„Der letzte Harem“ oder vom Sinn und Unsinn historischer Romane
von Peter Prange
10 Thesen von Peter Prange zum Historischen Roman
1) Viele Menschen empfinden die Gegenwart als beängstigend, die Zukunft als ungewiss. Wozu in solcher Zeit historische Romane?
Große Geschichten aus der Geschichte haben die Menschen schon immer fasziniert. Weil bei allen Veränderungen des Lebens die wesentlichen Antriebskräfte stets dieselben sind: Liebe, Hass, Schönheit, Eifersucht – all die großen Gefühle und Leidenschaften, zu denen Menschen fähig sind. Aus diesem Grund können wir Jahrtausende alte Dramen nachempfinden und erleben.
Doch das allein macht eine Geschichte aus der Geschichte in meinen Augen noch nicht erzählenswert. Entscheidend ist, ob sie für uns heute noch von Bedeutung ist, uns widerspiegelt in unserem eigenen Selbstverständnis, uns Mut gibt und Lust macht auf das große Abenteuer des eigenen Lebens.
Der letzte Harem ist – hoffentlich – eine solche Geschichte. Es geht um das uralte, nie gelöste Problem menschlicher Freiheit. Zwei Frauen, die in der abgeschlossenen Welt des Harems davon träumen, ein Leben ohne äußeren Zwang zu führen, werden auf dramatische Weise in die Welt jenseits der Palastmauern entlassen. Plötzlich ist nichts mehr so, wie es war. Und die Freiheit, von der sie träumten, droht zum Alptraum zu werden.
2) Kann ein historischer Roman den Geschichtsunterricht ersetzen?
Ich meine, ein historischer Roman ist kein Geschichtsbuch, und ein Romanautor ist kein Historiker. Beide schildern zwar geschichtliche Ereignisse, doch mit unterschiedlichem Interesse. Während der Historiker versucht, vergangene Zeiten möglichst exakt zu rekonstruieren, interessiert den Romanautor vor allem die sinnbildhafte Bedeutung, die er in einer bestimmten historischen Situation zu erkennen glaubt. Die historische Realität ist darum für ihn nicht Sinn und Zweck seiner Arbeit, sondern ein Steinbruch: Stoff für einen Roman.
Ein solcher Steinbruch tat sich vor mir auf, als ich vor drei Jahren bei der Besichtigung des Topkapi-Serails in Istanbul vom Ende Abdülhamids II. und der Auflösung seines Harems erfuhr. Die Entmachtung des letzten autokratischen Sultans markiert den Zusammenbruch des Osmanischen Reichs, der größten Multikulti-Gesellschaft aller Zeiten. Zugleich markiert sie die Geburtsstunde der modernen Türkei. Eine Gesellschaft, in der Jahrhunderte lang Dutzende von Völkern, Sprachen und Religionen in erstaunlicher Toleranz koexistierten, sieht sich plötzlich vor die Herausforderung gestellt, sich von Grund auf neu zu erfinden.
In diese Realität, die geprägt ist vom Konflikt zwischen Tradition und Moderne, orientalischer und europäischer Kultur, Islam und Christentum, geraten meine Heldinnen vollkommen unverhofft hinein, nachdem sie ihr ganzes Leben zuvor in dem künstlichen Paradies des Harems verbracht haben. Lebten sie dort in einer Welt fernab jeder Wirklichkeit, in einer Gemeinschaft, die nach außen vor jedweder Gefahr geschützt und nach innen bis ins kleinste Detail formiert und reglementiert war, müssen sie sich nun in einer Welt zurecht finden, die selber außer Rand und Band geraten ist. Haben wohl jemals Menschen die philosophische Metapher von der „Geworfenheit“ des Menschen in die Existenz dramatischer und radikaler erfahren als diese Frauen?
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