Interview mit Marie Cristen über "Die Stunde des Venezianers"
Marie Cristen, die international erfolgreiche Autorin von Romanen wie Beginenfeuer und historischen Romanbiografien über die berühmtesten Kaiserinnen der Habsburger, schreibt seit langem hauptberuflich historische Romane. 2007 ist Die Stunde des Venezianers erschienen. Sie arbeitet bereits am Folgeband für dieses Buch.Was genau war der Impuls zu diesem Buch – erinnern Sie sich an den Moment, als diese Idee auftauchte oder hatten Sie bereits beim Schreiben vom „Beginenfeuer“ diesen anschließenden Band im Hinterkopf?
Marie Cristen: Einen genauen Zeitpunkt kann ich nicht festmachen. Es war eher das große Bedauern, nach dem "Ende" von "Beginenfeuer" von all den lieb gewordenen Figuren Abschied zu nehmen. Da ich jedoch beim Folgebuch einen völlig anderen Themenkreis haben wollte, entwickelte sich nach und nach die Idee, dieses Buch dem Handel zu widmen.
Sein Arbeitstitel lautete übrigens "Die Handelsherrin".
Mit welcher Stelle haben Sie am meisten gekämpft, was ist Ihnen bei diesem Buch besonders leicht gefallen?
Marie Cristen: Eigentlich ist für mich bei jedem Buch der Anfang das Schwierigste. Meinen Figuren Leben einzuhauchen, ihre Lage zu schildern und sie gleichzeitig lebendig und spannend zu gestalten ist wie eine Geburt. Haben sie schließlich Charakter und Eigenleben, läuft die Geschichte fast von selbst, denn aus diesen Eigenschaften ergeben sich ihre Reaktionen und Handlungen.
Als Frau beschreiben Sie starke Frauen – wie viel von Ihnen selbst ist in Aimée eingeflossen oder gibt es in Ihrer Familie Frauen, die Ihnen beim Schreiben als Vorbild für eine Figur dienen, die Sie besonders beeindruckt haben?
Marie Cristen: Das Wunderbare am Schreiben ist ja die "Macht", eigenständige Personen zu erschaffen. Menschen die es so gegeben haben könnte. Insofern ist jede meiner Heldinnen für sich einmalig und nicht an einem Vorbild orientiert. Hinzu kommt, dass sie sich nach den sozialen, historischen und gesellschaftlichen Regeln ihrer Zeit verhalten müssen, auch wenn sie vielleicht dagegen rebellieren. Ich bin ihre "geistige Mutter", kein Vorbild. Frauen, die ihre eigene Stärke entdecken und sich gegen Zwänge auflehnen, stehen mir als Autorin jedoch näher, als jene, die sich mit ihrer Opferrolle abfinden.
Gibt es reale historische Persönlichkeiten, die eine Art Vorlage für Aimée oder andere Figuren waren?
Marie Cristen: Nein. Aimée ist Aimée. Die realen historischen Persönlichkeiten, wie z.B. die Herzogin von Burgund oder ihren Gemahl, habe ich jedoch bis in die Details ihrer modischen Vorlieben recherchiert.
Wo haben Sie in diesem Fall recherchiert – auch vor Ort? Oder reichten Ihnen die Eindrücke von der Recherche für das „Beginenfeuer“?
Marie Cristen: Ich habe sowohl für "Beginenfeuer" wie für den "Venezianer" in Brügge recherchiert, aber ich war auch in Dijon, in Vienne, in Lyon und in Gent. Hinzu kommen umfangreiche Recherchen im Internet und die Lektüre zahlloser Sachbücher und Biographien. Ich entdecke immer wieder Neues und meine Recherchen über die sogenannte Zeit der "großen Herzöge" von Flandern ziehen mich bis heute in ihren Bann. Der Folgeband zur "Stunde des Venezinaners" ist schließlich bereits in Arbeit.
Wer hat als Erstes das fertige Manuskript gelesen?
Marie Cristen: Der erste Leser ist meist mein Mann, gefolgt von meiner Lektorin. Beide sind sich in kritischen Anmerkungen erstaunlich oft einig, obwohl mein Mann die Geschichte rein von der Spannung und vom Unterhaltungswert betrachtet, während meine Lektorin die Sache handwerklich und historisch prüft.
Wie reagiert Ihr Sohn auf Ihre Bücher? Liest er sie oder liest Ihr Mann Ihre Texte gegen oder sind Ihre Romane doch zu sehr für Frauen?
Marie Cristen: Meine beiden Männer sind kritische und begeisterte Leser meiner Bücher. Während mein Sohn ein Vielleser ist, der neben Science Fiction und Thrillern, auch mit Begeisterung Historisches liest, hatte mein Mann mit historischen Romanen wenig im Sinn. Inzwischen ist er mein erster Testleser, auf dessen ehrliches Urteil ich mich verlassen kann. Bisher war es immer positiv. Auch mein Sohn – inzwischen 27 Jahre alt – macht im Freundes- und Kollegenkreis unaufgefordert Reklame für meine Bücher, das betrachte ich als Kompliment und als Beweis dafür, dass meine Bücher auch Männern gefallen.
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