Fragebogen: 12 Fragen an Katryn Berlinger
Katryn Berlinger im Mai 2010
Was ist Ihre liebste Romanfigur und was verkörpert sie für Sie?
Katryn Berlinger: „Liebe“ Romanfiguren sind immer die, die mich mitfühlen lassen an ihrem So-Sein. Ein Autor, der kraft seiner Sprache verschiedene Facetten einer Persönlichkeit wie die Saiten eines Instrumentes berührt, mich in eine fremde Seele hineinschauen läßt, ist mir der liebste – und damit auch seine Figuren. Mit anderen Worten: „Die“ einzige liebste Romanfigur gibt es nicht, sondern viele, die überzeugend auftreten. Das kann (immer noch faszinierend) eine selbstbestimmte Scarlett O`Hara ebenso sein wie eine gegen die Konventionen sich aufbäumende Mme Bovary oder eine Kathleen de Burca in Nuala O`Faolains Buch „Ein alter Traum von Liebe“.
Während ich an einem Roman schreibe, ist mir die jeweilige Hauptfigur die liebste, denn sie ist es, die mich in ihr Leben hineinzieht, mich mitleiden lässt, mich überrascht … und mich daran erinnert, dass sie bereit ist, ohne Scheu vor vielen Zuschauern bzw. Lesern aufzutreten, um ihr Schicksal zu erzählen.
Wie sieht ein perfekter Tag für Sie aus? Womit verbringen Sie gerne Ihre Zeit?
Katryn Berlinger: Sehr angenehm ist es, ungestört schreiben zu können, sich vom recherchierten Material inspirieren zu lassen und im Sog der eigenen Geschichte abzutauchen. Schön sind aber auch jene Tage, an denen ich nur lesen kann, befriedigend jene, an denen alles gelingt: Fürsorge für die Familie, Hausputz mit allem Drum und Dran und ein gelungenes Essen. Außerdem wünschte ich mir mehr Zeit, um mit guten Freunden in Ruhe Rezepte der mediterranen und orientalischen Küche auszuprobieren, mit ihnen zu verreisen oder zum Tanzen auszugehen. Am liebsten würde ich Workshops für Salsa belegen, wenn mir denn das Abtauchen in fremde Welten ein Luftloch übrigließe … Mit Musik “tanke” ich noch immer am besten auf.
Ansonsten wandere ich sehr gern in den Südtiroler Bergen oder überlasse mich Wind und Wellen am Ostseestrand.
Wie würden Sie sich mit drei Worten beschreiben?
Katryn Berlinger: Sensibel, freiheitsliebend, wissensdurstig wären nur die spontan mir einfallenden Eigenschaften. Mein Mann aber würde andere betonen: fürsorglich, genießerisch, kameradschaftlich. Aber das sind ja mal wieder nur die positiven ... als geborene Krebs-Frau im Zeichen Hund bin ich noch ganz anders, vor allem rational und sehr romantisch zugleich ...
Was würden Sie in der Welt verändern, wenn Sie die Möglichkeit dazu hätten?
Katryn Berlinger: Alles tun, damit aus dem „blauen“ Planeten kein grauer wird: zerstörte Natur wiederherstellen, Tierarten vor dem Aussterben schützen, vor allem aber Menschen zu Friedfertigkeit, Toleranz und Mut zum Aufbau einer sinnhaften Welt zu erziehen, also Hart- und Engherzigkeit, Fanatismus, Gier und Gewalt durch Erziehung im Sinne humanistischer Werte konkret und frühzeitig vorbeugen.
Ihr schlimmster Albtraum?
Katryn Berlinger: An einem Tag aufwachen zu müssen, an dem es keine naturbelassenen Lebensmittel mehr gibt, Strom, Gas und Wasser reglementiert sind und jede Autofahrt kostenpflichtig ist und videoüberwacht wird.
Menschen zu begegnen, die empathielos, unverständig, intolerant oder fanatisch sind.
Auf einem Gipfel anzukommen ohne einen Tropfen Wasser im Gepäck.
Was macht den Reiz beim Schreiben aus? Was möchten Sie Ihren Lesern mitgeben?
Katryn Berlinger: Für mich besteht der Reiz darin, in eine andere Haut schlüpfen zu können. Ich reise mit einer erfundenen Figur durch eine neue, zum Teil vertraute Welt, die durch Recherche so wahrscheinlich wie möglich aufgebaut wird. Das, was meine Figuren „sehen“, möchte ich auch meinen LeserInnen zeigen. Da wären die Bilder, die politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Fakten einer vergangenen Zeit auf der einen Seite, die Teilnahme an einem menschlichen Schicksal auf der anderen. Alles verknüpft mit dem Gedanken des Trostes, dass das Leben – mit Glück und Einsatz – immer wieder weitergeht.
Darüber hinaus ist mir wichtig, den LeserInnen die Möglichkeit zu geben, für einige Stunden ein wenig Abstand zum eigenen Sein zu gewinnen. Wenn sie dabei Mut bekommen, ihren eigenen Gefühlen zu trauen, den Weg zu gehen, der ihnen wichtig ist – ganz so, wie es die Heldinnen ja auch tun -, dann wäre das schön.
Wie gehen Sie vor, wenn Sie ein neues Buch beginnen und dafür recherchieren?
Katryn Berlinger: Ich stelle mir eine Figur vor, setze sie an irgendeinen entscheidenden Punkt ihres Lebens, eingebunden in bestimmte gesellschaftspolitische Gegebenheiten – und beginne das entsprechende Material zu bearbeiten: zeitgenössische Berichte aller Art, Sachbücher, Biographien, Zeitungsartikel etc., vom Kernthema aus sich ausfächernd. Es ist zum Teil ein thematisch konzentriertes als auch ein assoziatives Arbeiten. Wissenschaftliche Methodik und künstlerisch-phantasievolles Ausschweifen zugleich. Währenddessen „ziehe“ ich all das Faktische für mich heraus, das für die Wiedergabe des historischen Raumes, in dem meine Geschichte spielt, wesentlich wird. So webt sich allmählich ein Stoff aus authentischem Material, in den die Figuren nun ihre eigenen Muster zeichnen.
Was tun Sie bei einer Schreibblockade? Oder kennen Sie dieses Problem gar nicht?
Katryn Berlinger: Auch wenn ich bis jetzt noch keine hatte, ist es für keinen Autoren eine Schande, eine zu haben. Sie ist eine crisis, die wie alle anderen auch, ausgehalten und durchgestanden werden muss. Je nach Ursache (Ausgebranntsein, Erkennen eines evtl. Denkfehlers in einem Plot o. ä.) kann man versuchen, sie zu überwinden. Ich würde nur versuchen, keine Panik zuzulassen und keinen Druck auf mich selbst auszuüben. Ich würde mich wahrscheinlich ablenken: viel lesen, um wieder ins emotionale Fahrwasser des Erzählens zu kommen, oder so richtig schöne Muskelarbeit machen (Fußboden abschleifen, tapezieren, Buchregale umräumen etc., im Garten Überschüssiges rausrupfen, absäbeln und dergleichen zerstörerische Schandtaten mehr.)
Worüber können Sie sich so richtig freuen?
Katryn Berlinger: Über den eigenen beglückenden flow beim Erzählen. Im Privaten: ein schönes Essen mit Freunden, einem Glas Wein und guten Gesprächen oder einer langen Wanderung in den Bergen mit später Einkehr in einer Hütte oder einer warmen, sternenklaren Nacht am Meer ...
Vor allem aber darüber, dass ich mir selbst Heimat bin.
Welcher Autor hat Sie maßgeblich beeinflusst?
Katryn Berlinger: Alle, die ich je gelesen habe – nur aus der Vielleserei schult sich das Gespür für Sprache und Gestaltung. Ich finde es sehr wichtig, dass jeder Autor aus seinem Erfahrungsfundus einen eigenen Stil entwickelt. Ich liebe aber die großen Stilisten der deutschen Belletristik wie Stefan Zweig et alt., wie auch einige der namhaften deutschen Gegenwartsautoren oder jene, die fiktive historische Charaktere lebendig zu erzählen verstehen. . Kurz gesagt: Ich liebe, bin süchtig nach Sprache und ihrem Sog, den sie entfesseln kann.
Sind historische Romane geeignet, Bildung zu vermitteln? Haben Autoren hier eine besondere Verantwortung?
Katryn Berlinger: Ja, natürlich ist es eine verantwortungsvolle Sache, historische Fakten im leichten Gewand einer Geschichte dem Leser zuzutragen. Ich halte es für wichtig, sich bewusst zu machen, dass es nicht nur das Jetzt, die Moderne gab, sondern bereits andere Lebenswelten und –formen vor uns. Diese dem Leser so unterhaltend wie möglich auf einem silbernen Tablettchen zu servieren, ist eine Herausforderung für den Autor. In mir klingen immer wieder diese beiden Fragen: Wie lebten die Menschen damals, unter den und den Umständen? Was geschah um sie herum? Womit hatten sie zu kämpfen? Wie hätte meine Heldin in dieser Zeit handeln können? Die Neugierde auf diese Fragen ist unstillbar. Und da ich denke, dass es sehr vielen LeserInnen so geht, erschaffe ich in meinen Romanen eine neue Welt aus alten Welten.
Wichtig aber ist dabei die eigene Erzählung, die sehr schnell eine eigene Färbung, eine eigene Geschwindigkeit bekommt. Bald sind es die Figuren, die mich lenken. Eine gute Idee zu haben ist manchmal so, als gösse ein Zauberer ein Becherchen heiligen Wassers in einer Ödnis aus und es flösse, ströme, zerteile sich in stetig anschwellenden Strömen ... Flussarme bilden sich, Stromschnellen, Seen und Bäche. Wir gleiten auf ihnen dahin, schauen nach links, nach rechts, um uns herum. Schauen, atmen, staunen: Dann sind wir mitten drin im Roman.
Welche historische Person würden Sie gerne einmal persönlich treffen?
Katryn Berlinger: Ich hätte nichts gegen die Idee eines jeweils fünfzehnminütigen speed-datings mit: Trotula von Salerno, Hildegard von Bingen, Elisabeth von Österreich, Helen Keller, Marie Curie, Otto von Bismarck, Friedrich Schiller, Johann Sebastian Bach ... – und den Frauen, die ihnen zur Seite standen … und viele viele andere ... Hinter Fassaden, hinter die Werke jedes einzelnen zu schauen, finde ich spannend. Was mich selbst anbelangt, so denke ich, dass das Werk aufregender ist als ich. Das liegt wohl daran, dass ich - wie wohl die meisten Autoren - beim Erschaffen einer neuen Welt ein Höchstmaß an emotionaler und intellektueller Kraft in die Figuren einfließen lasse, die ich habe. Meine Figuren also sind mir wichtig, ich halte mich da lieber im Hintergrund.
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