Interview mit Gabriele Beyerlein zu "Berlin, Bülowstraße"
Gabriele Beyerlein, die preisgekrönte Autorin von unzähligen Kinder- und Jugendbüchern, hat nach langen Jahren des Schreibens über die Vor- und Frühgeschichte nun eine Romantrilogie verfasst, die im Deutschland der Kaiserzeit spielt und damit das reine Kinder- und Jugendbuchsegment verlassen. Der erste Band dieser Trilogie, In Berlin vielleicht, erschien 2005, 2007 folgte Berlin Bülowstraße. Dieses Buch ist im Frühsommer 2008 als Knaur Taschenbuch auf den Markt gekommen.Frau Beyerlein, Sie haben in Ihren Interviews immer wieder betont, dass eine Geschichte oft erst mal eine Idee, eine Initialzündung braucht, damit Sie drauflosschreiben. Was war diese Initialzündung bei Berlin Bülowstraße? Wie kam es, dass Sie ausgerechnet in die Zeit um 1900 eingetaucht sind?
Gabriele Beyerlein: Der Roman hat eine lange Vorgeschichte, weshalb ich für die Antwort etwas weiter ausholen muss. Er kann zwar sehr gut für sich allein gelesen werden, aber er steht nicht allein, sondern ist der 2.Band einer Trilogie von lose miteinander verknüpften Romanen, in denen ich von Frauenleben um 1900 erzähle. Allerdings war diese Trilogie zunächst gar nicht als solche geplant. Die Anfänge meiner Recherche über Frauengeschichte des Deutschen Kaiserreichs reichen weit zurück.
Schon rund zehn Jahre, bevor ich „Berlin, Bülowstraße“ geschrieben habe, begann ich mich für das historische Thema „Mädchenbildung“ zu interessieren und – neben meiner Arbeit an den jeweiligen Buchprojekten her – Literatur dafür zu sammeln und zu lesen, ohne dass daraus ein konkretes Buchprojekt geworden wäre. Besonders spannend fand ich die Zeit um 1900, weil hier Mädchen und Frauen im Deutschen Kaiserreich anfingen darum zu kämpfen, Zugang zum Gymnasium, zur Universität und zu akademischen Berufen zu bekommen. Zeiten des Umbruchs haben mich schon immer fasziniert. Doch wirklich gefangengenommen wurde ich schließlich etliche Jahre später dann erst einmal vom Schicksal jener unterprivilegierten Mädchen und Frauen, die nie eine auch noch so geringe Chance auf höhere Bildung bekamen. Daraus entstand zunächst der Wunsch, einen Roman über ein Dienstmädchen des ausgehenden 19.Jahrhunderts zu schreiben.
Ein volles Jahr widmete ich ausschließlich der Recherche, um in möglichst vielen Facetten einen Überblick über die Epoche des Deutschen Kaiserreichs zu bekommen. Dabei weitete sich die Romanidee aus zum Plan eines viel umfassenderen Romans, der Frauenleben vor gut hundert Jahren aus verschiedenen Perspektiven erzählen sollte: aus der Perspektive des Dienstmädchens, aus der Perspektive der „gnädigen Frau“ und aus der Perspektive von deren Tochter, die darum kämpft, Medizin studieren und Ärztin werden zu können – was in Preußen damals noch nicht regulär möglich war. Dieses Romanprojekt habe ich aus verschiedenen Gründen abgebrochen, unter anderem, weil das Thema zu umfangreich war, um ihm in einem einzigen Roman gerecht werden zu können. Statt dessen bin ich zunächst zu meinem anfänglichen Plan zurückgekehrt und habe als Erstes den Roman des Dienstmädchens Lene geschrieben, der 2005 unter dem Titel „In Berlin vielleicht“ als 1.Band der Trilogie veröffentlicht wurde.
Doch auch der andere Aspekt des verworfenen Romanprojektes, das Thema der Mädchenbildung und die Seite der „gnädigen Frau“, drängte auf Verwirklichung. Ich beschloss, einen zweiten eigenständigen Roman dazu zu schreiben – hieraus wurde das Buch „Berlin, Bülowstraße“. Die Figur der Tochter, die um ihre Möglichkeit zu Bildung und Beruf ringt, die schon als Kind davon träumt, Ärztin zu werden, und gegen die Schranken aufbegehrt, die sie in ihrer Entfaltung behindern, war mir sehr schnell vor dem inneren Auge präsent: Mit ihr konnte ich mitfühlen, ihre Geschichte hätte ich gleich schreiben können. Doch der Zugang zur Figur der „gnädigen Frau“ fiel mir schwer. Sie verkörperte ein Frauenbild, das mir zutiefst fremd war – wurde es doch in der bürgerlichen Gesellschaft des Deutschen Kaiserreichs überwiegend durch Repräsentationsaufgaben definiert. Solange ich die gnädige Frau nur mit heutigen Augen als mehr oder weniger nutzlose Drohne zu sehen vermochte, die Hausarbeit und Kinderpflege an Dienstmädchen delegierte und selbst nur auf den schönen Schein bedacht war, konnte ich ihre Geschichte nicht schreiben: Sophie Schneider, geborene von Zietowitz, blieb mir verschlossen.
Die Initialzündung zu diesem Roman, nach der Sie fragen, war dann der Moment, in dem ich aufhörte, mit meiner heutigen Sicht zu werten, und in dem ich vorurteilsfrei zu verstehen und – wirklich mit dem Herzen - mitzufühlen begann. Mir ging auf, was es bedeutet hat, als Dame des ausgehenden 19. Jahrhunderts ein Leben des „demonstrativen Müßiggangs“ führen zu müssen, gesellschaftlich zur Rolle eines repräsentativen Statussymbols verurteilt zu sein, und die Mühe, die hinter dem allen steckt, auch noch verbergen zu müssen. Und mir ging auf, was es bedeutet hat, von frühester Kindheit an all diesen Konventionen und Zwängen unterworfen zu sein, die jede Selbstbestimmung unterdrückten. Und auf einmal war ich innerlich ganz bei Sophie: bei ihrer Eigenart, ihrem Leiden, ihrer Sehnsucht und bei ihrer Kraft, sich letztendlich zu befreien, zu emanzipieren. Da fiel mir ihre Geschichte wie von selbst ein, da war ich plötzlich mittendrin in der Erzählung, da konnte ich gar nicht mehr anders als zu schreiben.
Sie verlassen damit ja Ihr eigentliches Spezialgebiet, die Vor- und Frühgeschichte. War es schwerer, über eine Zeit zu schreiben, die deutlich näher an Ihnen dran ist?
Gabriele Beyerlein: Ich finde es nicht schwerer, über die Zeit vor hundert Jahren zu schreiben als über die vor 10.000 Jahren, ich finde es nur anders. Die Recherche zum Deutschen Kaiserreich ist ungeheuer aufwändig und schier uferlos, dafür aber auch sehr vielseitig und interessant. Beim Schreiben eines Romans aus vorgeschichtlicher Zeit ergeben sich unzählige Fragen, die auch kein Archäologe beantworten kann, weil schlicht die Fakten fehlen, auf die man eine Antwort gründen könnte. Da bin ich als Autorin oft gefordert, mit einfühlender Phantasie und mit Anleihen beispielsweise bei Ergebnissen der Völkerkunde oder der Religionsgeschichte Lücken zu schließen und ein stimmiges, glaubhaftes und mit den lückenhaft existierenden Fakten übereinstimmendes Bild entstehen zu lassen, von dem aber kein Mensch sagen kann, ob es in allen Punkten der prähistorischen Wirklichkeit entspricht oder nicht. Beim Deutschen Kaiserreich ist das ganz anders, hier stehen mir unter anderem unzählige Quellen, eine schier unerschöpfliche Menge von Sekundärliteratur zu den verschiedensten Aspekten, viele aussagekräftige Museen und ganze Stadtbilder zur Verfügung – nicht zu vergessen die zeitgenössischen Romane dieser Epoche, aus denen ich vieles mitzuempfinden gelernt habe. Dennoch bleibt die zentrale Aufgabe für mich als Autorin, mich einzufühlen und zu verstehen, nicht nur rational, sondern gerade auch emotional.
Die Perspektive liegt ja bei diesem Buch auf dem adeligen und bürgerlichen Milieu, dennoch schildern Sie auch das Schicksal der eine gute Stufe darunter, die Köchinnen, Dienstmädchen etc. Die Köchin Lene, Hauptfigur des preisgekrönten Romans In Berlin vielleicht, tritt kurz am Ende des Buches auch kurz auf, was eine sehr schöne Verflechtung der beiden Titel ist. Band 3 ist in Planung, soweit ich weiß. Verraten Sie, wessen Leben hier die Hauptrolle spielen wird?
Gabriele Beyerlein: Der dritte – wiederum mit den beiden anderen lose verknüpfte – Band der Trilogie hat als Hauptfiguren eine Arbeiterin aus dem Hinterhof einer Berliner Mietskaserne und eine Adlige aus einer Villa im Westend und kontrastiert so – ganz nebenbei – die elenden Arbeits- und Lebensbedingungen der Arbeiterinnen mit dem luxuriösen Lebensstil der Damen der obersten Klasse. Die Lebenswege dieser beiden so unterschiedlichen Frauen, deren persönliche Geschichten ich über einen Zeitraum von zwei Jahren (1895/1896) erzähle, sind schicksalhaft miteinander verbunden. Im Hintergrund geht es bei diesem Roman historisch betrachtet vor allem um das Thema der Frauenbewegung – sowohl der sozialistischen als auch der bürgerlichen.
In meinen Augen zieht der letzte Band etwas wie die Quintessenz aus allen dreien, bringt das Thema der Frauenbenachteiligung und Frauenverachtung auf der einen Seite und der Frauenemanzipation auf der anderen auf den Punkt und führt damit für mich auch den Themenbereich „Frauenleben im Deutschen Kaiserreich“ zum Abschluss. Doch so theoretisch es auch klingt, wenn ich hier darüber reflektiere: Der Roman führt auf einer unmittelbaren Ebene mitten hinein in das Schicksal dieser beiden jungen Frauen. Er soll im Frühjahr 2009 erscheinen.
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