitlichen Protagonisten
haben mich zwar seit jeher fasziniert, aber es war
dennoch ein Zufall, der mich auf die Idee brachte,
das Drama von Adam und Eva im Irdischen Paradies
nachzuerzählen.
Als ich einmal zu Besuch bei einem Verwandten
lange allein in dessen Bibliothek warten
musste – ein kleines Zimmer, rundum mit
Bücherregalen zugestellt, wo auf dem Fußboden
stapelweise Kartons mit verstaubten Bänden standen–,
ließ ich meine Blicke über die Buchrücken
in den Regalfächern wandern. Ich wusste, dass
viele alte Ausgaben dabei waren, die ihr Besitzer
erst kürzlich aus einem Abstellraum geholt hatte,
nachdem sie jahrelang dort untergestellt waren.
Eine Reihe gleichartiger brauner Buchrücken,
in welche die Zeit ihre Spuren gegraben hatte,
weckte meine Aufmerksamkeit. Am oberen Rand
stand in goldenen Lettern der Titel der Sammlung:
Heilige Schriften und antike Literatur des Orients.
Darunter folgten die Einzeltitel: Babylonien, Indien,
Ägypten … bis zum letzten Band mit dem
Namen: Große Geheimschriften.
Dieses mysteriöse Exemplar nahm ich heraus
und schlug neugierig die vergilbten Seiten
auf. Der Einleitung zufolge handelte es sich um
apokryphe Texte, Versionen des Alten und Neuen
Testaments, die, wie die offizielle Version der
heute bekannten Bibel, im Altertum verfasst
waren, dann aber aus unterschiedlichen Gründen
nicht in den Kirchenkanon mit aufgenommen wurden.
Ich hielt also eine Sammlung der großen, von
den Bibelherausgebern verworfenen Schriften in
Händen. Darunter die Bücher Henoch, das Buch
Baruch, das Verlorene Buch Noah, die Evangelien
des Nikodemus und die Bücher von Adam und
Eva, auch die Lebensgeschichte Adams und Evas,
die Offenbarung des Moses und das Slawonische
Buch Eva.
Voller Spannung und mit dem untrüglichen
Gefühl, gerade eine aufregende Entdeckung gemacht
zu haben, las ich zunächst die Texte mit
den Lebensbeschreibungen von Adam und Eva.
Der Bericht begann mit dem Auszug aus dem Paradies
und schilderte die erlittene Mühsal und die
Verlorenheit, als sich die beiden plötzlich all ihrer
Privilegien beraubt in einer einsamen, unbekannten
Welt wiederfanden. Bei der Lektüre dieses
apokryphen Textes erstand die Geschichte so lebendig
vor meinem geistigen Auge, dass ich noch
am gleichen Nachmittag beschloss, ihnen mein
nächstes Buch zu widmen.
Meine Nachforschungen in alten Manuskripten
und vergessenen biblischen Geschichten nahmen
mehrere Jahre in Anspruch. Diese Suche führte
mich von den Papyrus-Kodices der Nag-Hammadi-Bibliothek,
die im Jahre 1944 von Hirten in
oberägyptischen Höhlen gefunden wurden, über
die berühmten kryptischen Schriftrollen vom Toten
Meer, die 1947 in Wadi Qumran entdeckt worden
waren, bis zu den Midrasch, den über viele
Jahrhunderte von gelehrten Rabbinern und Juden
verfassten Bibelauslegungen, deren Ziel es ist, die
poetische, zuweilen dunkle und widersprüchliche
Sprache des Alten Testaments zu durchleuchten.
Bei diesen Recherchen erfuhr ich, dass Adam
und Eva in der Genesis zwar bloß vierzig Verse
einnehmen, jedoch mit ihrer Geschichte und der
ihrer Kinder Kain und Abel, Luluwa und Aklia,
in zahlreichen archaischen Berichten und Auslegungen
Erwähnung finden.
Gespeist durch diese Lektüre voller Offenbarungen
und fantastischer Erkenntnisse, ließ ich
meiner Fantasie freien Lauf und beschwor im vorliegenden
Roman die ungeschriebenen Zwischenszenen
dieses uralten Dramas herauf, dazu die
surrealistische Landschaft des Paradieses sowie
das Leben dieses unschuldigen, tapferen, anrührenden
Menschenpaares.
Auch ohne religiös zu sein, glaube ich, dass
es eine erste Frau gegeben hat und einen ersten
Mann und dass diese Geschichte ohne weiteres
die ihre gewesen sein könnte.
Dennoch bleibt sie eine Fiktion, basierend auf
all den Fiktionen, Auslegungen und Umdeutungen,
welche die Menschheit seit undenklichen
Zeiten um ihren eigenen Ursprung gesponnen
hat.
Und mit all ihrer Wunderlichkeit und all ihrer
Wirrsal ist sie die Geschichte eines jeden von
uns.
GIOCONDA BELLI
I
Er schuf Mann und Frau
KAPITEL 1
Und er ward.
Plötzlich. Vom Nicht-Sein zum Wissen,
dass er war. Er schlug die Augen auf,
betastete sich und wusste, dass er ein Mann war,
ohne zu wissen, wie er das wusste. Er sah den
Garten und fühlte sich gesehen. Er schaute nach
allen Seiten, um festzustellen, ob da noch jemand
war wie er.
Und während er sich umschaute, drang die
Luft in ihn ein, und die frische Brise weckte seine
Sinne. Er roch. Er sog die Luft tief in sich hinein.
In seinem Kopf gewahrte er lauter aufgeregt
flatternde Bilder, die nach einem Namen suchten.
Klar und deutlich stiegen die einzelnen Wörter, ihr
Klang in seinem Inneren auf und ließen sich auf
alles nieder, was ihn umgab. Er gab allen Dingen
einen Namen, und was er benannt hatte, erkannte
sich selbst. Der Wind zauste die Baumwipfel. Der
Vogel sang. Schmale Blätter öffneten ihre spitzen
Hände. Wo war er? Warum ließ der sich nicht blicken,
dessen Augen er auf sich ruhen spürte? Wer
war er?
Ohne Eile begann er zu gehen, bis er die Stätte,
wo er ins Leben gerufen worden war, vollständig
umrundet hatte. Das Grün, die Farben und Formen
der Pflanzenwelt bedeckten die Landschaft,
überschwemmten seine Blicke und ließen Freude
in seiner Brust aufwallen.
Er gab den Steinen, den Bächen, den Flüssen,
den Bergen, den Schluchten, den Höhlen und den
Vulkanen ihre Namen. Er beachtete auch die kleinen
Dinge, weil er sie nicht geringschätzen wollte:
die Biene, das Moos, den Klee. Bisweilen machte
ihn die Schönheit ganz benommen, und er stand
in reglosem Staunen da: der Schmetterling, der
Löwe, die Giraffen und das stetige Pochen seines
Herzens, das ihn begleitete, als existierte es jenseits
seines Wollens und Wissens – ein Rhythmus,
dessen Zweck zu ergründen ihm nicht gegeben
war. Seine Hände erkundeten den warmen Pferdeatem,
das eisige Wasser, den rauhen Sand, die
schlüpfrigen Fischschuppen, das weiche Katzenfell.
Dann und wann drehte er sich unversehens
um und hoffte, den Anderen zu überraschen, dessen
Gegenwart schwereloser war als der Wind, obwohl
ihm ähnlich. Sein Blick indes lag durchaus
gewichtig auf ihm. Adam gewahrte ihn auf seiner
Haut, unwandelbar wie das Licht, das den Garten
Eden umfing und den Himmel unausgesetzt mit
seinem leuchtenden Odem entflammte.
Nachdem er getan hatte, was ihm zu tun aufgegeben
ward, ließ sich der Mann auf einem Stein
nieder, um glücklich zu sein und alles zu betrachten.
Zwei Tiere, eine Katze und ein Hund, kamen
herzu und legten sich ihm zu Füßen. Wie sehr er
sich auch bemühte, sie das Sprechen zu lehren,
sie antworteten ihm nur, indem sie ihm sanft in
die Augen schauten.
Er fand das Glück recht lang und ein wenig ermüdend.
Anfassen konnte er es nicht, und seine
Hände fanden keine Beschäftigung. Die Vögel
waren pfeilschnell und flogen sehr hoch. Die Wolken
auch. Die Tiere um ihn herum grasten und
tranken. Und er ernährte sich von weißen Blütenblättern,
die vom Himmel fielen. Es fehlte ihm an
nichts, und auch er schien niemandem zu fehlen.
Er fühlte sich einsam.
Er sank auf die Erde, ging mit dem Gesicht
ganz dicht an den Boden heran und sog tief den
Pflanzenduft ein. Ihm fielen die Augen zu, und
hinter den geschlossenen Lidern beobachtete er
die konzentrischen Kreise aus Licht. Die feuchte
Erde unter ihm atmete ein und aus, ahmte das
Geräusch seiner Atmung nach. Eine weiche, samtene
Schläfrigkeit überkam ihn. Er überließ sich
dieser Empfindung. Später würde er sich daran
erinnern, wie sich sein Körper aufgetan hatte,
an den teilenden Schnitt durch das Sein, der das
Geschöpf zum Vorschein brachte, das bis dahin
in seinem Inneren gewohnt hatte. Er vermochte
sich kaum zu rühren. Sein Körper war gleichsam
verpuppt und handelte ohne sein Zutun, so dass
er bloß dämmernd abwarten konnte, was da mit
ihm geschah. Nur eines war ihm ganz deutlich:
sein grenzenloses Unwissen, denn in seinem Geist
tummelten sich Bilder und Stimmen, für die er
keine Erklärung hatte. Er hörte auf, sich Fragen
zu stellen, und gab sich der Schwere seines ersten
Traumes hin.
Er erwachte unter dem Eindruck seiner Bewusstlosigkeit.
Eine Weile spielte er damit, die Möglichkeiten
seines Gedächtnisses zu erproben, indem
er versuchte zu vergessen und sich wieder zu
erinnern – als er die Frau an seiner Seite wahrnahm.
Gebannt beobachtete er sie in ihrer Benommenheit
und sah, wie die Luft allmählich ihre
Lunge erweckte und das Licht ihre Augen, sah die
Bewegungen fließen, als sie sich rührte und selbst
entdeckte. Er wusste, was gerade mit ihr geschah:
das behutsame Erwachen vom Nichts zum Sein.
Er streckte den Arm nach ihr aus, worauf sich
ihre geöffnete Hand ihm näherte. Ihre Handteller
berührten sich. Sie hielten die Hände aneinander,
dann die Arme und die Beine. Sie verglichen sich,
suchten Ähnlichkeiten und Unterschiede. Dann
führte er sie durch den Garten. Er fühlte sich nützlich,
verantwortlich. Er zeigte ihr den Jaguar, den
Tausendfüßler, den Waschbären, die Schildkröte.
Sie lachten. Sie tollten miteinander und beobachteten,
wie die Wolken über sie hinwegzogen und
ihre Gestalt änderten, sie lauschten dem eintönigen
Lied der Bäume und suchten Worte, um das
Namenlose zu benennen. Er wusste, dass er Adam
war und sie Eva. Sie wollte alles wissen.
»Was tun wir hier?«, fragte sie.
»Ich weiß es nicht.«
»Wer kann uns sagen, wo wir herkommen?«
»Der Andere.«
»Wo ist der Andere?«
»Ich weiß nicht, wo er ist. Ich weiß nur, dass er
um uns herum ist.«
Da beschloss sie, ihn suchen zu gehen. Auch sie
habe sich beobachtet gefühlt, sagte sie. Sie müssten
die höchsten Stellen erklimmen. Dort würden
sie ihn womöglich finden. Kann es sein, dass er
ein Vogel ist? Vielleicht, erwiderte er und bewunderte
ihren Scharfsinn. Sie betraten einen Wald
aus duftenden Sträuchern und dicht belaubten
Bäumen und gelangten ohne Hast zum höchsten
Vulkan. Dort hinauf stiegen sie und betrachteten
vom Gipfel aus den üppigen grünen Garten, der
ringsum von einem undurchdringlichen weißen
Nebel umgeben war.
»Was ist dahinter?«, fragte sie.
»Wolken.«
»Und hinter den Wolken?«
»Weiß ich nicht.«
»Vielleicht wohnt er da, der uns beobachtet.
Hast du mal versucht, aus dem Garten hinauszugehen?«
»Nein. Ich weiß, dass wir den grünen Kreis
nicht verlassen dürfen.«
»Woher weißt du das?«
»Ich weiß es einfach.«
»So wie du die Namen wusstest?«
»Ja.«
Es dauerte nicht allzu lange, da hatte sie begriffen,
dass der Blick, der sie beobachtete, nicht der
eines Vogels war. Der Riesenvogel Phönix mit
dem rotblauen Gefieder hatte nämlich über ihren
Köpfen seine Kreise gezogen, und sein Blick war
unbeschwert, wie bei den anderen Tieren auch.
»Vielleicht ist es der Baum da«, wagte sie einen
weiteren Versuch und wies zur Mitte des Gartens.
»Sieh mal, Adam, schau ihn dir an. Seine Krone
streift die Wolken, als würde sie mit ihnen spielen.
Vielleicht wohnt er, der uns sieht, in seinem Schatten,
oder wir fühlen die Blicke der Bäume auf uns
ruhen. Sie sind so zahlreich und stehen überall.
Vielleicht sind sie wie wir, bloß stumm und starr.«
»Der uns beobachtet, rührt sich aber«, wandte
Adam ein. »Ich habe seine Schritte im Laub gehört.«
Gemächlich stiegen sie wieder vom Vulkan
herunter und fragten sich, wie es ihnen gelingen
könnte, dem Anderen zu begegnen.
Da hob sie an, ihn zu rufen. Und er staunte
über den tiefen Klagelaut, der sich aus ihrer
Kehle löste und sich anhörte wie das Heulen des
Windes aus einem gleichwohl flügellosen Leib.
Mit ausgebreiteten Armen stand sie am Flussufer.
Das dunkle Haar fi el ihr über die Schultern. Das
vollkommene Profi l, das entrückte Antlitz mit
den geschlossenen Augen und dem halboffenen
Mund, aus dem die Anrufung scholl, all das rührte
Adam. Er fragte sich, ob es nicht Unsinn sei, sich
jemanden vorzustellen, der ähnlich war wie sie,
im Dickicht verborgen, wo ein Baum unmöglich
vom anderen zu unterscheiden war. Doch beide,
er und die Frau, hatten nicht nur dessen Blick
gespürt, sondern vernahmen auch seine Stimme.
Sie war es nämlich, die ihnen die Sprache einflüsterte,
so dass sie sich immer flüssiger verständigen
konnten. Sie bildeten sich sogar ein, seinen
geduckten Schatten gesehen zu haben, wie er sich
in den Pupillen von Hund und Katze spiegelte.
Vielleicht, so überlegten sie, konnten sie ihn erst
erkennen, wenn ihr Augenlicht gereift war und
nicht mehr so neu.
Noch fi el es ihnen nämlich schwer, die Bilder,
die aus ihrem Inneren aufstiegen, von dem
zu unterscheiden, was sie in ihrer Umgebung sahen.
Besonders Eva hatte die Neigung, das eine
mit dem anderen zu verwechseln. So versicherte
sie glaubhaft, einen Vierbeiner mit menschlichem
Oberkörper, fliegende Eidechsen und Wassernixen
erblickt zu haben, und das nicht nur einmal.
Seit sie an seiner Seite war, hatte sie noch keinen
Augenblick stillgehalten. Es schien, als hätte sie
ein Vorhaben mit ins Leben gebracht, das ohne
ihr Zutun die weichen Bewegungen ihrer langen
Gliedmaßen anstieß. Fortwährend flatterte sie an
Adams Seite, bog und wiegte sich wie eine Palme
im Wind. Ihre pausenlose Regsamkeit war ihm
ein Rätsel. Dennoch sehnte er sich nicht nach der
stillen Kontemplation zurück, in die er sich zu
versenken pflegte, bevor sie erschienen war. Obwohl
sie ihn drängte, wie ein Moschustier von da
nach dort zu traben, bereitete ihm ihr Lachen und
Reden ungleich mehr Vergnügen als seine vorherige
Stille und Einsamkeit.
Vom anderen Ende des Gartens vernahmen sie das
Rauschen immenser Überschwemmungen. In der
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Ferne sahen sie Dunkelheiten und glühende Ausbrüche,
die regelmäßig darin aufflackerten, und
von Zeit zu Zeit zog der Schweif eines Kometen
über das Firmament. Doch der Himmel darüber
blieb so hell wie ehedem, überzogen mit einem
goldenen Schimmer, dessen Tönung ohne erkennbaren
Rhythmus mal stärker und mal schwächer
leuchtete. Die Erde unter ihren Füßen pochte.
Eva bewegte sich auf Zehenspitzen auf Adam zu,
als spielte sie mit ihrem Gleichgewicht, während
er sich verzückt in den Anblick ihrer Zehen vertiefte,
die sich streckten und krümmten, als wären
es Fische.
Adam konnte sich an den Baum in der Mitte des
Gartens gar nicht erinnern. Er wunderte sich
auch, ihn nicht wahrgenommen zu haben, glaubte
er doch, seine Wohnstatt von einem Ende zum anderen
erkundet zu haben.
»Derjenige, der uns sieht, will nicht gesehen
werden. Er verbirgt sich, aber wir müssen ihn
trotzdem finden, Adam, wir müssen wissen, warum
er uns beobachtet und was er von uns will.«
Adam entschied, dass sie dem Lauf eines der
Flüsse folgen sollten. Sie gelangten in den Regenwald.
Die schweren, durchdringenden Gerüche
der fruchtbaren Erde, auf der alle möglichen Farne,
Pilze und Orchideen wuchsen, stiegen ihnen
in die Nase. Verschlungene Pirolnester baumelten
anmutig über ihren Köpfen von den hohen,
mit Moosen und Flechten bedeckten Zweigen,
die aussahen wie geklöppelte Spitzen. Sie sahen
schlafende Faultiere an Armen und Beinen in den
Bäumen hängen. Lärmende Affenhorden tobten
sich überschlagend in den Baumwipfeln. Tapire
und Hasen kreuzten ihren Weg oder strichen ihnen
zutraulich um die Beine. Obwohl der grüne
Dschungel sie warm und von Leben wimmelnd
empfing, schritten sie schweigend dahin, während
sie immer tiefer in die von Lauten und Düften
schwangere Atmosphäre vordrangen, ins verborgene
Herz ihres Paradieses.
Im dichten Urwald liefen sie schließlich im
Kreis und verloren immer wieder die Orientierung;
dennoch wanderten sie beharrlich weiter,
bis ihre Schritte sie unvermutet in die Mitte des
Gartens führten. Dort, so entdeckten sie, nahmen
nicht allein die beiden östlich und westlich verlaufenden
Ströme ihren Anfang, sondern sämtliche
Wege gingen strahlenförmig von hier aus, um
sich später zu verzweigen. Der Baum, an dessen
Fuß sich Wasser und Erde vereinigten, war ungewöhnlich.
Nach oben verlor sich sein Geäst in
den Wolken und streckte sich seitlich, so weit das
Auge reichte. Adam musste sich unwillkürlich
vor dieser Herrlichkeit verneigen. Als Eva einen
Schritt näher ging, versuchte er instinktiv, sie zurückzuhalten.
Sie drehte sich aber nur um und sah
ihn mitleidig an.
»Er kann sich nicht bewegen«, sagte sie zu Adam.
»Und er kann nicht sprechen.«
»Er hat sich nicht bewegt und er hat nicht gesprochen«,
erwiderte er. »Aber wir wissen nicht,
wozu er fähig ist.«
»Es ist ein Baum.«
»Es ist kein beliebiger Baum. Es ist der Lebensbaum.«
»Woher weißt du das?«
»Als ich ihn gesehen habe, wusste ich, was er
ist.«
»Er ist jedenfalls wunderschön.«
»Er ist gewaltig. Und ich finde, du solltest
nicht so nahe drangehen.«
Während ihn der Baum offenbar lähmte, vermochte
sie das Bedürfnis, den dicken, kräftigen Stamm
zu berühren, der sie mit seinem Glanz bezauberte,
kaum zu unterdrücken. Von all der Schönheit um
sie herum waren ihr die Augen übergegangen, von
all den Farben und Vögeln und von den anmutigen
wilden Tieren, die ihr der Mann voller Stolz
gezeigt hatte – aber nichts von alledem kam ihr so
herrlich vor wie dieser Baum. Ihre ganze Vorstellungskraft
wurde vereinnahmt von seinen Blättern
mit der hellgrünen, glänzenden Oberseite, die von
unten purpurn leuchteten und mit dicken, hellen
Venen durchzogen waren. Das Laub an den
zahllosen, nach allen Richtungen ausgebreiteten
Zweigen schluckte das Licht und verströmte es
wieder, so dass der ganze Umkreis strahlte. Die
Schale seiner rundlichen Früchte schimmerte
weiß im phosphoreszierenden Licht, das vom
Baum ausging und sich bis in den hintersten Winkel
des Gartens ergoss. Als sie näher heranging,
nahm Eva die fruchtige Ausdünstung des großen
Baumes als unbekannten Reiz im Mund wahr, als
einen gewaltigen Lebensstrom, der alles um ihn
herum durchdrang. Wie vor ihr Adam wurde auch
sie plötzlich von Ehrfurcht erfasst und zweifelte
an ihrem anfänglichen Impuls, die Rinde zu berühren
und in die Früchte zu beißen.
Sie war der rauhen Oberfläche des Holzes bereits
sehr nahe, nur eine Armlänge entfernt, als
vor ihren Augen ein Doppel erschien, wie das
Spiegelbild in einem See: ein zweiter Baum, gleicher
Art wie jener, der vor ihr stand, bloß fremd,
verschwörerisch. So hell wie der erste, so dunkel
war der zweite; die Oberseite seiner Blätter war
diesmal purpurn, die Unterseite grün, die Früchte
waren dunkle Feigen, umgeben von einer Dichte,
einem undurchdringlichen, matten Licht ohne
Leuchtkraft.
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