Der Mythos der Tulpen
von Jörg Kastner
„Wenn der Frühling kommt, dann schick ich Dir Tulpen aus Amsterdam“, sang einst die Niederländerin Mieke Telkamp im Schlager und schuf damit nicht nur einen Ohrwurm, sondern ein geflügeltes Wort. Denken wir heute an die Niederlande, ist die Tulpe nicht fern. Und Frau Antje aus Holland hätte uns ebensogut Tulpen statt Käse anpreisen können. Daß die „Tulpen aus Amsterdam“ einer der ganz großen niederländischen Exportschlager sind, ist darin begründet, daß die Tulpe schon vor fast vierhundert Jahren in Amsterdam ein, salopp gesprochen, Schlager gewesen ist. So lag es nahe, daß ich, nachdem ich mich schon in meinem Roman Die Farbe Blau mit dem Amsterdam des 17. Jahrhunderts und speziell mit dem Maler Rembrandt beschäftigt hatte, auf der Suche nach einem Leitmotiv für einen zweiten Amsterdam-Roman die Tulpe wählte. Und obwohl mein Roman Die Tulpe des Bösen hauptsächlich im Jahr 1671 spielt, also dreieinhalb Jahrzehnte nach dem brutalen Ende der großen niederländischen Tulpenspekulation, ist diese doch ein wichtiges Thema des Buches.
Aber der Reihe nach. Schließlich ist die Tulpe nicht, auch wenn es uns heute so erscheinen mag, ursprünglich in den Niederlanden beheimatet gewesen. Ihre Spur reicht weit ins Osmanische Reich hinein, nach Vorderasien, vielleicht noch weiter. Nachdem die Osmanen sich schon lange an ihr erfreut hatten, wurde die Tulpe im Laufe des 16. Jahrhunderts auch in Europa populär, zunächst nur bei den Botanikern, aber bald auch bei der breiten Masse. Anfangs waren sich die Europäer nicht ganz einig, ob man die Blütenpracht bewundern oder die Tulpenzwiebel lieber verspeisen sollte. Ein niederländischer Kaufmann, der unerwartet einige Tulpenzwiebeln zwischen einer Lieferung Tuchballen fand, ließ sich die fremden Gewächse geröstet, angemacht mit Essig und Öl, servieren und war recht angetan. Der Gelehrte Carolus Clusius dagegen aß die Tulpenzwiebel lieber in Zucker eingelegt.
Clusius war es auch, der die Tulpe den Niederländern nahebrachte, nachdem er 1593 einem Ruf als Professor für Botanik an die Universität von Leiden gefolgt war. Bald teilten die Niederländer seine Liebe zu der damals noch exotischen Blume – mehr, als Clusius lieb war. Immer wieder stahl man seine kostbaren Zwiebeln, und die Tulpen verbreiteten sich schnell über die gesamten Niederlande, so daß man dort schon Anfang des 17. Jahrhunderts von einem regelrechten Tulpenboom sprechen konnte oder von der „Großen Tulpomanie“. Man erfreute sich an besonders seltenen Mustern und wußte damals nicht, daß diese von einem Virus (dem sogenannten Mosaikvirus), übertragen von der Blattlaus, hervorgerufen wurden.
Woher aber rührte die Begeisterung der Niederländer, calvinistisch-sittsam und damals bekannt als eher derb und nicht gerade schöngeistig veranlagt, für die schöne, farbige Tulpe? Gegensätze ziehen sich an, heißt es, und gerade der Gegensatz zwischen der rauhen Lebenswelt der Niederländer, die ihr Land dem Meer abtrotzen mußten und im ständigen Kampf mit anderen Staaten lagen, und der schlanken, fragilen, liebreizenden Blume aus dem fernen Osmanenreich mag hier den Ausschlag gegeben haben. Mit nur einer besonders schönen Tulpe im Haus besaß man schon ein Gegenstück zu der harten Welt außerhalb der eigenen vier Wände.
Die Niederländer stürzten sich mit solcher Begeisterung auf die Tulpe, daß die steigende Nachfrage nach besonders gemusterten Exemplaren zu immer höheren Preisen führte, und bald verkaufte man Zwiebeln, die man noch gar nicht besaß und von denen man nicht wußte, ob sie wirklich schön gemusterte Blüten hervorbringen würden. Die Preise stiegen und stiegen, und schließlich wurde für besonders seltene Tulpen soviel gezahlt wie für ein ganzes Haus. Die Liebe zur Tulpe vermischte sich mit einer anderen großen Leidenschaft der Niederländer, ihrer Begeisterung für Wetten jeglicher Art, die sich auch auf das Berufliche ausdehnte. Rief ein Reisender einen Gepäckträger oder einen Kutscher, erhielt nicht etwa der erste in der Reihe den Zuschlag. Nein, man würfelte darum, wer den Kunden oder sein Gepäck transportieren durfte.
Mit derselben Begeisterung gingen die Niederländer ihren Tulpenhandel an. Sie kauften und verkauften Tulpenzwiebeln zu immer höheren Preisen, immer weiter im voraus – eine frühe From von Termingeschäften. Doch im Jahr 1637 brach der Markt zusammen. Teuer eingekaufte Zwiebeln – oder das Anrecht auf solche – konnten nicht mehr weiterverkauft werden. Die Skepsis siegte über die Spekulationssucht, aber manch ein Tulpenspekulant hatte bereits Haus und Hof verloren. Nur durch staatliches Eingreifen konnte verhindert werden, daß die Tulpenkrise sich zu einer landesweiten Finanz- und Wirtschaftskrise auswuchs: Die Möglichkeit, Ansprüche vor Gericht geltend zu machen, wurde beschränkt, und für künftige Tulpengeschäfte wurde ein Höchstpreis festgelegt.
Das alles ergibt einen farbigen, spannenden Hintergrund für einen historischen Roman. Wie gingen die Niederländer mit der Krise um? Auch danach gab es weiterhin Tulpenbegeisterte, wenn auch nicht mehr so zahlreich und so unbedingt. Aber es gab auch Menschen, die vom Haß auf jene Blume erfüllt waren, die ihnen solches Unglück gebracht hatte. Menschen, die nicht erkannten, daß sie in Wahrheit ein Opfer der eigenen Gier geworden waren. Was geschah, wenn Tulpenfreunde und Tulpenhasser aufeinandertrafen? Diese und andere Fragen habe ich zu beanworten versucht, und Parallelen zur aktuellen Finanzkrise sind – leider – nicht von der Hand zu weisen. Aber weil ich nicht nur einen historischen Roman schreiben wollte, sondern auch einen Thriller im historischen Ambiente, geht es bei mir um ein besonders tückisches Exemplar der von den Niederländern so geliebten Blume – um „Die Tulpe des Bösen“.
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