Fragebogen: 12 Fragen an Günter Ruch
Günter Ruch im August 2007
Was ist Ihre liebste Romanfigur und was verkörpert sie für Sie?
Günter Ruch: Die liebste Romanfigur ist der Franziskanermönch William von Baskerville aus Umberto Ecos „Der Name der Rose“, der mir ein ganz umfassendes, vielschichtiges Bild mittelalterlichen Mönchtums vermittelt hat, das sich nicht wie so oft in reiner Schwarzweiß-Zeichnung erschöpft.
Wie sieht ein perfekter Tag für Sie aus? Womit verbringen Sie gerne Ihre Zeit?
Günter Ruch: Um 9 Uhr aufstehen. Zeitung, Kaffee. Dann durchschreiben und korrigieren, mehrere Stunden lang. Nachmittags ein Nickerchen, danach ein längerer Spaziergang. Abends Lektüre und Recherche und natürlich Familie. Aber das ist reine Fiktion, wenn man eine kleine Werbeagentur betreiben und journalistisch tätig sein muss, um seine Brötchen zu verdienen.
Wie würden Sie sich mit drei Worten beschreiben?
Günter Ruch: Willensstark. Unkonventionell. Traditionsbewusst.
Was würden Sie in der Welt verändern, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?
Günter Ruch: Die Welt sollte zurückkehren zur Kleinteiligkeit und nicht zu immer größeren Einheiten (EU und Globalisierung) voranschreiten. Die Menschen vor Ort, in ihrer Heimat wissen am besten, was ihnen gut tut und wessen sie bedürfen.
Ihr schlimmster Albtraum?
Günter Ruch: ...ist längst wahr geworden: Dummheit, Kleingeist und (immer noch) religiöser Fanatismus regieren die Welt.
Was macht den Reiz beim Schreiben aus? Was möchten Sie Ihren Lesern mitgeben?
Günter Ruch: Beides hat eng miteinander zu tun. Indem ich selbst in die jeweilige mittelalterliche Zeit eintauche, mit der ich mich aktuell beschäftige, nehme ich den Leser bei der Hand und versuche, ihn zu entführen. Ich möchte meinen Lesern mitgeben, dass ihr heutiges Leben relativ ist, ein kleiner Zeitausschnitt im Lauf der Geschichte. Indem ich Menschen authentisch in ferner Zeit agieren lasse und dabei den Hintergrund akribisch recherchiere und lebendig einflechte, kann ich gegenwärtigen Lesern klar machen, dass Menschsein auch bedeuten kann, in ferner Vergangenheit gelebt zu haben. Ein Menschsein genauso wie unseres.
Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein neues Buch beginnen und dafür recherchieren?
Günter Ruch: Das Entstehen eines Buches ist ein außerordentlich komplexer Prozess. Ich versuche es kurz zu machen: Aus einem latent vorhandenen Ideenpool schält sich am Ende (beinahe aus eigener, innerer Kraft) ein Thema heraus, das geschrieben werden will. Zu diesem Zeitpunkt habe ich bereits wichtige, zugehörige Sachliteratur hinzugezogen und etliche Notizen gemacht. Anschließend werden die Kapitel am Computer grob inhaltlich vorgegeben. Die Recherche geht im Internet weiter. Ich liebe den ungeheuren Datenpool, der dort vorhanden ist, und der mit intelligenter Suche sehr, sehr weitgehend zu erschließen ist. Bibliothekssuche ist gar nicht vergleichbar. Eine tagesgenaue, detaillierte Zeittafel wird erstellt. Wichtige Quellenpassagen, die ich finde, kopiere ich in die zugehörigen Kapitel. So entsteht langsam ein grobmaschiges Netzwerk, die Urform des Buchs.
Jetzt beginnt das Schreiben, das sich an diesem Netz entlang hangelt. Der Handlungsverlauf ist ja grob von A bis Z vorgegeben, er verändert sich aber immer wieder während des Schreibens. Während jeder Zeile steht mein riesiges Internet-Link-Verzeichnis bereit. Ich recherchiere geografische und chronologische Details und zahlreiche, sachliche Einzelfragen während des Eingebens. Ich nehme gerne die Unterbrechung des Schreibflusses in Kauf, denn durch das aufgefundene Material ändern sich oftmals auch die Handlungsdetails.
So hangele ich mich bis zum Ende des Buchs. Dann kommt ein weiterer ganz entscheidender Arbeitsvorgang, die Korrektur. Da die Rohfassung meist in hohem Tempo durchgeschrieben wurde, sind viele Passagen noch unvollkommen. Insbesondere wird in der Korrektur das Szenenpotenzial des Manuskripts überprüft und aktiviert. Was ich damit sagen will: Ich spüre die Stellen auf, die man mit einer „Szene“ ausschmücken und lebendig machen kann. Oftmals wird auch der Hintergrund nochmals verändert, Namen, Locations. Charaktere können sich verändern. Abschließend das Ganze nochmals auf Konsistenz prüfen ... und fertig ist der Roman.
Was tun Sie bei einer Schreibblockade? Oder kennen Sie dieses Problem gar nicht?
Günter Ruch: Kenne ich nicht. Wenn irgendwas blockiert, mache ich Korrekturarbeiten, dann kommt’s ganz schnell von selbst.
Worüber können Sie sich so richtig freuen?
Günter Ruch: Über Gefühl, die kleinen Dinge des Lebens. Ein Spaziergang mit meiner Frau hier bei uns an der Ahr entlang, in den vier Jahreszeiten.
Welcher Autor hat Sie maßgeblich beeinflusst?
Günter Ruch: Mehrere. Umberto Eco in der Art, wie er das Mittelalter darstellt. Stilistisch fühle ich mich Thomas Mann und Alfred Döblin verbunden. Ernest Hemingway hat mich mit seinem Reporterstil beeinflusst, Kafka für die Innen- und Tolkien für die Phantasiewelt. Den leider verfemten Norweger Knut Hamsun für seine urtümlichen Menschendarstellungen. Heimito von Doderer wegen seines merkwürdigen Schmähs.
Sind historische Romane geeignet Bildung zu vermitteln? Haben Autoren hier eine besondere Verantwortung?
Günter Ruch: Bildungsanspruch schreckt ab. Nennen wir es doch einfach: Informationsvermittlung. Ich habe den Anspruch, nicht nur meine Charaktere sprechen und handeln und leiden zu lassen, sondern über die Zeiten, in denen meine Romane spielen, tatsächlich auch Informationen zu vermitteln. Ich habe vor einem Dutzend Jahren einmal das Leben meiner Großmutter Mala in ein bisher ungedrucktes Romanmanuskript gefasst. Mit einer Leselupe hat sie das Manuskript ihres Lebens, fast erblindet, Zeile für Zeile durchgelesen. Und wissen Sie, was Oma Mala am Ende gesagt hat: „Es ist, als wär’ der Jung dabei gewesen.“ Genau das will ich mit meinen historischen Romanen erreichen.
Welche historische Person würden Sie gerne einmal persönlich treffen?
Günter Ruch: Elisabeth von Thüringen. Die Heilige Elisabeth. Für mich eine der faszinierendsten und undurchsichtigsten Personen in den überaus faszinierenden Jahrzehnten um das Jahr 1200 herum. Ich will verstehen, was diese Frau angetrieben hat. Ist sie eine Heilige? Oder war sie nur verrückt und masochistisch?
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