Das Schokoladenmädchen
Katryn Berlinger über ein Stück vom Glück
Ohne Zweifel, Schokolade ist ein Stück zum Glück! Sie ist Schmelz und Kreation, Liebe und Rausch – wir sind ihr verfallen. Ob wir nun Montezuma heißen, Casanova oder wie im Roman Das Schokoladenmädchen Madelaine Elisabeth Gürtler. Schon als Kind in den chilenischen Salpeterbergwerken lernt sie von ihrem Vater: Schokolade versüßt das Leben.
Aber was ist das Gegenteil von Schokolade, von Süße und Erotik? Es ist das Salz, es ist die Verbitterung. Das Salz, das allem Süßen erst die perfekte Würze gibt, so wie allem Salzigen das Süße als ein Stück Hoffnung innewohnt. Und so ist auch Madelaines Geschichte eine, in der das Salz ständiger Begleiter ist. Ihr Vater, der mit ihr und ihrer Mutter aus dem ärmlichen Hamburger Gängeviertel nach Chile ausgewandert ist, bleibt verschollen. Ihre Hoffnung auf ein besseres Leben in Valparaiso stirbt und sie muss wieder heimkehren. Erst durch den Schweizer Konditor Urs Martieli lernt Madelaine, dass Zucker und Salz als Metaphern für Glück und Leid zu begreifen sind. Er vermittelt ihr auch das nötige Selbstbewusstsein, das sie braucht, um später für ihre Liebe zu kämpfen. Urs Martielis launige Freundin Inessa wird Madelaine einmal sagen: „Weißt du, das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen. Man weiß nie, was man bekommt.“
In den Friedensjahren zwischen der deutschen Reichsgründung 1871 und dem Ersten Weltkrieg liegt Aufschwung in der Luft: Handel und Wirtschaft blühen, auch in Riga, der kosmopolitischen Hansestadt an der Ostsee, dem „Paris des Nordens“. In die Blütezeit Rigas fällt 1901 die 700-Jahr-Feier der Stadt. Die eleganten Ornamente des Jugendstils prägen bald Geschmack und Ästhetik. Eine der neu erbauten hochherrschaftlichen Jugendstilvillen gehört einem reichen Erzmagnaten aus Oberschlesien. Mit Leidenschaft sammelt er Kunst. So gehört ihm auch das Bildnis des „Schokoladenmädchens“ von Jean-Étienne Liotard. Madelaine ist zu der Zeit bereits eine erfolgreiche Zuckerbäckerin und chocolatière, und sie spielt die sinnlich-erotische Qualität der Schokolade zugunsten ihres Geschäfts behutsam aus. Innerhalb kurzer Zeit gerät sie in eine spannungsgeladene Welt, in der sie mit Menschen zu tun hat, die über Standesgrenzen hinaus von Eifersucht, Leidenschaft und Rache getrieben sind. Und zudem steht Madelaine in der Schuld eines jungen Mannes, der ihr bei einem Schiffsuntergang das Leben rettete.
Ihre Liebe gehört jedoch einem Mann, der allein weges des Standesunterschiedes unerreichbar für sie ist: András Mazary, ein ungarischer Graf, der aber eine andere Frau heiraten soll ... Wie wird sich Madelaine entscheiden? Für die Liebe? Für den Erfolg? Oder für die Versuchung?
Und wir? Schnell schieben wir uns ein Stück Schokolade zwischen die Lippen und drücken es an den Gaumen. Wir schmecken Kakao, einen leichten Hauch Bitterkeit, eine kaum spürbare Säure, berauschen uns an der Süße des Zuckers, verspüren eine Spur Herbheit, kosten Aromen von Ananas, Banane, Vanille, Zimt ... Wir seufzen und kosten alles bis zum letzten Genussfädchen aus. Schnell ein neues Stückchen Schokolade – oder sollten wir sie wieder einmal genießen wie die Herrschaften, die Liotards „Schokoladenmädchen“ bedient? Mit einer Tassse Kaffee, einem Glas Cognac – oder, wie die wahren Connaisseurs, mit einem Glas Wasser?
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