Interview mit Kari Köster-Lösche zu "Die Pestheilerin"
Was war für Sie die Initialzündung zu diesem Roman?Kari Köster-Lösche: Ich glaube, es gab keine, ich habe mich schon viele Jahre für Pest interessiert (auch über sie im Sachbuch geschrieben, z.B. im Inseltaschenbuch: Die großen Seuchen, 1995).
Wie lange haben Sie recherchiert und wie lange am Roman selber geschrieben?
Kari Köster-Lösche: Die Recherchen zu den einzelnen Ländern/Orten habe ich einem Zeitraum von ca. 10 Jahren durchgeführt, geschrieben 1 Jahr ( =Vertragslaufzeit).
Es gibt mehrere beherrschende Themen Ihres neuen Romans, aber als Erstes sticht natürlich die Pest ins Auge. Können Sie für uns die verschiedenen medizinischen Vorstellungen und Richtungen skizzieren, die damals herrschten?
Kari Köster-Lösche: Gesichert ist in den Mittelmeerländern eine Pestepidemie 542/43, aber sie hinterließ keine bleibende Erinnerung und keine medizinischen Hypothesen.
Die erste, die dies tat, erreichte Europa 1347 mit etwa 20 Millionen Opfern.
Wissenschaftler (Paris) erarbeiteten als Ursache für die Seuche, dass die große Konjunktion der oberen Planeten Saturn, Jupiter und Mars um 1Uhr mittags am 20. März des Jahres 1345 unter dem 14. Grade des Wassermanns stand.
Realpolitiker (Genua) versuchten die Krankheit unabhängig von dieser wenig hilfreichen Erkenntnis der Wissenschaftler abzuwehren: mit Quarantäne, d.h. Absonderung von Fremden, Waren, Schiffen über 40 Tage.
Echte medizinische Theorien zur Entstehung der Pest wurden erst ab Mitte des 16. Jahrhunderts entwickelt.
Welches Verständnis hatte man damals von Krankheit und wie verstand man dementsprechend dann die Pest?
Kari Köster-Lösche: Zu diesem Zeitpunkt gab es für die europäische Bevölkerung und die christliche Kirche nur eine Erklärung: Es handelte sich um die Strafe Gottes. Eine Form der Reaktion waren Massenbewegungen wie der Zug der Geißler, die durch die Orte zogen und sich als Zeichen der Reue geißelten. Andere Menschen riefen Heilige an, von denen man sich besondere Hilfe versprach, wie Sebastian oder Rochus.
Arinna äußert sich mehrfach kritisch über den Umgang mit der Pest und wirft gerade den Christen vor, dass sie sehr unbedarft mit der Krankheit umgehen. Kann man das historisch so genau festmachen, wie die verschiedenen Kulturen und Religionen mit der Pest umgegangen sind?
Kari Köster-Lösche: Es ist belegt, dass andere Kulturen mit Pest (und weiteren Infektionskrankheiten) anders umgegangen sind als die Christen. Viele entwickelten Verhaltensmaßregeln, die z.T. ritualisiert und nicht erklärbar waren, aber sie waren nützlich und verhinderten trotz Einzelerkrankungen Epidemien.
Beispiele: Tungusen im zentralasiatischen Hochgebirge jagten den Tabargan (Murmeltierart). Sie pflegten das Fleisch in der Achselgegend herauszulösen und wegzuwerfen, was sie mit einer alten Sage erklärten. Diese Schutzhandlung war an Zweckmäßigkeit kaum zu überbieten: Man brauchte das Fleisch, aber die Stelle, in der sich abgekapselt in den Lymphknoten das Pestbakterium befinden konnte, wurde vorsorglich vernichtet.
Die Tusemzen in Ostsibirien vermieden den Fang der Murmeltiere, wenn diese alle Scheu verloren. Steckte sich trotzdem ein Mensch an, verließen sie die Gegend und kehrten erst nach langer Zeit zurück.
Wenn in den Gebirgstälern des Himalaya die Gebirgsratten wanderten oder die Hausratten und Mäuse starben, verließen die Menschen ihre Häuser.
In Indien verstärkten die Hindus die rituellen Waschungen (womit sie die Flöhe, die Träger des Pestbakteriums, reduzierten) und verließen verseuchte Wohnorte.
In diesem Roman schildern Sie als Heilmittel gegen die Pest den Schwamm von Malta. Was ist dieser Schwamm von Malta, gibt es ihn heute noch? Und war dieser Schwamm nur als Heilmittel gegen die Pest begehrt oder schrieb man ihm noch weitere Funktionen zu?
Kari Köster-Lösche: Der Schwamm heißt mit wissenschaftlichem Namen Cynomorium coccineum. Er wächst nur auf dem Fungus Rock von Gozo (Malta) und in Westsizilien (damals unbekannt), wurde von den Johannitern auf Malta im 16./17. Jahrhundert als Medikament schlechthin propagiert und vom Orden im 17./18. Jahrhundert als Monopolbesitz für horrende Summen als Heilmittel gegen die Bluterkrankheit an die europäischen Fürstenhöfe verkauft. Es ist heute erwiesen, dass er überhaupt keine medizinische Wirkung hat.
Die junge Frau Arinna gerät mehrfach in Konflikte und Gefahren, weil sie die falsche Göttin verehrt. Welche religiösen Konflikte prägen die Zeit, in der Ihr Roman spielt?
Kari Köster-Lösche: Grundlage der Konflikte war der Anspruch der christlichen Kirche von Rom auf die Wahrheit in Glaubensdingen. Andere Meinungen galten als Häresie, einzelne Personen wurden als Ketzer bezeichnet. Der Ketzerbegriff wurde allmählich instrumentalisiert und zum Mittel der Politik gemacht.
Im Zusammenhang damit stand auch die Trennung zwischen Ostrom (Byzanz) und Westrom (Rom), was ständige Auseinandersetzungen zwischen beiden Kirchen zur Folge hatte, sogar die Zerstörung von Konstantinopel durch die hauptsächlich westeuropäischen Kreuzfahrertruppen 1204). 1274 waren die beiden Kirchen wieder vereint, Byzanz erkannte das Primat von Rom an. Jedoch war Byzanz am Ende dieses Glaubenskampfes zu schwach, um sich gegen die fortwährenden Eroberungen der Osmanen zu wehren. 1347 bestand das byzantinische Reich nur noch aus Konstantinopel, einigen Inseln und dem verwüsteten Thrakien. Der religiöse Konflikt zweier christlicher Kirchen war somit Ursache, dass Anatolien, das über Jahrhunderte zum europäischen Raum gehört hatte, an die Muslime verloren wurde.
Die europäischen Bürger wehrten sich beginnend mit dem 12. Jahrhundert gegen den Anspruch der römischen Kirche in Form von Massenbewegungen (die als Häresie eingestuft wurden), wozu die Bogumilen (Balkan), Katharer (in Frankreich, Italien, Deutschland), die Waldenser (Frankreich, Italien), Humiliaten (Oberitalien) gehörten. Beginen und Franziskaner kamen mit Mühe von dem Vorwurf der Ketzerei davon.
Innozenz III. rief 1199 zum Kampf gegen die Häretiker auf: zunächst mit dem geistlichen Schwert, wenn das nicht half, mit dem eisernen. Ab da begann die systematische Verfolgung und Ausrottung der als Ketzer definierten Menschen, vor allem durch die Dominikaner (Gründung 1216). Inquisition, Folter und Verbrennung der Verdächtigten waren unausweichlich.
Ein weiteres großes Thema ist der Sklavenhandel. Wie muss man sich diesen „Geschäftszweig“ heute vorstellen und welche Sklaven-Arten gab es?
Kari Köster-Lösche: Sklaven sind über Jahrhunderte die wichtigste und teuerste Handelsware in Europa und Asien gewesen. Die Handelswege für Sklaven reichten ab dem 8. Jahrhundert von Marseille über Mainz und Prag bis nach China und Indien, auf denen vor allem die Radamiten tätig waren, eine jüdische Händlergilde, deren Heimat das Chasarenreich am Kaspischen Meer war. Die turkstämmigen Chasaren verkauften hellhäutige, nicht-christliche Menschen. Prag war vor der Christianisierung ein Zentrum des Sklavenhandels, von dort wurden die Sklavenmärkte von Venedig und Konstantinopel beschickt. Später bezogen Venedig und Genua Sklaven von der Krim.
Im Mittelmeer war beginnend mit der arabischen Besetzung Kretas das heutige Iraklion als größter Sklavenmarkt des Ostens bekannt. Mit dem Eindringen der Turkvölker und Mongolen in das Gebiet am Schwarzen Meer änderten sich jedoch die Handelswege. Die krimtatarischen Sklavenjäger lieferten jetzt den muslimischen Eroberern Christen, die in Russland und Polen eingefangen und bis nach Ägypten verkauft wurden.
Ab da wandten sich die europäischen Sklavenhändler dem Westen zu, wo vor allem die Portugiesen ab dem 15. Jahrhundert die Sklavenjagd im westlichen Afrika aufbauten.
Sklaven wurden zu unterschiedlichen Zwecken benötigt, vor allem, um Arbeiten zu verrichten: Im fränkischen Reich bis zum 9. Jahrhundert auf kirchlichen Besitzungen. Im 13. Jhdt. auf den Zuckerplantagen der italienischen Stadtstaaten auf Zypern, Chios und im Schwarzen Meer. Etwas später auf den Zuckerplantagen der Portugiesen auf den Inseln vor Afrika.
Viele Sklaven wurden jedoch kastriert, um im Harem, in Königs- und Kaiserhöfen sowie im Vatikan dienen zu können, je nachdem als sexuelle „Gebrauchsobjekte“, Sänger oder auch zur Arbeit.
Sie beschreiben einen Arzt, der die männlichen Sklaven auf verschiedene Weise entmannte. War das eine kurzfristige „Mode“ oder rangierten diese Sklaven immer schon auf der Wertigkeitsskala ganz oben?
Kari Köster-Lösche: Ich vermute, dass die teuersten Sklaven als Vorzeigeobjekte zu einer Mode für besonders Reiche (Kaiser, Könige, Fürsten, Kirchenfürsten) wurden. Am teuersten waren logischerweise diejenigen, deren Verstümmelung so umfangreich war, dass die Überlebenschance nur gering war. Dies waren die Carzimasier, denen alle äußeren Geschlechtsorgane abgeschnitten wurden. Man schätzte diese Mode u.a. in Italien, im byzantinischen Reich und im arabischen Raum.
Auf Seite 241 ärgert sich Arinna über eine Zurechtweisung und denkt innerlich: „Derwische stand tanzende Mönche!“ Was für ein Wertsystem verbirgt sich hinter dieser Umformulierung?
Kari Köster-Lösche: Derwisch ist in den Augen des guten Christen etwas Teuflisches, Negatives, Heidnisches. Arinna aber sieht aufgrund eigener Kenntnis, dass es sich um Mönche handelt – nur eben mit einer anderen Variante des Glaubens an den einen Gott.
Sie beschreiben auf Seite 272 den Koch, der der Meinung ist, dass der Pastetenteig Gift aus der verdorbenen Füllungsmasse herausziehen würde. Diese Episode klingt fast zu schön, um wahr zu sein. Ist hier Ihre Phantasie die Grundlage oder ist das ein Detail aus den Quellen Ihrer Recherche?
Kari Köster-Lösche: Tatsache ist, dass in Europa (Frankreich vor allem) die Essensreste aus den Fürstenhöfen durch die Köche an die Armen verkauft wurden, ungeachtet der Tatsache, ob sie verdorben waren. Durch den umhüllenden Teig waren auf jeden Fall schlechte = faulige Gerüche verdeckt, und wer dieses verkauft hat, muss eine, wenn auch fadenscheinige, Beschwichtigung zur eigenen Rechtfertigung gehabt haben. Ich weiß selbst nicht mehr, ob ich die Begründung erfunden oder gelesen habe.
Gibt es Stellen, an denen Sie besonders gekämpft haben?
Kari Köster-Lösche: Nein. Es gibt nur Stellen, an denen ich mehr recherchieren musste als an anderen.
Und welche sind Ihnen besonders leicht gefallen?
Kari Köster-Lösche: Können wir die Frage umändern? In besondere Freude? Das ist die Diskussion über vergangene Götter und Religionen, die mit einem Zitat aus der isländischen Edda endet.
Wenn Sie Die Pestheilerin als Buchhändlerin empfehlen müssten, welche drei Schlagworte wären das?
Kari Köster-Lösche: Ich muss passen. Die Frage kann man als Autorin nicht beantworten. Aber glücklicherweise habe ich eine „Fachfrau“ in der Familie. Ich habe meine Tochter gefragt, die Buchhändlerin ist.
Sie sagte: „Spannend, brillant recherchiert, tolle Dialoge.“
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