Interview mit Peter Prange zu "Der letzte Harem"
Erzählen Sie uns, wie Sie auf diesen Stoff gekommen sind?Peter Prange: Wie es sich für einen gelernten Katholiken gehört, kam die Erleuchtung Pfingstsonntag, bei einer Besichtigung des Topkapi-Serails in Istanbul. Da erfuhr ich zu meinem Erstaunen, dass die Tradition des kaiserlichen Harems bis ins 20. Jahrhundert fortbestand. Erst 1909, als der letzte autokratische Sultan des Osmanischen Reichs, Abdülhamid II., von den Jungtürken abgesetzt und ins Exil verbannt worden war, wurde auch der letzte Harem aufgelöst, und das „Haus der Glückseligkeit“ entließ seine Frauen. Ich traute kaum meinen Ohren. Harem – das war doch etwas, was es nur in grauer Vorzeit gab, in fern entlegenen Nischen der Geschichte oder im Märchen, aber doch nicht in dem Jahrhundert, in dem ich geboren bin! Es war wie eine Eingebung. Diese Geschichte wollte ich schreiben!
Wie haben Sie für diesen Roman recherchiert? Und vor allem: aufgrund welcher Quellen beschreiben Sie die blutigen Säuberungskämpfe gegen die Armenier? Ist dieses sehr dunkle Kapitel in der Geschichte Türkei leicht zu recherchieren oder wird es eher totgeschwiegen?
Peter Prange: Die wichtigsten Recherchen erfolgten natürlich vor Ort in Istanbul, in den Palästen der Sultane, vor allem im Yildiz-Serail, wo Sultan Abdülhamid, abgeschirmt von der Welt, wie in einer Höhle mit seinen Frauen lebte. Auf meiner Website www.peterprange.de kann man eine Menge Bilder davon sehen. Wichtig war aber auch die Recherche zu Hause. Zum Glück gibt es in Tübingen, wo ich zu Hause bin, für jedes noch so komplizierte Thema mindestens drei Experten. Ihr Rat war vor allem in der heiklen Frage der Zwangsdeportationen wertvoll. Hunderttausende von Armeniern wurden während des ersten Weltkriegs quer durch das riesige Reich auf Befehl der jungtürkischen Regierung verschleppt, und viele von ihnen kamen dabei elendig zugrunde. Handelte es sich um Vorgänge, die im Krieg „normal“ sind? Oder war das Völkermord? In der Türkei ist diese Frage noch weitgehend Tabu. Ich habe mich bei der Rekonstruktion dieses Teils der Geschichte, der gegen Ende meines Romans eine große Rolle spielt, vor allem an Augenzeugenberichte gehalten. Nur damit lässt sich erschließen, was damals wirklich geschah.
Wie sehr ist der beschriebene Harem an den realen letzten Harem angelehnt? Können Sie noch etwas mehr zur Geschichte und der „Kultur“ eines Harems erzählen?
Peter Prange: Ich habe versucht, die Welt des letzten Harems so getreu wie möglich wieder auferstehen zu lassen. Aber ich gestehe: Bei meinen Recherchen kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus – so unglaublich war die Welt, in die ich dabei trat. Eine Welt verwirrender, unvereinbarer Widersprüche: von Sinnlichkeit und Disziplin, Fleischeslust und Intrige, Romantik und Hinterlist. Bereits die erste Information verschlug mir den Atem: Fünfhundert Frauen lebten im Serail! Da fragt man sich: Wie hat der Mann das nur geschafft? Doch gemach – nicht alle Frauen dienten Abdülhamid zu erotischen Zwecken. Obwohl kein Verlangen des Sultans ungestillt blieb, war der Harem kein Bordell, vielmehr eine streng hierarchische, fast klösterliche Gemeinschaft: eine völlig eigene Welt, in der jedes Mitglied seinen genauen Rang und Platz einnahm. An der Spitze thronte die Sultan Valide, die Mutter des Herrschers, gefolgt von vier Kadins, den Ehefrauen, sowie sieben offiziellen Favoritinnen. Jede dieser Ehrendamen verfügte über einen eigenen Hofstaat, in dem jede Funktion von einer darauf spezialisierten Bediensteten ausgeübt wurde. Ein ganzes Heer von Arbeitssklavinnen war nötig, um diesen komplizierten Betrieb aufrecht zu halten. Doch so streng dieser Betrieb gegliedert war – die Gunst des Herrschers konnte die Rangordnung immer wieder durcheinander bringen, buchstäblich über Nacht.
Gibt es reale historische Vorbilder für die Figuren, die in dem Roman vorkommen? Mit anderen Worten: Fatma oder Eliza, haben sie wirklich gelebt?
Peter Prange: Von den Frauen, die bei der Absetzung Abdülhamids in die Wirklichkeit entlassen wurden, gibt es nur wenige Spuren. Nach der Auflösung des Harems hat die neue Regierung versucht, mit Hilfe von Zeitungsanzeigen Angehörige zu finden. Und tatsächlich kamen aus dem ganzen Land Menschen herbei. Was für ein Wiedersehen: Auf der einen Seite die schönsten, zartesten, verwöhntesten Geschöpfe des Osmanischen Reiches, die zurück gelassenen Konkubinen des Sultans – und auf der anderen Seite Bauern, Jäger und Fischer, teils bis an die Zähne bewaffnet, die versuchten, hinter den Schleiern ihre Töchter oder Schwestern zu erkennen, nach einer Trennung von Jahren und Jahrzehnten. Freundinnen wurden auseinander gerissen, um in einer Welt, die ihnen vollkommen fremd war, ein neues Leben anzufangen, als Feldarbeiterinnen oder Stallmägde. Für manche dieser Frauen aber fanden sich keine Angehörigen mehr. Sie mussten sich mutterseelenallein durchschlagen. In den Archiven habe ich eine Fotografie gefunden, bei deren Anblick mir die Tränen gekommen sind. Schwarz verschleierte Frauen aus dem letzten Harem des Sultans, die in Begleitung zweier Eunuchen durch Europa getingelt sind, um sich für Geld anschauen zu lassen, auf Jahrmärkten und Zirkusveranstaltungen, zusammen mit anderen „Monstrositäten“ der Kolonialzeit, mit Menschenfressern, Zwergen und Riesen. Diese Frauen waren meine realen Vorbilder für Fatma und Elisa. Ja, sie haben wirklich gelebt.
Können Sie uns noch etwas ausführlicher über das „Personal“ am Hof des Sultans erzählen? Gerade die Eunuchen oder der Zwerg sind Wesen, die einem hier ja wie Märchenfiguren vorkommen und über die man kaum etwas weiß!
Peter Prange: Von wegen Märchen! Die meisten Eunuchen stammten aus dem Sudan. Sklavenhändler verschleppten sie von dort, oft mitten aus der Dorfgemeinschaft heraus, um sie in die Städte des Osmanischen Reichs zu verkaufen. Unterwegs wurden sie ihrer Männlichkeit beraubt. Meist geschah dies in einer Karawanserei, ausgeführt von Kopten oder Juden, da der Koran den Gläubigen einen solchen Eingriff verbietet. Es gab die Teil- und die Vollkastration: im ersten Fall wurden Penis oder Hoden, im zweiten Fall beide Geschlechtsteile entfernt. Als Wundbalsam diente Wüstensand. Darin wurden die Verschnittenen begraben, bis die Wunden verheilt waren. Obwohl diese Prozedur unvorstellbare Schmerzen und sehr oft den Tod bedeutete, gab es nicht wenige junge Männer, die sie freiwillig auf sich nahmen. Wer die Hölle der Kastration überstand, wurde nicht nur zu einer überaus wertvollen Ware, die den Händlern unglaubliche Profite eintrug – er durfte auch selber auf ein privilegiertes Leben hoffen. Die Palasteunuchen gehörten im Osmanischen Reich zur absoluten Upper Class, und der Obereunuch, der Kizlar Aga, war nach dem Sultan und neben dem Großwesir der mächtigste Mann im Staat. Dieser hohen Stellung entsprachen seine Statussymbole. Er besaß nicht nur ein Pferdegestüt – er hatte sogar Anspruch auf einen eigenen Harem! Wie wir aus den Archiven wissen, hat er diesen Anspruch eingelöst und den Harem tatsächlich geführt. Was er aber darin trieb, bleibt für immer sein Geheimnis.