Zwischen Glaube und Irrtum
Ursula Niehaus über die Heiligenverehrung
Eine junge, bayerische Bauernmagd fängt plötzlich an, aus Wundmalen, wie Christus sie an Händen und Füßen hatte, zu bluten. Ihr weißes Kopftuch ist blutgetränkt, von Wunden die von der Dornenkrone herrühren. Visionen suchen sie heim, sie isst und trinkt nicht mehr, lebt ausschließlich vom Empfang der heiligen Kommunion - Jahrzehnte lang.
Wunder oder Betrug? Aus aller Welt pilgern die Menschen zu ihr - bis zu fünftausend sind es an Karfreitagen, wo das Bluten besonders heftig ist. Gute vierzig Jahre nach ihrem Tod gibt die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechung der katholischen Kirche in Rom ihr Nihl obstat, das Verfahren zur Seligsprechung der Resl von Konnersreuth beginnt …
Aberglaube und Wundersucht des Mittelalters? Weit gefehlt! Therese Neumann, die Tochter eines Schneidermeisters, lebte im zwanzigsten Jahrhundert. Ihr Seligsprechungsprozess wurde eröffnet im Jahr 2005! Das Erscheinen eucharistischer Heiliger ist also keineswegs, wie man glauben möchte, ein Phänomen jener frommen und zugleich von Aberglauben geprägten Zeit des ausgehenden Mittelalters.
Immer wieder finden sich in der Geschichte Fälle von Heiligen oder Seligen, die lange Zeiten ohne Nahrung lebten. So die Heilige Katharina von Siena, der Heilige Nikolaus von Flüe (1417 – 1487), der zwanzig Jahre ohne Speisen gelebt haben soll, die selige Angela von Foligno (verstorben 1309), die selige Elisabeth von Rent (verstorben 1420) oder die im 19. Jahrhundert lebende Louise Lateau.
Daneben hat es stets eine Anzahl „geistlicher“ Betrüger gegeben, die meist ein ärmliches Dasein fristeten und versuchten, mit ihrer vorgeblichen Heiligkeit ihren Unterhalt zu erschwindeln. Wobei jedoch die Frage unbeantwortet bleibt, ob die anerkannten Heiligen oder Seligen nur nie überführt wurden.
Doch was ist es, das Menschen an Wunder oder Heilige glauben lässt? Warum fallen sie auf geistliche Betrüger herein? All jenen Heilsversprechern ist eines gemein: sie verbreiten Hoffnung. Und je schwerer die Zeiten, desto größer ist die Sehnsucht der Menschen nach Hoffnung.
Nach heutiger Sicht mag sogar die Auffassung gelten, dass diese Hoffnung auch ein handelbares Gut ist, das seinen Preis hat, und den die Menschen mit ihren Spenden zahlen – doch von dieser Sichtweise war man im Mittelalter weit entfernt.
Aus dem beginnenden sechzehnten Jahrhundert ist der Fall einer Heiligen aus Augsburg bekannt, der besonders große Aufmerksamkeit erlangte. Die junge Anna Laminit, bereits im Alter von fünfzehn Jahren verurteilt und wegen verschiedener Bübereien aus der Stadt gejagt, kehrt alsbald in ihre Heimatstadt zurück und erlangt einen Ruf als Hungerheilige. Die Menschen pilgern zu ihr, erbitten ihren Segen und ihre Gebete. Selbst der Theologieprofessor Martin Luther sucht sie auf. Man spendet ihr reichlich und Kaiser Maximilian verehrt ihr einen Ballen guten schwarzen Tuches. Ihre düsteren Prophezeiungen veranlassen sogar, Bianca Maria, die Gattin des Kaisers, dazu, eine Bußprozession zu veranstalten, in der sie selbst barfuss und in schwarzem Gewand durch die Gassen der Stadt zieht.
Natürlich lässt sich selbst der geschickteste Betrug nicht ewig aufrechterhalten. Und genau wie Therese Neumann im Juli 1927 vom Bischöflichen Ordinariat Regensburg zwei Wochen lang amtlich untersucht wurde – ihr bestätigte man die Blutungen und ihre Nahrungslosigkeit - so hat man auch die Anna Laminit „probiert“.
Mich hat die Geschichte der Anna Laminit gereizt, weil sie deutlich zeigt, welche Blüten es treiben kann, wenn Menschen an etwas glauben wollen: über fünfzehn Jahre lang wurde Anna von ihren Anhängern verehrt. Darüber hinaus waren es praktische Fragestellungen, die meine Phantasie anregten: wie hat sie es angestellt, über Jahre heimlich zu essen und zu trinken, ohne erwischt zu werden? Und wer isst, hat selbstredend auch Verdauung, auch dies natürlich im Verborgenen.
Als vermeintliche Heilige gab die Laminit sicherlich vielen Menschen Hoffnung. Doch natürlich stempeln die Quellen ihrer Zeit sie durchweg als Betrügerin. Dies machte die Sache für mich jedoch umso reizvoller: wie macht man aus einer arglistigen Betrügerin eine sympathische Romanheldin, eine Figur, mit der der Leser mitfiebert?
Wenn es gelungen ist, so mag das vielleicht ein Wunder sein …
Bücher von Ursula Niehaus
Ursula Niehaus
Die Seidenweberin
EUR (D)
6,00
Ursula Niehaus
Das Heiligenspiel
EUR (D)
9,99
Ursula Niehaus
Das Heiligenspiel
EUR (D)
9,99
Ursula Niehaus
Die Tochter der Seidenweberin
EUR (D)
14,99
Ursula Niehaus
Die Tochter der Seidenweberin
EUR (D)
16,99
Weitere historische Romane
Iny Lorentz
Die Wanderhure
EUR (D)
9,99
Heidi Rehn
Die Wundärztin
EUR (D)
8,99
Carla Federico
Im Land der Feuerblume
EUR (D)
9,99
Wolf Serno
Die Liebe des Wanderchirurgen
EUR (D)
9,95
Helle Stangerup
Der Brautmaler
EUR (D)
8,95