Interview mit Marie Cristen zu "Das flandrische Siegel"
Marie Cristen, erfolgreiche Autorin von Biographien über die berühmtesten Kaiserin der Habsburger, begann 2005 mit der Familiensaga um das Schicksal einer Familie aus Flandern. Nach den sehr erfolgreichen ersten beiden Bänden Beginenfeuer und Die Stunde des Venezianers erschien im Februar 2009 der dritte Band: Das flandrische Siegel.Eine weitere starke Frauenfigur aus Ihrer Feder – wie schauen Sie selbst auf die Entwicklung der Familie Contarini?
Marie Cristen: Die Contarinis sind meine "Zweit-Familie", die ich durch die Wirren ihrer Zeit zu steuern versuche. Der besondere Blick auf die Frauen dieser Familie ergibt sich aus einer Mischung aus persönlicher Neugier und Vorliebe. Da sich vieles während des Schreibens verändert oder ergibt, bin auch ich von der Entwicklung oft überrascht.
Und wie verteilen sich Ihre Sympathien? Welche Ihrer Romanfiguren ist Ihnen selbst besonders ans Herz gewachsen?
Marie Cristen: Generell sind es immer die Figuren, die im Augenblick auf meinem Bildschirm und in meinem Kopf leben. Haben sie erst zwischen zwei Buchdecken ihre Gestalt angenommen, ist es ähnlich wie mit erwachsenen Kindern. Man muss sie laufen lassen. Aber man denkt immer noch voller Liebe und Zuneigung an sie.
In diesem Roman spielen neben der Stadt Brügge die beiden Städte Bologna und Venedig als Zufluchtsorte eine große Rolle in den Gedanken der Helden. Wofür standen diese beiden Städte in der Zeit, was machte sie für Christina und Daniel so besonders wichtig?
Marie Cristen: Bologna ist zur Zeit des flandrischen Siegels die älteste Universität Europas und jene mit der berühmtesten Fakultät für Rechtswissenschaften. Da Daniel unter anderem auch die Rechte studieren möchte, ist Bologna die erste Wahl für ihn.
Venedig zeichnete sich zu jener Zeit durch eine sehr pragmatische Haltung gegenüber den Juden aus. Zwar existieren Kleidervorschriften und ähnliches, aber die Einhaltung nur lasch überprüft und die großzügigen Zuwendungen der jüdischen Bürgerschaft an den jeweiligen Dogen, sichern ihnen ein relativ ungestörtes freies Leben. Juden dürfen sogar Banken eröffnen und Handel treiben. Da Christina zudem christliche Verwandtschaft in Venedig hat, kann sie mit zusätzlicher Unterstützung rechnen.
Christina äußert gleich zu Beginn des Buches ihre Wünsche und Ziele, die so ganz anders als die Vorstellungen ihres Vaters sind. Wie realistisch ist das für eine Frau in der Zeit? Stimmt das Bild der Frau, deren Wünsche von den Männern vorgegeben wurden, oder hatten Frauen in der Zeit doch mehr Raum für eine individuelle Entwicklung als wir uns das heute vorstellen?
Marie Cristen: In einer Stadt wie Brügge, und in einer Familie wie den Contarinis, war es üblich, auch Frauen eine gute Bildung angedeihen zu lassen. Schließlich waren ihre Ehemänner und Handelsherren oft auf Reisen und es war nicht unüblich, der Hausherrin auch die Befehlsgewalt über das Geschäft zu übertragen, wenn ihr Mann unterwegs war. Christina, die stark von ihrem Großvater und ihrer Großmutter beeinflusst ist, hat nicht nur diese Bildung erhalten, sondern auch ihren unabhängigen Geist geerbt. Da sie das Glück hat, ohne materielle Sorge aufzuwachsen und liebevoll gefördert wird, lernt sie frühzeitig selbstständige Entscheidungen zu treffen. Wer im Gegensatz zu ihr, in dieser Zeit als arme Webertochter oder achtes Kind eines Handwerkes aufwächst, ist so in den Überlebenskampf der Familie verstrickt, dass ihm Zeit und Möglichkeit fehlen, Christinas Weg einzuschlagen.
Welche Rolle spielen die Beginen in dem Zusammenhang? Bot ihre Gemeinschaft eine Zuflucht für Frauen, die den elterlichen Vorgaben entkommen wollten?
Marie Cristen: Zu jener Zeit standen die Beginen bereits unter direkter Befehlsgewalt der Kirche. In den Beginenhof einzutreten, heißt im Brügge von Christinas Zeit, in einen Orden eintreten. Es gibt kein Zurück mehr – wie es beispielsweise vor dem Konzil von Vienne möglich war (Siehe Beginenfeuer). Da Töchter absolut unter der Gewalt ihrer Väter stehen und nicht geschäftsfähig sind, benötigen sie seine Genehmigung. Auch muss der Vater die "Mitgift" aufbringen, ohne die eine Novizin nicht aufgenommen wird.
Eindringlich beschreiben Sie die Konflikte zwischen Christen und Juden und die Unmöglichkeit einer Ehe. Wie war denn damals die Situation von Juden in Europa oder muss man da genauer nach Ländern differenzieren? Vor allem in England scheint es besondere Ressentiments in der Zeit gegenüber Juden gegeben zu haben!
Marie Cristen: Es würde sicher den Rahmen dieses Interviews sprengen, auf die Konflikte zwischen Christen und Juden einzugehen. Richtig ist, dass je nach Land, die unterschiedlichsten Probleme auftauchten. In England hielt sich hartnäckig das Gerücht, dass die Juden die große Pest verursacht hätten, deswegen wurden sie dort besonders diskriminiert. In Frankreich wurden sie je nach Finanzlage des Staates mal verfolgt, mal geduldet. In Flandern bediente man sich ihrer Geschäftstüchtigkeit, es kam jedoch immer wieder zu vereinzelten Übergriffen. Auch zählten die Juden – übrigens wie die Frauen – zu jener Bevölkerungsschicht, die keinerlei Mitspracherecht besaßen. Mehr zum Verhältnis Juden und Christen findet sich in den Links die in der Leserunde erwähnt wurden.
Was genau sind die religiösen Unterschiede, die sich die beiden Religionen vorwarfen oder noch vorwerfen, die es Hannah ja sogar nahezu unmöglich machen, ohne Schuldgefühle eine christliche Kirche zu betreten?
Marie Cristen: Der wichtigste und erste Grund ist sicher, der Vorwurf der katholischen Kirche, dass die Juden die Mörder Christi sind. Für Hannah ist das Bild des gemarterten Heilands in der Kirche ein einziger Vorwurf.
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