Hildegard von Bingen
1098 - 1179
Schon zu Lebzeiten wurde die Äbtissin und Mystikerin wie eine Heilige verehrt. Als Frau im Mittelalter gelang es ihr, sich Gehör und Einfluss in Kirche und Politik zu verschaffen.
Schon seit ihrer Kindheit hatte sie Visionen über das Verständnis der Heiligen Schrift, die sie jedoch lange geheim hielt. Mit acht Jahren wurde sie von ihren Eltern, der Edelfreien Hildebert und Mechthild von Bermersheim, in religiöse Erziehung gegeben und später dem Kloster Disibodenberg übergeben. Im Jahr 1112 legte sie ihre Gelübde ab und trat in den Benediktinerorden ein, 1136 wurde sie zur Magistra ihres Konventes gewählt. 1141 begann sie mit der Niederschrift ihrer Visionen, die in einer Zeit der verweltlichten Religiosität auf einen gereinigten Weg christlichen Lebens hinwiesen. Ihre Werke zählen zu den ältesten Schriften deutscher Mystik.
Auf Betreiben des Abtes Bernhard von Clairvaux beschäftigte sich Papst Eugen III. mit Hildegards Leben und Werk und erteilte ihr 1147 die offizielle Erlaubnis zur Veröffentlichung ihrer Schriften. Er forderte sie auf, Missstände in Kirche und Klerus aufzudecken, was in dieser Zeit vor allem für eine Frau bemerkenswert war.
Zwischen 1159 und 1171 unternahm Hildegard vier Predigreisen, in denen sie als erste Frau öffentlich Klerus und Volk zur Umkehr aufrief. Sie betrachtete sich immer als Werkzeug und Sprachrohr Gottes, ihre eigenen Fähigkeiten schätzte sie selbst gering ein. Ihre Veröffentlichungen und ihr öffentliches Auftreten bescherten ihr großes Ansehen, sie führte einen regen Briefwechsel mit den Mächtigen ihrer Zeit. Kaiser, Könige und Bischöfe, Gelehrte aus ganz Europa suchten bei ihr geistigen Rat und Hilfe.
Um 1147 beschloss Hildegard nach einer Vision, gegen jede Vernunft das Kloster Disibodenberg zu verlassen und mit 20 Nonnen auf dem Rupertsberg bei Bingen ein neues Kloster zu gründen. 1152 wurde Kloster Rupertsberg eingeweiht und einige Jahre später erreichte Hildegard sogar materielle und geistige Eigenständigkeit für ihre Neugründung. Der Konvent erfreute sich dank Hildegards Popularität regen Zulaufs und wurde mit Hilfe zahlreicher Spenden bald sehr wohlhabend.
Ab 1165 übernahm Hildegard auch die Verantwortung für das Kloster Eibingen, in das einige Nonnen vom Rupertsberg umsiedelten.
Neben ihren durch göttliche Offenbarungen inspirierten theologischen Schriften hinterließ Hildegard einige medizinische Abhandlungen über die einheimische Flora und Fauna, in denen sie eine für ihre Zeit weit reichende Kräuterheilkunde entwickelte. Auch musikalisch versuchte sich die vielseitige Äbtissin in der Vertonung verschiedener Bibelstellen.
Ihr reger Geist stand im Gegensatz zu ihrem gebrechlichen Körper, ihr ganzes Leben lang hatte sie mit zahlreichen Krankheiten und körperlicher Schwäche zu kämpfen. Als tiefgläubiger und demütiger Mensch ertrug sie ihre schwindende körperliche Kraft in den letzten Lebensjahren, während ihr Geist an Stärke zunahm.
Als Hildegard einen von der Kirche exkommunizierten Edelmann, der sich zuletzt noch mit der Kirche ausgesöhnt hatte, in geweihter Erde bestatten ließ, kam es zum Streit mit den Mainzer Prälaten. In einem „Interdikt“ untersagten diese dem Kloster das Singen des Gotteslobes, was die greise Äbtissin schwer kränkte und zu vehementen Protesten veranlasste. Hildegard war nicht bereit die Logik ihres Herzens den Kirchenparagraphen unterzuordnen. Schließlich beendete der Erzbischof den eskalierenden Streit persönlich, indem er das Interdikt 1179 aufhob.
Nach einem mit Hingabe geführten Leben voller Schaffenskraft wünschte sich Hildegard schließlich nur noch zu Christus heimzukehren, am 17. September 1179 starb sie im Alter von 81 Jahren auf dem Rupertsberg. Bereits 1228 wurde ein Antrag zur Heiligsprechung gestellt, doch obwohl ich Name im Verzeichnis der Heiligen der Kirche verzeichnet ist, ist sie bis heute nicht kanonisiert.
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