Deutschland braucht ein Seebad
Katryn Berlinger über Heiligendamm und Bad Doberan
Feierabend, Wochenende, Sommerferien – ein heißer Sommertag. Was liegt näher, als die Badetaschen zu packen und an die Ostsee zu fahren?
Nachts kommen wir an, der Mond scheint. Wir laufen an den leeren Strand … kein Mensch weit und breit zu sehen. Was tun? Na klar: raus aus allen Klamotten und rein in die dunkel schimmernden Fluten, splitterfasernackt.
Herrlich!
Und gesund!
Wobei wir schon bei dem Mann wären, der Nacktbaden ausdrücklich für heilkräftige Zwecke empfahl: Das war kein 68er-Arzt oder FKK-Anhänger, auch kein romantischer Anhänger der frühen Wandervogel-Bewegung. Nein, es war ein Rostocker Arzt des 18. Jahrhunderts.
“Mit einem Badehemde, mit Beinkleidern, oder sonst einer Bedeckung ins Bad zu gehen, ist in der Regel zu widerraten.”
Na, wer war`s?
Fahren wir nach Heiligendamm, nach Bad Doberan und lassen wir uns von der Geschichte beider Orte inspirieren.
Am 25. August 1793 schickte der Rostocker Hofrat und Professor Samuel Gottlieb Vogel seinem Landesherrn Herzog Friedrich Franz I. von Mecklenburg-Schwerin einen Brief, in dem er ihm den Vorschlag unterbreitete, an der mecklenburgischen Ostseeküste ein Seebad nach englischem Vorbild zu gründen. Schließlich sei seit langem bekannt, dass das Baden in Seewasser „sehr viele Schwachheiten und Kränklichkeiten des Körpers“ beheben kann. Den bisher unbebauten „Heiligen Damm“ hielte er für besonders geeignet, da sich in Doberan bereits „seit einigen Jahren im Sommer eine ansehnliche Gesellschaft von Fremden aus Rostock, Schwerin, Güstrow, sogar aus Hamburg, ... versammelt und (aufhält), um Brunnen zu trinken, in der nahen See zu baden, oder sonst der Gesundheit zu pflegen.“
Das Gebiet um den Heiligen Damm gehörte zu der Zeit zum Domanium, d. h. zum herzoglichen Besitz. Doberan, mit seinen 900 Einwohnern und 85 Häusern war nicht nur zeitweise Sommerresidenz der Herzöge von Mecklenburg-Schwerin, sondern durch die Grablege der Herzöge im Münster bereits recht bekannt.
Wie schön schon damals Reisende das Gebiet um den Heiligen Damm an der Ostseeküste empfanden, schilderte der Engländer Thomas Nugent in seinen Erinnerungen von seiner Reise aus dem Jahr 1766:
„Hier ist der Prospekt (= die Aussicht) bewunderungswürdig schön. Linker Hand zeigte sich uns ein ebenes, mit fetten Wiesen geschmücktes Land, und rechter Hand ein majestätischer Wald. Vor uns hatten wir das grenzenlose Weltmeer; der heilige Damm bezauberte uns gänzlich; er hat das Ansehen eines großen, durch Kunst errichteten Deiches, um die See abzuhalten, die sonst das ganze Land überschwemmen würde.“
Kurzum: Herzog Friedrich Franz I nahm Professor Vogels Vorschlag an und gründete noch im selben Jahr – 1793 – Deutschlands erstes Seebad Doberan-Heiligendamm.
Er griff in die eigene Kasse und stiftete 4.250 Taler, zwei Jahre später 12.718 Taler und versprach, den gesamten Aufbau allein aus eigener Tasche zu begleichen. Ob die damaligen Kurgäste ahnten, dass ein Großteil der Gelder aus der Arbeit tausender leibeigener Bauern stammten? Sicher war ihnen diese Tatsache vertraut. Doch ob noch spätere Urlauber sich vorstellen konnten, dass Friedrich Franz I. eintausend junge Mecklenburger als Söldner an Wilhelm V. von Oranien (1748 – 1806) verkaufte und von diesem jährlich 37.000 Silberdukaten holländischer Währung sowie zusätzliche Zahlungen für Tote, Verwundete und Vermisste erhielt?
Wie dem auch sei: Innerhalb kurzer Zeit entwickelte sich Doberan zum Treffpunkt der nationalen und internationalen Oberschicht – die morgens zum Baden zum Heiligen Damm kutschierte, gegen Mittag nach Doberan zum Speisen, Spielen, Tanzen, Flanieren, Feiern zurückkehrte …
Prinzen und Admiräle, Fürsten und Staatskanzler, Erzbischöfe, Künstler und Wissenschaftler, Könige und Zaren: Sie alle kurten an diesem schönen Fleckchen Erde.
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