Interview mit Lea Korte zu "Die Maurin"
Sie leben seit vielen Jahren in Spanien. Wie kam es dazu?Lea Korte: Mit zwölf war ich mit meinen Eltern zum ersten Mal am spanischen Mittelmeer, und habe mich dort so wohl gefühlt, dass ich ganz naiv „beschlossen“ habe, dass ich später dort leben will. Natürlich hat es dann noch ein bisschen gedauert, bis es so weit war, aber nach dem Studium konnte mich dann nichts mehr halten. Inzwischen habe ich an mehreren Orten in Spanien gewohnt, dort fast mein halbes Leben verbracht - und liebe das Land und seine Menschen noch immer. Und außerdem bin ich Meer süchtig, und so viel Meer wie Spanien haben nur wenige Länder!
Wie sind Sie zum Schreiben gekommen?
Lea Korte: Das war mein nächster „Beschluss“ in diesem Alter: Ich war von Anfang an eine Leseratte, und konnte mir nichts Schöneres vorstellen, als mein Leben lang immer nur zu lesen und zu schreiben – und auch hier war Fortuna mir hold, denn es hat ja geklappt!
Was sind Ihre Lieblingsthemen beim Schreiben?
Lea Korte: Die spanische Gesichte ist ein Thema, das mir aufgrund meines Wohnortes natürlich sehr nah ist und zu dem ich mir inzwischen nicht nur Berge von Büchern zugelegt habe, sondern diese auch mit brennendem Interesse verschlungen habe, so dass es wohl Sinn macht, erst einmal bei Spanien/Kastilien/Al-Andalus-Themen zu bleiben. Aber genauso viel Spaß würde mir ein historischer Roman machen, der in Deutschland oder Frankreich spielt.
Wann schreiben Sie?
Lea Korte: Eigentlich immer, wenn ich sonst nichts Dringendes erledigen muss – und neben dem Schreiben gibt es nicht eben viel, was ich als Dringend ansehe, kurz: Ich verbringe den größten Teil des Tages mit Schreiben, Lesen und dem Planen meiner Bücher. Wenn ich, z.B. am Wochenende, vor meinen Kindern wach werde, nutze ich auch diese Zeit schon zum Arbeiten; ansonsten schreibe ich, wenn sie in der Schule, bei Freunden, beim Sport oder mit meinem Mann unterwegs sind. In Spanien haben wir Ganztagsschulen: Da kommen recht viele Stunden zusammen, in denen ein Autor sich „ausleben“ kann.
Gibt es etwas, was all Ihre Romane verbindet?
Lea Korte: Zwischen den historischen Romanen, die ich heute schreibe und den Frauenromanen, die ich früher geschrieben habe, besteht nur eine einzige Verbindung: dass sie in Spanien spielen. Die beiden historischen Romane haben mein Bestreben gemeinsam, dass ich zum einen eine spannende Geschichte erzählen will, zugleich aber auch Historie vermitteln möchte. Die Nonne mit dem Schwert baut auf der Autobiografie von Catalina de Erauso auf; Die Maurin erzählt die Geschichte von (der fiktiven) Zahra as-Sulami und ihrer Familie – und zugleich auch einen wichtigen Teil der Geschichte der Reconquista. Dabei hat alles, was an historischen Fakten eine Rolle spielt, so sehr mit der bzw. den Hauptpersonen zu tun, dass der Leser dies als Teil der Romanhandlung empfindet. Dies zumindest war mein Ziel. In wie weit mir dies gelungen ist, können jetzt die Leser beurteilen...
Was ist Ihnen besonders wichtig beim Schreiben?
Lea Korte: Dass die Bücher spannend sind, den Leser fesseln, er sich mit den Figuren identifizieren kann – und ich zugleich kurzweilig(!) auch ein gutes Stück spanischer Geschichte vermittele, eine Kombination aus lebendigen facts und fiction also. Aus diesem Grund lege ich größten Wert darauf, dass alles bis ins letzte Detail recherchiert ist.
Schon für „Die Nonne mit dem Schwert“ habe ich ja auf www.historische-romane.de und meiner Webseite www.leakorte.com für Interessierte auch historische Informationen eingestellt, und für „Die Maurin“ habe ich dies nun noch ausgeweitet: In regelmäßigen Abständen veröffentliche ich neue Artikel und Bilder auf meiner Webseite, wobei bisweilen auch einfach Unterhaltsames dabei ist - und überdies habe ich auf facebook eine sogenannte „Fanseite“ eingerichtet („Lea Korte – historische Romane“), auf der ich ebenfalls diese Artikel und Bilder einstelle, mich mit Interessierten unterhalte – und wo mich jeder direkt erreichen kann. Der Austausch mit (meinen) Lesern ist mir ebenso wichtig wie das Schreiben, denn ich schreibe ja nicht für mich – sondern für die Leser!
Im Gegensatz zu „Die Nonne mit dem Schwert“ haben Sie für Ihren Roman „Die Maurin“ eine fiktive Protagonistin gewählt. Warum?
Lea Korte: Bei „Die Nonne mit dem Schwert“ hat mich die Figur der Catalina de Erauso fasziniert: Ein junges Mädchen, das als 15jährige aus dem Kloster ausreißt, mag noch nichts Besonderes sein, aber Catalina ließ es ja nicht allein dabei bewenden! Sie hüllte sich in Hemd und Beinkleider, führte fortan das Leben eines Mannes, eines Soldaten sogar – und das im Zeitalter der Inquisition, einer Zeit also, in der Johanna von Orléans für ein ähnliches Vergehen auf dem Scheiterhaufen endete! Schon zu ihrer Lebzeit hat Catalina de Erauso über Spanien hinaus Berühmtheit erlangt, denn natürlich flog ihre Tarnung auf - aber mehr darüber verrate ich hier besser nicht, um den Lesern nicht die Spannung zu nehmen...
Bei „Die Maurin“ kam mein Interesse von der historischen Seite her: Selbst ohne jede Romanhandlung ist diese Zeit schon unglaublich spannend und aufregend, und es reizte mich, mir in dieser Zeit eine junge Frau vorzustellen, die aufgrund ihrer Familiensituation zwischen die maurisch-kastilischen Fronten gerät. Hätte ich eine Figur genommen, die damals real existierte, hätte ich hier nicht den Handlungsspielraum gehabt, den ich gesucht und für meine Ziele gebraucht habe.
„Die Maurin“spielt in der Zeit der Reconquista. Was hat Sie an dieser Epoche besonders fasziniert?
Lea Korte: Die Reconquista ist eine Zeit voller Emotionalität und Spannungen, religiösen Konflikten und kriegerischen Auseinandersetzungen, eine Zeit der Umbrüche und Wandlungen, des Überlebenskampfs - und zugleich ist sie so aktuell wie kaum ein anderes historisches Thema: Die Konflikte zwischen Muslimen und Christen sind ja leider auch heute wieder oft Tagesthema – was, wie ich finde, noch einmal einen zusätzlichen Reiz ausmacht, sich mit diesem Thema auseinander zu setzen.
Hinzu kommt, dass ich mich auch von Al-Andalus an sich angezogen fühle: Die Mauren hatten – gerade im Vergleich zum übrigen Europa - einen extrem hohen Wissenstand, waren gebildet und belesen und hatten weit mehr „savoir-vivre“ als die Europäer. Wenn ich hier mit Aufzählen anfangen würde, wäre im Nu eine Seite voll. Also nur einmal drei Beispiele: die arabische Medizin kannte schon hochkomplizierte Operationen, die arabische Astrologie war der europäischen um „Sternjahre“ überlegen – und während sich die Muslime in ihren „hammams“ pflegen und verwöhnen ließen, kannten die Christen häufig noch nicht einmal fließendes Wasser.
Und schließlich ist da noch die Tatsache, dass in Al-Andalus und damit unter der Herrschaft der Mauren, Christen, Juden und Muslime über lange Zeiten friedlich zusammengelebt und sich gegenseitig mit ihren Ideen befruchtet haben – und es wünschenswert wäre, dass wir genau dorthin heute zurückfänden.
Der Roman spielt u.a. auch in der weltberühmten Alhambra. Wie haben Sie sich über die Lebensgewohnheiten im Palast des Emirs informiert? Welche Quellen haben Sie verarbeitet?
Lea Korte: Natürlich habe ich mir alles auch vor Ort angesehen, aber das, was man da über das Alltagsleben und die Lebensgewohnheiten in der Alhambra findet, ist eher wenig. Allerdings gibt es (auf Spanisch) ein paar recht gute Bücher über das Leben der Mauren, ihren Alltag, ihre Gewohnheiten, ihren Glauben, etc und ich habe auch noch viele andere Bücher über und aus dieser Zeit gelesen. Im Anhang des Romans habe ich eine Auswahl dieser Literatur angeführt.
Zudem hatte ich, wie ich auch im Nachwort meines Romans mit einem riesigen Dankeschön erwähnt habe, einen guten Freund und seine Frau an meiner Seite: Er ist Arabistikprofessor und hat genau die Zeit, über die ich geschrieben habe, als seinen Forschungsschwerpunkt und seine Frau ist Muslimin – und somit waren beide reine Quellen des Wissens für mich! Denn in dem Roman geht es ja nicht nur darum, wie man im Palast lebte, sondern auch, wie einfachere Leute lebten, wie sie reisten, welche Gebräuche es gab, wer in einem muslimischen Dorf das Sagen hatte, wie eine Beerdigung aussah und und und ...
Sie beschreiben äußerst lebendig das eingeschränkte Leben der maurischen Frauen im 15. Jahrhundert. Was ist über deren Lebensumstände heute noch überliefert?
Lea Korte: Leider ist insgesamt nur sehr wenig über die Lebensumstände der Mauren bekannt, und über die Frauen natürlich noch weniger. Das liegt zum einen daran, dass sich die Christen redliche Mühe gegeben haben, alles Muslimisch-Maurische aus den von ihnen eroberten Gebieten verschwinden zu lassen. Moscheen wurden zu Kirchen umfunktioniert, es kam zu Bücherverbrennungen in schier unglaublichem Ausmaß, und ein paar Jahrzehnte später durften die Mauren, die nach dem Ende der Reconquista Morisken genannt wurden, noch nicht einmal mehr ihre Sprache sprechen, ihre Kleidung tragen, ihre Religion ausüben.
Vieles habe ich mit Hilfe von Fachliteratur und der unseres Freundes und seiner Frau rekonstruieren können. Bei einigen Dingen, die man nicht mehr herausfinden konnte, musste ich mich an den Lebensumständen der Mauren orientieren, die später von Kastilien nach Tetua (Marokko) gezogen oder geflohen sind.
Gibt es Passagen, die sie besonders gerne mögen?
Lea Korte: Oh ja, sehr viele sogar! (Und das sollte wohl auch besser so sein!) Eine Szene, die ich sehr mag, ist, wie Zahra im zweiten Teil unter den Augen ihres mehr als wütenden Onkels ihre Halbschwester Hayat in die Arme schließt, oder die Szenen mit Zahra, Gonzalo, Miquel, Jaime und Hayat in Lucena, wobei ich hier nicht mehr ins Detail gehe, um niemandem die Spannung zu nehmen. Auch Zahras Zeit in dem maurischen Bergdorf fand ich sehr bewegend, und bei den Szenen in Malaga hat es mir selbst beim Schreiben manchmal das Herz zusammengekrampft und – ja, ich könnte noch viel mehr Szenen aufzählen. Es sind wirklich ziemlich viele Passagen, die ich besonders mag! ;-)
Mit welcher Stelle oder welchem Aspekt haben Sie besonders gekämpft?
Lea Korte: Zunächst einmal mit dem Anfang – und das ist bei mir (leider) immer so. Irgendwie schiebe ich mich zunächst „so“ durch die ersten Seiten, und nach einer Weile fängt das Buch an, sich „von selbst“ zu schreiben. Aber der Anfang hinkt dann irgendwie hinterher. Und bis man (ich!) das dann auf das gleiche „Niveau“ gehoben hat – das ist wirklich harte Arbeit!
Außerdem war ich – was mir auch immer wieder passiert - in der Mitte hängen geblieben. Voller Verzweiflung habe ich dann das ganze Manuskript an meinen Agenten geschickt, der – aus der Distanz heraus – mir sofort sagen konnte, woran es lag: Hayats Geschichte hatte sich verselbständigt. Da half nur eines: großzügig markieren – und ab damit in den virtuellen Papierkorb. Es waren achtzig Seiten, die Arbeit von einigen Wochen. Da hat mein Herz schon geblutet, aber natürlich war genau dies nötig gewesen! Danach schrieb sich das Buch dann wieder „von allein“.
Zum Schluss noch eine persönlichere Frage: Haben Sie ein Lebensmotto?
Lea Korte: Ja, und zwar genau den Satz, der ich auch in „Die Maurin“ vorangestellt habe: „Nicht weil die Dinge uns unerreichbar erscheinen, wagen wir nicht – weil wir nicht wagen, erscheinen sie uns unerreichbar.“
Ich denke, wenn wir etwas wirklich erreichen wollen, dann können wir es auch. Genau das versuche ich auch meinen Kindern zu vermitteln: Es gibt keine Grenzen – es sei denn, man setzt sie sich selbst.
Lea Korte, herzlichen Dank für das Gespräch. Und wir sind schon gespannt auf ihren nächsten Roman!
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Bücher von Lea Korte
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Die Nonne mit dem Schwert
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Lea Korte
Die Maurin
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