Interview mit Ina-Marie Cassens zu "Der Fluch der Heilerin"
Ina-Marie Cassens ist ein Pseudonym – wie kam es dazu?Ina Marie Cassens: Da Katryn Berlinger ihre Romane im 19. Jahrhundert und der Zeit danach ansiedelt, war ein Pseudonym für Geschichten notwendig, die im Mittelalter spielen.
Melissa, die Hauptperson in Ihrem Roman Der Fluch der Heilerin, reist in kurzer Zeit sehr viel. Sind Sie selbst an allen Handlungsorten gewesen oder haben Sie Ihre Heldin auf der Landkarte begleitet?
Ina Marie Cassens: Gegenfrage: Ist Jules Vernes in achtzig Tagen um die Welt gereist? Das ist jetzt ein wenig überspitzt gesagt, doch ein Autor, der erst um die Welt reisen muss, um einen Ort schildern zu können, müsste viel Zeit und einen großzügigen Sponsor haben.
Natürlich verreise ich, sobald es sich einrichten lässt. Ich denke aber auch, dass jeder Leser, jede Leserin von einem guten Schriftsteller erwarten kann, dass er sein Handwerk versteht. Er muss aufgrund genauer Reisebeschreibungen, topographischer Angaben und landeskundlicher Berichte eine Gegend so anschaulich wiedergeben können wie es für den Handlungsraum seiner Helden nötig ist.
Andererseits inspirieren mich die eigenen Reisen natürlich sehr. Meine Heldin Melissa startet zum Beispiel in Montpellier. Ich habe herrliche Sommer in Südfrankreich verlebt - Städtetrips nach Montpellier, Avignon, Arles, Nîmes etc. inklusive – die Erinnerung an diese herrliche Landschaft ist nie verblasst.
Was Melissas weitere Stationen anbelangt, so ist die ligurische Küste mit seiner Hafenstadt Genua ebenso ein Urlaubserlebnis wie Bozen, die Landeshauptstadt Südtirols, durch deren Gäßchen wir während unserer Südtirol-Urlaube schon oft geschlendert sind. Bodensee, Hochrhein und Schwarzwald sind ebenfalls schon wunderbare Ausflugsziele für meinen Mann und mich gewesen.
Und dennoch ist die intensive Auseinandersetzung mit der speziellen Situation einer fiktiven Figur in historischem Gewand etwas anderes als die Erinnerung an eigene Erlebnisse:
Ich will ganz frei und offen zugeben, dass ich vor dem PC sitze und mich dahin zurücksehne, wo ich schon einmal war oder wo ich (wieder) gerne sein würde. Das ist eigentlich gar nicht so schwer, denn dort, wo ich lebe, hängt der Himmel meistens grau und schwer über den Wipfeln uralter Eichen- und Buchenwälder. Wer würde bei solch einem Ausblick aus dem Fenster nicht abtauchen wollen in die Ferne? Wo es Abenteuer zu bewältigen gibt? Ach, ich wäre doch jetzt gerne wieder unterwegs ... Also schultere ich meiner Heldin einen Rucksack auf, prall gefüllt mit meinem Fernweh und lasse sie losmarschieren. Der Wind trägt ihr zu, wie ihr Weg weitergeht ... Sie soll sich ja nicht verlaufen, denn wozu sonst habe ich ihre Routen so gut wie möglich vorbereitet?
Und doch möchte ich betonen: So aufwendig die Recherche auch immer ist, so schön die Erinnerungen: Im Vordergrund steht die Geschichte der Heldin, ihre Erlebnisse sollen faszinieren. Zumal die Routen, die beschritten werden, gängige Verbindungswege im Mittelalter waren und keine individuelle Erfindung. Die Menschen in der damaligen Zeit waren viel mobiler, als wir es uns heute vorstellen können – auch ohne Auto! Handel, Geschäfte jeglicher Art, Pilgertouren, Abenteuerlust und Fernweh, Flucht vor Feinden oder Gläubigern, Suche nach neuer Arbeit u. ä. haben schon immer Menschen auf den Weg geschickt.
Haben Sie für die Handlungsorte in diesem Roman ein besonderes Faible oder wie sind Sie darauf gekommen?
Ina Marie Cassens: Nachdem ich mich mit Trota von Salerno, der ersten echten Frauenärztin des Abendlandes beschäftigt hatte, lag es nahe, sich mit der zweiten großen medizinischen Fakultät im ausgehenden Hochmittelalter zu beschäftigen: Montpellier.
Nah gelegen am Mittelmeer, verbunden mit den arabischen Gelehrtenschulen in Spanien und beflügelt von einem regen Handel mit Italien, blühte Montpellier bereits im 12. Jahrhundert zu einer wohlhabenden Stadt mit einem erstarkendem Bürgertum auf. Hierher reisten Gelehrte aus vielen Ländern, um empirische Kenntnisse zu sammeln. Denn Montpellier verfügte über verschiedene Spitäler, die von bedeutenden französischen Ordensklöstern errichtet wurden. Die lieferten reiches Beobachtungsmaterial, das von heimischen und fremden Ärzten begierig studiert wurde. 1180/81 hatte Graf Guilhem VIII, Herr von Montpellier, ein Edikt erlassen, dass jeder Arzt, ohne Unterschied der Herkunft und Religion, in seiner Stadt studieren und lehren durfte. So entstanden zahlreiche freie medizinische Schulen, die für einen eifrigen und nicht immer störungsfreien Wettbewerb unter den Ärzten sorgten. Das Ansehen Montpelliers wuchs.
Ab dem 26. Oktober 1289 durfte nur eine einzige der medizinischen Schulen in Montpellier Diplome vergeben und die Bezeichnung „Medizinische Fakultät“ tragen. Geistliche und weltliche Mächte fördern und schützen sie das ganze Mittelalter hindurch. Ihre erste große Blütezeit ist das 14. Jahrhundert, nachdem Ende des 13. Jahrhunderts die Salernitaner Schule langsam an Bedeutung eingebüßt hatte.
Es war etwas Besonderes zu der Zeit, dass Ärzte nach freiem Ermessen in ihren eigenen Häusern forschen und lehren durften. Und diese Tatsache inspirierte mich dazu, meine Heldin in einen Konflikt geraten zu lassen: Sollte sie, um ihre Mutter zu schützen, dem Begehren des Spitalchirurgus` Fragiardi nachgeben? Würde sie es wagen können, einer privaten Leichenschau beizuwohnen, ohne entdeckt zu werden und ihre Stellung zu verlieren?
Ich wanderte also – im geographischen wie im kulturhistorischen Sinne – von Salerno, südlich von Neapel, nach Westen, bis nach Montpellier im Languedoc, im Süden Frankreichs.
Unabhängig von der Romanrecherche, wie reiselustig sind Sie?
Ina Marie Cassens: Wäre ich frei wie ein Vogel, bräuchte ich nichts als ein brauchbares Chipkärtlein zwischen den Federn, um loszufliegen. So wie ich die konzentrierte, einsame Arbeit über sehr lange Zeitstrecken aushalte, weil sie einem Teil meines Wesens entspricht, so sehr genieße ich die Freiheit des Reisens. Menschen faszinieren mich, andere Lebensformen, fremde Kulturen, Meer und Berge, kulinarische Entdeckungen zu machen – ja, wer würde da nicht zustimmen? Neben den laufenden Buchverträgen und den familiären Verpflichtungen ergeben sich zwar immer wieder Zeitspannen, um das Nest zu verlassen, doch ich wünschte mir, länger fortbleiben zu können.
Gibt es historische Personen, an die Sie Ihre Figuren im Buch angelehnt haben oder die Sie inspiriert haben?
Ina Marie Cassens: Anders als Trota von Salerno, der historisch überlieferten Ärztin, ist Melissa eine erfundene Figur. Prägend für den historischen Rahmen aber sind zunächst: König Peter I, der im Sommer 1365 mit seinem Kreuzfahrerheer Alexandria eroberte und die Präsenz der Deutschordensritter im Heiligen Land, deren Orden 1190 gegründet wurde, um der Krankenpflege, später den Kreuzzügen zu dienen.
In Montpellier sind es die von Herzog Ludwig von Anjou ausgebeutete Bevölkerung, der berühmte Wanderarzt und Chirurg Guy de Chauliac, in dessen siebenbändigem Werk unsere Heldin Melissa nach Rat sucht, Kardinal Albano, der 1379 die Strafaktion gegenüber den Bürgern von Montpellier im Auftrag seines Herzogs durchführt, in Marseille ist es die Lazarus-Bruderschaft, die unserer Melissa weiterhilft und sie dennoch nicht vor einer zweifelhaften Bekanntschaft schützen kann; Graf und Gräfin von Uzès, in deren Salinen Melissa ihre Strafe abzubüßen hat, später die Ritterschaft der Deutschordenskomturei auf der Insel Mainau, der Landkomtur der Deutschordenskomturei auf Burg Beuggen – und natürlich der Drache Tarasque, den die Heilige Martha der Legende nach mit ihrem Gürtel bezwang.
Der zeitliche Rahmen für den „Fluch der Heilerin“ bildet der Hundertjährige Krieg (1337 bis 1453), der nur vordergründig darum ausgefochten wurde, wer Nachfolger des französischen Königs Philipp des Schönen (1285 – 1314), des letzten bedeutenden Herrschers der Kapetinger-Dynastie werden sollte: sein Neffe Philipp VI (1293 – 1350) oder sein Enkel Eduard III (1327- 1377), König von England.
Es wurde Philipp VI, doch die Fehde mit Eduard III prägt die folgenden kriegerischen Jahrzehnte.
Eigentlich aber konzentriert sich die Auseinandersetzung dieser beiden Herrscher um die Eroberung Flanderns, an dessen wirtschaftlichem Reichtum beide ein großes Interesse haben.
Frankreich wird in dieser Zeit von Kämpfen und verlustreichen Schlachten ausgeblutet. Johann II, der Gute (1319 – 1364) – Nachfolger auf dem Thron nach dem Tod Philipp VI - rüstet mit riesigen Geldsummen zigtausende Soldaten aus, um im Mai 1356 äußerst brutal gegen normannische Adlige vorzugehen und ihre Stützpunkte in der Normandie zu zerstören. Im September 1356 unterliegt sein Heer in der Schlacht bei Poiters, und er gerät in englische Gefangenschaft. Damit 1360 das Lösegeld in Höhe von drei Millionen Goldtalern für seine Freilassung aufgebracht werden kann, müssen Bürger und Bauern immer höhere Abgaben zahlen. Es kommt zu zahlreichen Bauernaufständen, die sich wie ein Flächenbrand über Frankreich ziehen, doch sie werden vom Adel brutal niedergeschlagen.
Das französische Volk leidet auch danach auf vielerlei Weise: unter den fortgeführten kriegerischen Auseinandersetzungen seiner Herrscher, unter den damit verbundenen unerträglichen Steuerlasten, die die französische Krone ihnen seit Jahrzehnten für den Kampf um eigene Machtansprüche auferlegt hat und unter den zahlreichen herrenlosen französischen und englischen Söldnertrupps, die quer durchs Land marodieren und brandschatzen. Und seit 1348 muss es die in beinah ganz Europa ausgebrochene Pest hinnehmen.
Zusätzliche Spannungen und weltgeistige Verunsicherung geht vom Großen Abendländischen Schisma aus: Seit 1378 ist die katholische Kirche durch die Wahl zweier Päpste gespalten: in Rom behauptet der ehemalige Erzbischof von Bari als Urban VI seine Stellung, in seinem Zufluchtsort Avignon ist es Klemens VII, der im italienischen Fondi gewählte Robert von Genf. Beide beharren auf der Legitimität ihrer Wahl. Was für eine Zeit!
Ist es da nicht nachvollziehbar, dass die Menschen ihr Seelenheil im Glauben an Legenden, Pilgerfahrten und Reliquien suchten? Auch wenn schon damals manch einer so seinen Gewinn damit machen wollte. So sagt Hagen von Mehringen im Roman: „Das Gewissen frei im Leibe schwingt, wenn die Münz im Kasten klingt.“ (S. 137) Ein Gedanke, den meine Heldin Melissa empört, empören muss ... denn sie ist Tochter eines Deutschordensritters, eines Ritters also, dessen Lebensmotto hieß: „Helfen, Heilen, Wehren.“
In welcher Figur finden Sie selbst am meisten von sich wieder?
Ina Marie Cassens: Meine Figuren sind eigenständige Persönlichkeiten. Natürlich agieren meine Heldinnen sehr weiblich: Melissa ist ihrer Pflegemutter Heta tief verbunden. Sie vertraut ihr, weil sie bei ihr Schutz, Wissen und mütterliche Geborgenheit gefunden hat. Mit ihrer Freundin Amande versteht sie sich intuitiv, und ihre Beziehung zu ihr hält alle Emotionen aus, von Verzweiflung über Misstrauen bis hin zum Verzicht. Doch sowohl Melissa als auch Amande wissen, dass nichts ihre Freundschaft, ihr gegenseitiges Vertrauen zerstören kann. Trotz aller Widrigkeiten können sie sich immer wieder aufeinander verlassen. Eine echte Frauenfreundschaft eben.
Wie jede von ihnen zu lieben versteht – sinnlich, aber auch ätherisch-geistig – dürfte wohl keine alleinige Erfindung meinerseits sein ...