Fragebogen: 12 Fragen an Heidi Rehn
Heidi Rehn im März 2010
Was ist Ihre liebste Romanfigur und was verkörpert sie für Sie?
Heidi Rehn: Eine einzige gibt es eigentlich nicht. Ist ein Buch gelungen, packt mich die Heldin oder der Held von Beginn an und beschäftigt mich weiter, vielleicht sogar über Jahre hinweg, wie z.B. der Großvater aus Gerd Hofmanns "Kinoerzähler", der auf ein Stichwort hin immer gleich eine Geschichte zu erzählen weiß, oder Grimmelshausens "Courasche", die ich zugleich hasse und liebe für ihren Witz, ihre Verschlagenheit und Durchtriebenheit. Und natürlich Betty aus "Reich heiraten" von Lilli Beck. Betty ist ein Althippie und hat sich diese unbeschwerte Lebensphilosophie bis heute bewahrt, damit macht sie auch mir gute Laune und hilft, manches nicht so eng zu sehen. Solche Bettys sollte es viel öfter geben!
Wie sieht ein perfekter Tag für Sie aus? Womit verbringen Sie gerne Ihre Zeit?
Heidi Rehn:Der perfekte Tag beginnt mit einem gemütlichen Frühstück nebst ausführlicher Zeitungslektüre, idealerweise mit der meiner Familie. Anschließend – falls es Wochenende ist – ein Ausflug ins Grüne per Rad oder im Winter zum Wandern oder Skifahren in die Berge. An Wochentagen verbringe ich die perfekten Vormittage schreibend am Laptop, lasse mich für einige Stunden ganz in meine Geschichten fallen und vergesse darüber Raum und Zeit. Nachmittags tobt zwar der Alltag in Form von Hausaufgaben, Klavier- und Bratscheübungen meiner Kinder um mich herum, aber das gehört dazu. Trotzdem kann ich dann noch ein, zwei Stunden am Laptop in andere Zeiten „verschwinden“. Und abends beschließen faule Lesestunden mit den Kindern auf dem Sofa oder anregende Theaterbesuche oder ein schönes Essen mit guten Freunden den Tag.
Wie würden Sie sich mit drei Worten beschreiben?
Heidi Rehn: Neugierig, optimistisch, ausgleichend (ich bin wohl die typische Waage-Frau).
Was würden Sie in der Welt verändern, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?
Heidi Rehn: Am liebsten würde ich die Kriege abschaffen, sämtliche Waffen vernichten sowie Hunger und Elend für immer beenden. Es muss doch zu schaffen sein, dass die Menschheit in Frieden miteinander lebt und die Schätze dieser wunderbaren Welt fair miteinander teilt.
Ihr schlimmster Albtraum?
Heidi Rehn: Meine Kinder zu verlieren. Nicht mehr sehen zu können. Nicht mehr laufen zu können.
Was macht den Reiz beim Schreiben aus? Was möchten Sie Ihren Lesern mitgeben?
Heidi Rehn: Ich liebe es, mir Figuren und ihre Schicksale auszudenken, mir auszumalen, wie das Leben in einer bestimmten Epoche oder unter bestimmten Umständen einmal gewesen sein könnte, wie es damals in einer Stadt oder Gegend zugegangen sein mag oder ausgesehen hat. Außerdem suche ich gern nach Worten, Formulierungen, Bildern, um bestimmte Gedanken und Zusammenhänge anschaulich und möglichst spannend zu schildern.
Beim Geschichten erzählen möchte ich meine Leser vor allem gut unterhalten und eine Weile in eine völlig andere (Gedanken-)Welt mitnehmen, sie für etwas begeistern, was mich selbst begeistert und fasziniert, sie darüber für eine Weile den Alltag vergessen lassen.
Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein neues Buch beginnen und dafür recherchieren?
Heidi Rehn: Ich lese erst einmal sehr viel über die Zeit, in der die Geschichte spielen soll. Dabei interessieren mich nicht nur die harten Fakten, sondern vor allem wie die „normalen“ Menschen gelebt haben, wie ihr Alltag aussah, was sie gedanklich beschäftigt haben könnte, welchen Problemen sie tagtäglich gegenüber standen. Dazu greife ich zu Sachbüchern genauso gern wie zu zeitgenössischer Literatur (sofern vorhanden) oder eben Romane und Erzählungen über die Zeit sowie zu Reiseberichten u.ä. Ich schaue mir zudem Gemälde und Stiche aus der Zeit an – was in München dank der vielfältigen Museen- und Bibliothekslandschaft ohne großen Aufwand möglich ist. Außerdem ist es mir wichtig, die Orte und Schauplätze meiner Romane in Augenschein zu nehmen, wenn immer möglich selbst dorthin zu reisen und sie mit allen Sinnen zu erfahren. So versuche ich, ein Gefühl für die Atmosphäre zu entwickeln und mir Raum und Zeit plastisch vorzustellen.
Was tun Sie bei einer Schreibblockade? Oder kennen Sie dieses Problem gar nicht?
Heidi Rehn: Eine richtige Schreibblockade hatte ich zum Glück noch nie. Hoffentlich bleibt das so! Wenn ich das Gefühl habe, mich in eine sinnlose Idee verrannt oder in eine Sackgasse hineinmanövriert zu haben, dann gehe ich für eine Weile raus an die frische Luft, walke oder jogge. Dabei versuche ich, an gar nichts zu denken, um nachher am Schreibtisch wieder unbeschwert ans Schreiben zu gehen. Bislang hat das immer geholfen.
Worüber können Sie sich so richtig freuen?
Heidi Rehn: Das herzhafte Lachen meiner Kinder, einen gelungenen Tag, das Lob eines Lesers, dem eine meiner Geschichten gefallen hat, ein interessantes Gespräch. Auch über einen guten Einfall, eine passende Formulierung, ein schönes Wort, einen wohlklingenden Satz. Ich freue mich gern und oft, das macht einfach Spaß.
Welcher Autor hat Sie maßgeblich beeinflusst?
Heidi Rehn: Schwer zu sagen, da ich sehr viele, verschiedene Autoren quer durch alle Genres und Zeiten lese und letztlich sicher von allen Büchern immer ein bisschen was hängen bleibt.
Sind historische Romane geeignet, Bildung zu vermitteln? Haben Autoren hier eine besondere Verantwortung?
Heidi Rehn: Wahrscheinlich nicht unbedingt das, was unter „Schulbildung“ zu verstehen ist, eher ergänzendes Wissen dazu. Als Autor versucht man trotz der „Brille des 21. Jahrhunderts“, die man auf der Nase hat, um in die Vergangenheit zurückzuschauen, Authenzität zu vermitteln, also die historischen Hintergründe korrekt darzustellen, die Figuren und Handlung glaubhaft darin einzubetten, so dass das Erfundene genau so wirklich hätte passieren können.
Die Verantwortung des Autors besteht in dieser Verpflichtung zur Glaubwürdigkeit. Er muss nach bestem Wissen und Gewissen die Vergangenheit schildern und darf nicht einfach so drauflos phantasieren. Wenn er vom historischen Hintergrund abweicht, sollte das aus einem besonderen Grund und nicht aus Unvermögen oder gar fehlendem Wissen oder Faulheit zur Recherche geschehen.
Welche historische Person würden Sie gerne einmal persönlich treffen?
Heidi Rehn: Nur eine? Da gibt es so viele: Cäsar, Karl der Große, Hildegard von Bingen, Elisabeth I., die Ärztin Agatha Streicher aus Ulm, den Söldner Peter Hagedorn aus dem 30jährigen Krieg, Wallenstein, Katharina die Große, Maria Theresia, Goethe, Schiller, Kleist. Dazu vor allem noch die Ehefrauen „großer“ Männer, um sie zu befragen, wie die Herren denn wirklich waren, zu Hause, wenn die Tür geschlossen war und keiner mehr sonderlich auf sie geachtet hat… So gesehen bin ich ein echter Fan der Zeitreise. Ich hoffe, ein entsprechendes Fahrzeug kommt bald auf den Markt.
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