Mutter Courage und ihre Töchter: Das Leben im Heerestross während des Dreißigjährigen Krieges
von Heidi Rehn
Dreißig Jahre Krieg – eine unfassbar lange Zeitspanne. Ich bin ein friedliebender Mensch, trotzdem beschäftigt mich dieses Ereignis sehr. Was mich dabei gleich gepackt hat: In jener Epoche an der Schwelle zur Neuzeit beginnen die Menschen, Tagebuch zu führen, Aufzeichnungen für die Nachwelt zu verfassen, was ihnen widerfahren ist. Zum ersten Mal wird damit greifbar, wie die Bevölkerung die „große Geschichte“ im Kleinen, also vor der eigenen Haustür erlebt hat. Unter all den Tagebüchern ragt eines ganz besonders heraus: das des Söldners Peter Hagendorf. Es ist das einzig bislang bekannte Zeugnis, das aus der Sicht eines einfachen Soldaten Einblick in das Kriegsgeschehen gewährt. Durch puren Zufall bin ich beim Schmökern in der Bibliothek darauf gestoßen und habe schon nach den ersten Seiten gewusst: Das wird meine Geschichte!
Der normale Alltag mitten im Krieg
In den meisten Tagebüchern jener Zeit berichten die Opfer von den Schrecken eines Überfalls oder der Heimsuchung einer Plünderung. Peter Hagendorf aber erzählt aus der entgegen gesetzten Perspektive: von seinem täglichen Dasein als Söldner mitten im Schlachtengetümmel. So unglaublich es klingt, aber diesen Alltag hat es tatsächlich auch gegeben. Gerade in der letzten Phase vergingen immer längere Abstände zwischen den Gefechten, galt es das Warten auf den nächsten Kampf sinnvoll zu gestalten und vor allem auszuhalten. Zudem mussten die zigtausend Soldaten versorgt werden, ihre Waffen und Ausrüstung gepflegt sowie die gesamte Maschinerie des Heeres im Laufen gehalten werden. Auf gut einhunderttausend (!) Menschen schätzt man den Tross, also den „zivilen“ Anhang des kaiserlichen Heeres in den letzten Kriegsjahren. Darunter befanden sich außer den Familienangehörigen, also Frauen und Kindern der Soldaten, auch Handwerker aller Sparten, Wundärzte, Hebammen, Spielleute, Huren, Händler und gewiss noch viele weitere, die im Schutz der Bagage ihr (Über-) Leben fristeten. Nicht nur der großen Zahl wegen bildete der Tross eine Art eigene Stadt. Das vermeintliche Chaos war sehr straff organisiert. Angefangen von der exakten Abfolge beim Aufbruch des Heereszuges bis hin zur Reihenfolge beim Marschieren war jedes Detail festgelegt. Auch wenn dieser gewaltige, bis etwa 7 km (!) lange Bandwurm sein Lager aufschlug, existierten genaue Vorschriften, wer dort wo und wie seine Unterkunft aufbauen durfte. Eigens dafür abkommandierte Offiziere wie z.B. der Trosswaibel sowie der Profos als Gerichtsherr und seine Steckenknechte als seine tatkräftigen Helfer sorgten für die strenge Einhaltung der Regeln. Darüber hinaus lagen Vorschriften für die Winterquartiere und Krankenzüge vor, die ebenso generalstabsmäßig geplant wurden. Selbst wenn es nach einem Sieg oder der Eroberung einer Stadt zu Plünderungen kam, stand fest, wer wann dazu aufbrechen durfte.
Ein liebender Ehemann und Vater
All diese Dinge schildert Peter Hagendorf in sehr knappen, aber anschaulichen Sätzen in seinem Tagebuch. Seit etwa 1625 bis zum Friedensschluss von Münster 1648 steht er im Heer der Kaiserlichen unter Sold, erlebt sämtliche Höhen und Tiefen und vor allem die lange Agonie bis zum endgültigen Kriegsende 1648 hautnah mit. Jahr für Jahr zieht er Tausende Kilometer (weitgehend zu Fuß!) durch die Lande, ist bei Siegen und Niederlagen mit dabei, gerät in Gefangenschaft, kämpft auf Seiten der Feinde, wird verwundet, kehrt wieder zu „den Unsrigen“ zurück. Was aber weitaus mehr als alles andere berührt: Außer diesem Soldatendasein lebt er in diesen mehr als zwanzig Jahren ein ganz „normales“ Leben als Ehemann und Vater mitten im Heerestross!
Liest man seine Schilderungen, scheint es gar manchmal, als wären er und seine Familie Bewohner einer ganz normalen Stadt, so alltäglich muten die Sorgen um Krankheit, Lebensmittel oder die geeignete Unterkunft an. Seine erste Frau findet Hagendorf nach wenigen Monaten schon im Heerestross. Es ist die Tochter eines älteren Kameraden. Er liebt sie innig, wie er oft beteuert, und hat mehrere Kinder mit ihr. Alle sterben, schließlich auch die Frau selbst. „Gott schenke ihnen eine fröhliche Auferstehung“, kommentiert er lakonisch jedes Mal aufs Neue ein wenig unbeholfen die schmerzhaften Verluste. Einige Jahre später heiratet er ein zweites Mal, wieder eine Frau aus dem Tross, und dieses Mal überlebt wenigstens eines der Kinder bis zum Ende des Krieges. Dieses Kind ist ein Sohn, und der gute Peter Hagendorf tut sein Bestes, ihm das Dasein in der schwierigen Zeit zu erleichtern. Was wäre, habe ich mich beim Lesen gefragt, wenn dieses Kind eine Tochter gewesen wäre? Ganz sicher hätte Hagendorf auch für diese Tochter als sein einziges, überlebendes Kind alle Hebel in Bewegung gesetzt, ihr ein gutes Dasein zu ermöglichen. Damit war „meine“ Heldin Magdalena, „Die Wundärztin“ und Söldnertochter, für meine Geschichte geboren.
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