Interview mit Katryn Berlinger
Katryn Berlinger hat spät und begeistert angefangen, hauptberuflich als Schriftstellerin zu leben. Seitdem schrieb sie etliche Romane, die stets als Hauptperson eine sehr couragierte Heldin haben, und damit vor allem weibliche Leserinnen begeistern.Liebe Frau Berlinger, wie sind Sie zum Schreiben gekommen, nachdem Sie ja zunächst eine andere berufliche Laufbahn eingeschlagen hatten? War das immer schon ein geheimes oder bekanntes Hobby von Ihnen oder sind Sie „spätberufen“?
Katryn Berlinger: Weder noch. Bevor ich eingeschult wurde, hatte ich wenig Spielsachen, dafür aber mehr Bücher. Ich brachte mir mit fünf Jahren das Lesen selbst bei, indem ich den Zeilen folgte, die meine Mutter mir vorgelesen hatte. Bald schenkte mir mein Vater Bücher, die meisten gingen über mein Alter hinaus, doch ich las. Ich erinnere mich noch gut an lange Winternachmittage, an denen ich stundenlang „Geschichten“ erfand, indem ich mit schlichten Holzstückchen Rechtecke auf den Teppich legte, die Räume darstellen sollten. Den anderen Holzstückchen hauchte meine Phantasie Leben ein: Sie waren die Hauptdarsteller meines Spiels und gingen miteinander redend in den Räumen ein und aus. Heute kann ich mich natürlich nicht mehr das erinnern, was ich da so vor mich hermurmelte, doch das war wohl der Anfang.
Wenig später, also Ende der Grundschulzeit, fiel - wie wohl bei den meisten Autoren - einem Deutschlehrer mein Talent auf, Geschichten zu erzählen. Bis zum Übergang aufs Gymnasium durfte ich am letzten Schultag vor den Sommerferien meine Abenteuergeschichten der Klasse vorlesen. Damals liebte ich Enid Blyton, Karl May und natürlich Astrid Lindgren - ihre Pippi Langstrumpf, mit ihrem Motto, zu tun, was ihr gefällt, hat mir damals sehr imponiert. Ich hatte Freundinnen, die mit mir Poesiealben, bunte Glitzerblättchen tauschten und gelegentlich mit Puppen spielten. Die meiste Zeit aber war ich mit robusteren Mädchen und Jungen zusammen, mit denen ich Höhlen in Wäldern und Scheunen bauen konnte oder Staudämme aus Zweigen und Steinen in aprilkalten Bächen. Zunächst aber musste ja die schulische Pflicht erfüllt werden.
Aus familiären Gründen war ich leider nach dem Abitur gezwungen, meinen gerade ergatterten Studienplatz aufzugeben, um innerhalb kurzer Zeit einen einträglichen Brotberuf zu erlernen. In all den Jahren im Wirtschaftsleben habe ich nebenbei geschrieben – um mich wieder selbst zu spüren. Schreiben nämlich heißt vor allem auch, sich seiner selbst bewusst zu werden: Gefühle, Verhalten, Entwicklungen wahrzunehmen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Sich also beim Schreiben in Klausur zu begeben, sich mittels Sprache mit dem zu konfrontieren, was man denkt und fühlt, fördert die (Selbst)Erkenntnis. Ich lerne mich selbst besser kennen und damit auch die Menschen, denen ich begegne. In unserer privaten Schreibgruppe erleben wir es immer wieder, wie beglückend es ist, wenn der eigene Text so verstanden wird, so sehr den anderen berührt, wie der Autor es gemeint und empfunden hat. Damit das so ist, muss hart am Text gefeilt werden. Das Schönste für jeden einzelnen ist es aber, festzustellen, dass man sich persönlich weiterentwickelt und eine Bereicherung durch das Schreiben gewonnen hat. Doch das ist nur eine Seite des Schreibens.
Ich komme auf die Eingangsfrage zurück: Mein Talent musste warten, bis der richtige Zeitpunkt kam. Das Leben kann eben nur bis zu einem gewissen Maß geplant werden, und irgendwann, Mitte dreißig, hatte ich das Gefühl, alle Brücken abbrechen zu müssen, damit ich wieder zu meinen Wurzeln zurückfinden konnte: Ich wollte ein Kind, und ich wollte endlich schreibend neue Welten aufbauen. Es war, im nachhinein betrachtet, der beste Zeitpunkt.
Wie hat Ihre Umwelt auf diesen Wechsel reagiert, überrascht, positiv oder eher skeptisch?
Katryn Berlinger: Mein damaliger Arbeitgeber war geschockt über die plötzliche Kündigung, meine Kollegen, die mich als engagierte Lektorin erlebt hatten, verstanden die Welt nicht mehr. Ich glaube, ich hatte meine Arbeit immer so ernst genommen, so sehr auf Perfektion geachtet, dass niemand auch nur im Entferntesten ahnen konnte, wer ich wirklich war. Darüber hinaus wunderten sich natürlich alle darüber, welch existentielles Risiko ich einging. Mir aber war meine innere, persönliche Freiheit wichtiger geworden als die Sicherheit eines wohldotierten Arbeitsplatzes. Ich habe wie beim Roulette auf eine einzige Farbe gesetzt, schließlich ging es ja darum, Verantwortung für die Gestaltung meines Lebens zu nehmen, von dem ich damals dachte, es sei schon halbwegs vorbei ... Heute, nach mehr als fünfzehn Jahren, fühle ich mich gerade durch die intensive Beschäftigung mit realen und fiktiven Personen viel gelassener und reifer als damals. Ich bereue meine Entscheidung keinesfalls und bin endlich dort angelangt, wo meine Seele schon immer wahr: in der Welt der Bücher.
Heute schreiben Sie hauptberuflich – wie verändert das Ihren Alltag und Ihr Leben?
Katryn Berlinger: Es gibt sehr viele Tage, an denen ich am Herd stehe, mit der Linken Zucchiniwürfel, mit der Rechten die Zimtsahnesoße fürs Geschnetzelte umrühre und geistig und emotional in der letzten Szene meines Romanes „klebe“. Mit einem halben Ohr höre ich den letzten Schleudergang der Waschmaschine und speichere so nebenbei, dass in ein paar Minuten die Wäsche aufgehängt werden muss. Aber was geschieht jetzt mit der Heldin? Was geht in ihr vor? Was könnte, müsste sie als nächstes tun? Und aus den Pfannen steigt der Dampf ...
Ich hätte nie gedacht, dass wir Frauen so viele Handgriffe „vollautomatisch“ und zeitgleich machen könnten. Aber es geht, es geht sogar sehr gut. Aber ich nehme mir auch die Freiheit, am PC sitzen zu bleiben, wenn ich mal wieder so tief in meiner Geschichte bin, dass mich nichts auf der Welt aus ihr herausziehen könnte. Da muss dann mein Mann an den Herd, oder ich muss es aushalten, dass alle ein wenig länger darben müssen – ich inklusive. Ohne Kompromisse, ohne gegenseitiges Verständnis, Geduld und die Bereitschaft, mitanzupacken, geht es nicht, gerade in einer kleinen Familie, in der sich jeder auf den anderen verlassen muss.
Jetzt, da mein Sohn erwachsen wird, ist vieles für mich einfacher – ich gestehe, dass es mir jahrelang so ging wie vielen Müttern: das schlechte Gewissen dem Kind gegenüber überschattete doch so manche Arbeitsstunde. Es wäre unehrlich, würde ich es nicht sagen. Mein Sohn aber empfand die Freiheit, die er mit Freunden zum Spielen genießen konnte, als großartig. Es hat ihm nicht geschadet, im Gegenteil. Dabei hatte und habe ich das große Glück, in einem Umfeld zu leben, wo wir Mütter uns noch heute immer aufeinander verlassen können. Und natürlich haben mein Sohn und ich, wann immer es ging, die freien Stunden miteinander so intensiv wie möglich genossen – vor allem mit Vorlesen. Und nebenbei zog Charlotte Zeisig mit dem falschen Mann bei uns ein, Alisa Ganzow folgte ihr mit ihrem Usedomer Hotelplan, die verführerische chocolatière Madelaine Elisabeth Gürtler, die Winzerstochter Amélie Suzanne Duharnais, die englische Malerin Fiona Turlington, Trotula als erste Ärztin des Mittelalters begehrte Einlass wie auch Melissa, die Wanderheilerin, auf ihrem Weg in den Schwarzwald an unsere Tür klopfte ...
Bücher von Katryn Berlinger
Katryn Berlinger
Die Muschelsammlerin
EUR (D)
8,95
Katryn Berlinger
Der Kuss des Schokoladenmädchens
EUR (D)
8,95
Katryn Berlinger
Das Schokoladenmädchen
EUR (D)
8,99