Napoleon in Ägypten
Von Jörg Kastner
Ägypten, da denkt man an Wüste und Beduinen, an die majestätischen, geheimnisvollen Pyramiden, palmenbestandene Oasen und das kühle Wasser des Nils, an die mächtigen Pharaonen, an Cleopatra. Aber an Napoleon, den kleinen Mann von der Insel Korsika mit den großen Träumen, dessen Sonne 1805 bei Austerlitz erstrahlte und zehn Jahre später bei Waterloo endgültig verglühte? Was hat der Schrecken Europas mit dem fernen, sagenhaften Morgenland zu tun?
1798, als der spätere Kaiser der Franzosen noch der Revolutionsgeneral Bonaparte war, führte er ein Heer von 38000 Soldaten in eben jenes Ägypten. Sein Ziel: Englands Vormachtstellung im Nahen Osten brechen und Englands Handel mit seinen indischen Kolonien bedrohen. Denn die Engländer, die unangreifbar auf ihrer trotzigen Insel saßen, waren die ständigen Feinde der revolutionären Franzosen. Aber ein weiteres, viel persönlicheres Ziel trieb den General Bonaparte an: Ruhm und Macht. In Italien hatte er sich bereits einen Namen gemacht, doch der Feldzug war beendet. In Ägypten fernab von dem Direktorium, das Frankreich regierte, wollte Napoleon Bonaparte Erfolge erringen, die ihn zum unangefochtenen Helden Frankreichs erhoben. Und es gelang. Zwar ließ er seine Armee im Sommer 1799 im Stich und schiffte sich heimlich nach Frankreich ein, aber wieder einmal konnte er auf siegreiche Schlachten zurückblicken und sich als Held der Franzosen feiern lassen. Drei Jahre später ließ er sich per Volksabstimmung zum Konsul auf Lebenszeit wählen, und noch einmal zwei Jahre später krönte er sich selbst zum Kaiser der Franzosen. Eine beispiellose Karriere, die ohne seinen Ruhm als Eroberer Ägyptens kaum möglich gewesen wäre. Genügend Stoff also für einen Autor historischer Romane – sollte man meinen.
Mich aber beschäftigte etwas anderes, als ich meinen Roman Das Wahre Kreuz plante. Nicht nur Soldaten waren mit Napoleon nach Ägypten gekommen, sondern auch Wissenschaftler, Landvermesser, Kartographen, Architekten, Schriftsteller, Komponisten, Maler und Zeichner. Sie alle vermaßen das fremde Land Ägypten, zeichneten es – ein jeder auf seine Weise – für die Menschen in der Heimat auf, weckten das noch heute im Abendland fortdauernde Interesse für den Orient, legten den Grundstein für die Ägyptologie. War Napoleon also mehr als ein ruhmessüchtiger Feldherr? War er ein Förderer der Wissenschaft und der Künste?
Diese spannende Frage bewog mich, Bastien Topart zum Helden meines Romans zu küren, einen jungen Zeichner, der im Gefolge Bonapartes nach Ägypten kommt und dort in Abenteuer gerät, die er sich daheim in Frankreich nie hätte träumen lassen. Bastien Topart ist eine von mir für Das Wahre Kreuz erfundene Figur, die stellvertretend für all jene Künstler und Wissenschaftler steht, die anno 1798, beseelt von Forscherdrang und unter großen Strapazen, Ägypten erkundet und den Menschen in Europa ein Bild von dem Land am Nil vermittelt haben.
Jörg Kastner ist Autor zahlreicher historischer Romane. Seine genaue Recherche und spannende Erzählweise zeichnen seine Romane aus.
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