Kleider machen Fürsten
Ein kleiner Exkurs über Mode im 14. Jahrhundert von Marie Cristen
Aimée von Andrieu gelingt es in Die Stunde des Venezianers, das marode Handelshaus der Cornelis wieder zum Blühen zu bringen, indem sie die Vorliebe des Herzogpaares von Burgund für Mode und Luxus, für ihre Zwecke ausnützt.
Diese Vorliebe ist keine "Erfindung", sondern historische Tatsache. Herzog Philipp, der sich seinen Beinamen "der Kühne" schon im Alter von zwölf Jahren ebenso auf dem Schlachtfeld, wie bei Hofe verdient hatte, präsentierte sich seiner Zeit als vollkommener Ritter. Er nahm sowohl seine staatsmännischen Pflichten ernst, wie sein persönliches Vergnügen. Mit Margarete von Flandern heiratete er 1369 die reichste Erbin Europas. Beide waren jedoch im herkömmlichen Sinne nicht schön. Er, ein zwar faszinierender, aber hässlicher dunkelhäutiger Mann mit scharfen Gesichtszügen. Sie, eine unscheinbare Flämin, die sich der Tatsache sehr bewusst war, dass es ihr an Anmut und Attraktivität fehlte. Beide waren jedoch mit scharfer Intelligenz gesegnet, ehrgeizig und entschlussfreudig. Sie nutzten Prachtentfaltung, Kunst und kostbare Kleidung zur Repräsentation ihrer Macht.
Von Philipp ist überliefert, dass er seinen Hut stets mit kostbaren Federn schmückte. Unter zwölf Straußenfedern, zwei Fasanenfedern und zwei Federn exotischer Vögel setzte er ihn nicht auf. Auf seinem Wams glänzte eine Goldkette, die ein Medaillon trug, das von einem Adler und einem Löwen gehalten wurde. Zwischen Rubinen, Perlen und Saphiren war dort sein Wahlspruch "en loyauté" eingraviert. Seine Vorliebe für schöne Dinge ging bis ins Detail. Jede Gewandschließe oder Gürtelschnalle wurde von den besten Goldschmieden Frankreichs und Burgunds mit Pflanzen und Tiermotiven verziert. Jagdszenen, Legenden und Bilder des höfischen Lebens tauchten in Stickereien und Borten auf. Wobei Philipp als persönliches Symbol den Ginsterzweig wählte, während seine Gemahlin von ihrer Namensblume versinnbildlicht wurde. Auch schätzte er es, seine Kleider mit "klingenden Tieren" zu versehen. Diese Modeidee des 14. Jahrhunderts, versah goldene Lämmer oder Schwäne mit kleinen Schellen, so dass sich ihr Träger schon von weitem ankündigte.
Herzogin Margarete, die der faszinierenden Ausstrahlung ihres Gemahls vom ersten Tag an erlegen war, tat das Ihre, um neben dieser Prachtentfaltung nicht vollends übersehen zu werden. In den erhaltenen Rechnungsbüchern der Fürstin finden sich erstaunliche Summen für Toiletten. Neben kostbarsten Pelzen, bevorzugte sie italienische Seiden und Brokate, goldgewebten Damast, flämische Tuche und Leinenstoffe aus Lille und Mechelen. All diese Stoffe wurden noch zusätzlich von zahllosen Stickerinnen mit Margeriten, Veilchen, Rosen, Weißdorn und Vergissmeinnicht verziert. So trug jedes einzelne Wäschestück der Fürstin ein gesticktes Weißdornblatt.
Eine ganz besondere Vorliebe entwickelte Margarete jedoch für ausgefallene Juwelen. Während ihr Gemahl sich am liebsten mit Rubinen schmückte, erwärmte sie sich für alles was funkelte. Perlen, Gold, Edelsteinen, ausgefallene Gemmen und fremdländischen Geschmeiden konnte sie nur schwer widerstehen. Das Perlenhalsband, das Aimée ihr zurückverkauft ist dabei ebenso historisch belegt, wie ein goldener Anhänger mit zwei Lämmern, die einen Wolf gezähmt haben. Der symbolisierte Triumph der Sanftheit über rohe Kraft, entsprach dem Lebensmotto der Fürstin.
Das vierzehnte Jahrhundert zeichnete sich in Sachen Mode durch eine zunehmende Verengung der Kleidung aus. Jene Kreise, die es sich leisten konnten, hüllten sich in immer kostbarere Stoffe, trugen immer längere Schleppen und schließlich wischten sogar die Ärmel ihrer Gewänder über den Boden. Im Jahre 1377 wurden in Frankreich und England bereits Klagen darüber laut, dass die Damen und Herren nicht mehr voneinander zu unterscheiden seien.
Während die Herren der Idealfigur mit breiten Schultern und schmaler Taille nacheiferten und die kürzer werdenden Oberteile mit Gürteln rafften, an denen neben einer Tasche auch der unvermeidliche Dolch befestigt werden konnte, trugen die Damen mehrere Schichten übereinander.
Über dem Hemd, meist aus feinem Leinen, folgte eine sogenannte Cotte. Dieses Unterkleid lag eng genug an um die Figur zu betonen. Darüber folgte das Surcot, auch Kürsit oder Suckenie genannt. Dieses ärmellose Gewand ließ durch die weiten Ärmelausschnitte – die sogenannten Teufelsfenster – nicht nur die Cotte, sondern auch den möglichst schlanken Wuchs seiner Trägerin erkennen. Hinzu kam – Krönung allen modischen Bemühens - noch ein Leibchen ohne Ärmel, das den Oberkörper dicht umschloss und zum ersten Male mit Knöpfen geschlossen wurde. Je kostbarer und modischer Gewänder, Umhänge und Mäntel ausfielen, umso länger waren auch die Schleppen, die sie zierten.
Eine verheiratete Frau verhüllte zudem den Kopf mit den verschiedenartigsten Hauben, Turbanen und Hüten. Auch ein Mann von Bedeutung zeigte sich in der Öffentlichkeit nie ohne Kopfbedeckung.
Philipp und Margarete von Burgund waren wichtige Wegbereiter der "burgundischen Hofmode", deren Höhepunkt unter ihrem Enkel, Philipp dem Guten, erreicht wurde. Burgund war in dieser Zeit führend auf dem Gebiet der Mode, da sowohl der exklusive Geschmack seiner Fürsten, wie auch ihr Regierungsgeschick, dafür sorgten, dass eine relativ lange Periode des Friedens, den Handel mit Luxusgütern forcierte. Gent und Brügge wurden zu Zentren dieses Handels und seine Bürger liebten es ihren Reichtum zur Schau zu stellen. Schon die Gemahlin Philipps des Schönen, Jeanne von Navarra, hatte ein knappes Jahrhundert zuvor, bei ihrem Besuch in Brügge voller Neid festgestellt, dass die Bürgersfrauen dieser Stadt eleganter und kostbarer gekleidet waren als die Königin von Frankreich.
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