Fragebogen: 12 Fragen an Jörg Kastner
Jörg Kastner im Juli 2007
Was ist Ihre liebste Romanfigur und was verkörpert sie für Sie?
Jörg Kastner: Hadschi Halef Omar Ben Hadschi Abbul Abbas Ibn Hadschi Dawuhd al Gossarah. Abgesehen davon, daß Halef, wie die Kurzversion des laaangen Namens lautet, einfach eine liebenswerte, witzige Figur ist, mit der ich viele Stunden genußvoller Jugendlektüre verbinde, stellt sie eine hochinteressante Spiegelung des von mir sehr verehrten Autors Karl May dar. May, der sich selbst in seiner Heldengestalt, dem Erzähler-Ich Old Shatterhand/Kara Ben Nemsi, ein schon überirdisch anmutendes Denkmal setzte, hat mit Halef erstaunlicherweise seine nicht so edlen Charakterseiten, seine immense Prahl- und Geltungssucht, der Öffentlichkeit präsentiert. Selten hat wohl ein Autor unterhaltender Literatur die negativen Seiten seines Charakters so schonungslos in seinen Werken dargestellt. Hut (oder Turban) ab, Herr May!
Wie sieht ein perfekter Tag für Sie aus? Womit verbringen Sie gerne Ihre Zeit?
Jörg Kastner: Ein perfekter Tag? Hm, erst einmal ausgiebig ausschlafen und dann ein nicht minder ausgiebiges Frühstück gemeinsam mit meiner Frau. Vielleicht ein englisches Frühstück mit ham & eggs, sausages & beans, eingenommen in unserem Lieblingshotel auf unserer Lieblingsinsel Guernsey. Am Nachmittag, ein laues Lüftchen mildert die Kraft der aus dem blauen Himmel strahlenden Sonne, eine nicht zu anstrengende Klippenwanderung zu unserem Lieblingsplatz mit Blick aufs Meer und dort ein gutes Buch lesen, bei der mir eine wunderbare neue Romanidee kommt. Zum Niederschreiben dieser Idee komme ich an jenem perfekten Tag allerdings nicht mehr, denn das wäre dann schon Arbeit.
Wie würden Sie sich mit drei Worten beschreiben?
Jörg Kastner: Eigenständig, eigensinnig, eigentümlich.
Was würden Sie in der Welt verändern, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?
Jörg Kastner: Ich würde alle Menschen dazu bringen, ihr Gehirn nicht nur zum Ausfüllen ihres Kopfes zu benutzen, sondern auch zum Denken, also auch den Teil der Menschheit, der derzeit aus Bequemlichkeit, Unkenntnis oder weil er es schlichtweg nicht gelernt hat, auf diese Tätigkeit verzichtet. Und ich würde die Rechtschreibdeform rückgängig machen.
Ihr schlimmster Albtraum?
Jörg Kastner: Daß besagter Teil der Menschheit das Gehirn weiterhin nicht zum Denken benutzt und es anderen überläßt, unser aller – und leider einzige – Welt auf dem gegenwärtigen Kurs zu steuern. Und daß die herkömmliche – und keineswegs alte – deutsche Rechtschreibung ausstirbt.
Was macht den Reiz beim Schreiben aus? Was möchten Sie Ihren Lesern mitgeben?
Jörg Kastner: Da ich Romane schreibe, die in erster Linie der Unterhaltung und Entspannung dienen, möchte ich erst einmal genau das: die Leser mit guten, packenden Geschichten in die Welt meiner Phantasie entführen, die hoffentlich dann auch zur Welt ihrer Phantasie wird. Wenn mir das gelingt, ist der Hauptzweck meines Schreibens schon erreicht. Wenn darüber hinaus noch der eine Leser oder die andere Leserin sich tiefergehend mit der jeweiligen Thematik beschäftigt, bin ich darüber natürlich nicht unglücklich.
Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein neues Buch beginnen und dafür recherchieren?
Jörg Kastner: Zunächst einmal lesen, lesen, lesen. Früher nur in Büchern und Zeitschriften, in Buchhandlungen, Antiquariaten, Bibliotheken und nicht zuletzt in meiner nicht ganz kleinen Privatbibliothek, heute auch und zunehmend im Internet. Dabei werden Notizen gemacht, Karteikarten angelegt, Handlungsverläufe, wichtige Charaktere und Handlungsorte skizzenartig niedergeschrieben (und nicht selten wieder verworfen). Später, wenn ich selbst ein klareres Bild von meiner eigenen Geschichte habe, kommen häufig auch Reisen an die Handlungsorte meiner Romane und Recherchen „vor Ort“ hinzu.
Was tun Sie bei einer Schreibblockade? Oder kennen Sie dieses Problem gar nicht?
Jörg Kastner: Den Begriff „Schreibblockade“ finde ich ebenso unschön wie unpassend. Ein Autor verliert ja auch während weniger kreativer Phasen nicht die Fähigkeit, seine Tastatur zu bedienen und verständliche Texte niederzuschreiben. Allerdings ist man – oder bin ich zumindest – nicht immer gleichermaßen kreativ und produktiv. Die Gründe dafür sind vielfältig, manchmal komplex und manchmal banal, reichen von schlichter Überarbeitung (Gegenmittel: mal ausspannen) bis zu vertrackteren Geschichten wie beruflichem Ärger (Gegenmittel: mal mit der Faust auf den Tischen hauen, sich von der Göttergattin trösten lassen, geduldigen Freunden oder dem geplagten Agenten sein Leid klagen).
Worüber können Sie sich so richtig freuen?
Jörg Kastner: Privat: Dafür ist meine Frau zuständig.
Beruflich: Ein Manuskript abschließen, natürlich Lob für die getane Arbeit (besonders dann, wenn es berechtigt ist) und nicht zuletzt die Honorarzahlungen.
Welcher Autor hat Sie maßgeblich beeinflusst?
Jörg Kastner: Da ich, gerade in meiner Jugend, ein Lesejunkie war, haben natürlich sehr viele Autoren ihre Eindrücke bei mir hinterlassen. Besonders hervorheben möchte ich Karl May, dessen überbordende Phantasie und dessen großartigen Witz in seinen Personenbeschreibungen und Dialogen ich schätze, Philip José Farmer, der ebenfalls über eine ausschweifende Phantasie verfügt sowie über die Fähigkeit, exotische Welten eindringlich zu schildern, Friedrich Dürrenmatt für die Kunst, Genregeschichten (ich meine Krimis) zu schreiben, die die Regeln des Genres variieren, in Frage Stellen und sogar brechen, und Ian Fleming, den Großmeister des Details.
Sind historische Romane geeignet Bildung zu vermitteln? Haben Autoren hier eine besondere Verantwortung?
Jörg Kastner: Historische Romane sind ganz gewiß dazu geeignet, werden allerdings heutzutage immer weniger aus diesem Grund gelesen und in der Konsequenz auch immer weniger zu diesem Zweck geschrieben. Heutzutage steht die Unterhaltung im Vordergrund, aber der nicht nur an Zeitvertreib, sondern auch an historischen Fakten interessierte Leser kann von einem guten historischen Roman trotzdem einiges mitnehmen, zumindest die Veranlassung, sich weiter mit der Zeit/dem Thema auseinanderzusetzen. Allerdings sehe ich die Vermittlung von Bildung nicht als die vordringliche Aufgabe historischer Romane und auch nicht als die Aufgabe von Romanen allgemein an. Wer sich bilden will, sollte besser zu Sachbüchern oder Fachzeitschriften greifen, bei tiefergreifendem Interesse auch Kurse oder Vorlesungen besuchen.
Welche historische Person würden Sie gerne einmal persönlich treffen?
Jörg Kastner: Adolf Hitler. An den hätte ich noch ein paar Fragen, die mich auch nach überreichlichem Genuß von Literatur und Fernsehdokumentationen über die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts quälen. Das Gespräch wäre sicher nicht erfreulich, mutmaßlich aber hochinteressant.
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