Interview mit Jörg Kastner zu "Das Wahre Kreuz"
Was genau war der Impuls zu diesem Buch – erinnern Sie sich an den Moment, als diese Idee auftauchte?Jörg Kastner: Nein, an den Moment erinnere ich mich nicht mehr. Bei mir ist es oft so, daß Themen allmählich Gestalt annehmen und mich lange eher unterschwellig beschäftigen. Ich schreibe dann erste Notizen nieder, und mit der Zeit konkretisiert sich das Ganze. Konkret wurde das Thema bei mir, als ich vor ein paar Jahren mit meinem Agenten in München war, um mit Mitarbeitern meines Verlags die zukünftige Zusammenarbeit zu besprechen. Als ich die Themen vorschlug, die mich beschäftigten und die mir als Romanstoffe geeignet erschienen, stieß „Das Wahre Kreuz“ auf großen Widerhall. Das war der Augenblick, als aus der bloßen Idee ein konkretes Thema wurde.
Mit welcher Stelle haben Sie am meisten gekämpft, was ist Ihnen bei diesem Buch besonders leicht gefallen?
Jörg Kastner: Schwierig war es, die beiden Zeitebenen (die Zeit Napoleons und die Zeit der Kreuzzüge) so miteinander in Einklang zu bringen, dass sie einander ergänzen und auf einer Ebene nicht etwas Wichtiges vorwegnehmen, was auf der anderen Ebene noch thematisiert werden soll. Leicht fiel es mir dagegen immer dann, wenn der Übergang von einer Ebene zu anderen geschafft war und ich mich ganz auf die Handlung der jeweiligen Zeitebene konzentrieren konnte.
Gab es eine Figur, die Sie als Erstes im Kopf hatten oder war Ihnen gleich das gesamte Ensemble klar?
Jörg Kastner: Zuerst hatte ich den Erzähler meiner Geschichte, Bastien Topart, und die geheimnisvolle Ourida sehr deutlich vor mir. Das sind ja die beiden Charaktere, um die sich die ganze Geschichte rankt. Die übrigen Figuren entstanden nach und nach, als ich den Handlungsverlauf ausarbeitete und das Knochengerüst der Handlung mit Fleisch anreicherte, damit es für die Leser lebendig wird. Von Anfang an fest stand natürlich, dass Napoleon als historische Figur eine Rolle spielt.
Wo haben Sie in diesem Fall recherchiert – auch vor Ort?
Jörg Kastner: Ich bin immer bemüht, die Handlungsorte meiner Romane auch zu besuchen, weil der persönliche Augenschein durch nichts zu ersetzen ist. Beim „Wahren Kreuz“ allerdings ließ es sich aus zeitlichen Gründen nicht einrichten. Insofern stützen sich die Beschreibungen auf meine nicht ganz kleine Bibliothek historischer, erd- und völkerkundlicher Werke. Zugute kam mir, dass ich vor einigen Jahren, als ich den Karl-May-Roman „Die Oase des Scheitans“ schrieb (die Vorgeschichte zu Karl Mays Orientabenteuern, in der erzählt wird, wie Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar sich kennen lernen), schon intensive Studien über Nordafrikas Geographie, Geschichte und Kulturgeschichte betrieben habe.
Das Thema Napoleon und Ägypten oder das Thema des Wahren Kreuzes – was war eher da?
Jörg Kastner: Napoleon und Ägypten. Für Napoleon interessiere ich mich seit meiner Kindheit, und schon lange wollte ich seinen Ägypten-Feldzug in einem Roman behandeln. Den konkreten Stoff allerdings hatte ich erst, als ich auf die Geschichte mit dem Wahren Kreuz kam. Manchmal ist es so, dass ich lange Zeit eine Geschichte im Hinterkopf habe, aber den richtigen Rahmen für sie suche. Und manchmal, wie beim „Wahren Kreuz“, existiert ein Handlungshintergrund, aber die konkrete Handlung stellt sich erst später ein. So war es übrigens auch bei meinen Romanen „Die Farbe Blau“ und „Die Tulpe des Bösen“. Schon seit Jahren wollte ich einen Roman im Amsterdam des 17. Jahrhunderts ansiedeln, aber ich habe lange nach dem richtigen Stoff gesucht.
Sie schreiben in Ihrem Artikel über Napoleon in Ägypten, dass Sie vor allem auch die Frage gereizt hatte, ob Napoleon neben dem Ruhm auch die Wissenschaften im Sinne hatte, ein Förderer war. Wie beantworten Sie diese Frage nach der Recherche für das Buch?
Jörg Kastner: Für mich steht fest, dass Napoleon ein vitales Interesse an den Wissenschaften hatte, weshalb er sie nach Kräften förderte. In meinem Roman erzähle ich ja von dem Institut von Ägypten, das Napoleon gegründet hatte und an dessen wissenschaftlichen Debatten er leidenschaftlich teilnahm. Natürlich war er auch ein Machtmensch und Eroberer, der nie aus den Augen verlor, wie er wissenschaftliche Erkenntnisse für seine Zwecke nutzen konnte. Aber das genau ist ja das Spannungsfeld, in dem die Wissenschaft immer steht, heute, da ihre Erkenntnisse zur Vernichtung der Welt auf Knopfdruck führen können, mehr noch als damals.
Gibt es reale historische Persönlichkeiten, die eine Art Vorlage für Bastien Topart oder seinen Ziehvater waren?
Jörg Kastner: Nein, hier habe ich mich ganz auf meine Phantasie verlassen. Natürlich habe ich bei der Recherche im Vorfeld viel über die Wissenschaftler gelesen, die den Ägyptenfeldzug begleitet haben, und das eine oder andere biographische Detail ist bestimmt in meine Figuren eingeflossen. Aber historische Vorbilder gibt es nicht.
Welches Bild von Ägypten wurde denn von der Entourage aus Wissenschaft und Künstlern um Napoleon herum gezeichnet und nach Europa gebracht?
Jörg Kastner: Wichtig war vor allem, dass den Europäern überhaupt ein Bild Ägyptens vermittelt wurde. Für gewöhnlich waren es zu jener Zeit nur einzelne Forschungsreisende oder Abenteurer, deren Berichte den Europäern ein ausschnittweises Bild fremder Kontinente vermittelte. Da Napoleon eine Vielzahl von Wissenschaftlern nach Ägypten brachte, entstand in Europa erstmals ein breitangelegtes, facettenreiches Bild jenes Landes und löste eine wahre Ägyptenbegeisterung aus, die man gerade in Frankreich auch heute noch spüren kann.
Diese Abspaltungen des Templerordens oder vielmehr die Neugruppierung – gab es die tatsächlich und können Sie noch etwas davon erzählen?
Jörg Kastner: Da muss ich Sie enttäuschen, der geheimnisvolle Orden der Ritter vom Verlorenen Kreuz entspringt ganz und gar meiner Phantasie.
Die Träume, die Zeitreisen, die Wesensverwandtschaften und „mystischen“ Elemente im „Wahren Kreuz“ – wie stark glauben Sie selbst daran?
Jörg Kastner: Ich denke schon, dass es Dinge zwischen Himmel und Erde gibt, von denen wir nicht sonderlich viel wissen, aber das liegt eher daran, dass unsere Wissenschaft diese Gebiete (noch) nicht für sich entdeckt hat. Ansonsten betrachte ich Berichte über paranormale Phänomene eher als potentiellen Romanstoff denn als bare Münze.
Wer hat in diesem Fall als Erstes das fertige Manuskript gelesen?
Jörg Kastner: Meine Frau Corinna, die ja auch eine erfahrene Romanautorin ist. Sie ist immer meine erste Testleserin und Lektorin, und umgekehrt ist es genauso.
Wenn Sie als Buchhändler mit drei Schlagworten dieses Buch empfehlen müssten – welche wären das?
Jörg Kastner: Spannend. Exotisch. Geheimnisvoll.
Herr Kastner, ganz herzlichen Dank für die Antworten und wir wünschen Ihnen viel Erfolg mit diesem Titel, spannende Lesungen und gebannte Zuhörer und Leser!
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Das Buch zum Thema
Jörg Kastner
Das Wahre Kreuz
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Lesetipp
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Die Farbe Blau
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Die Tulpe des Bösen
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