Interview mit Tanja Kinkel zu "Säulen der Ewigkeit"
Frau Kinkel, Ihr neuer Roman Säulen der Ewigkeit spielt in Ägypten, ein Land, in das es ihre Romanfiguren bereits in Söhne der Wölfin einmal verschlagen hat. Und obwohl viele Leserinnen von Ihnen nun sicher einen Roman aus der Pharaonenzeit erwarten hätten, haben Sie Ihre Geschichte im frühen 19. Jahrhundert angesiedelt.Tanja Kinkel: Einen Roman aus der Pharaonenzeit schließe ich natürlich nicht für immer und ewig aus. Hatschepsut und Echnaton, die beiden Herrscher, die mich schriftstellerisch am meisten reizen würden, sind aber schon in wunderbaren Romanen behandelt worden – ich denke da vor allem an Pauline Gedges Herrin vom Nil und Mika Waltaris Sinuhe der Ägypter. Daher erforsche ich die ägyptische Antike nur als Leserin, nicht als Autorin, bis auf den Ausflug in Die Söhne der Wölfin, der natürlich in einer der sehr viel obskureren Epochen der altägptischen Geschichte angesiedelt ist.
Was nun das Ägypten zwischen 1815 und 1819 angeht: Das war für meine Romanfiguren ein ähnliches Terra Incognita, wie es wohl für die meisten meiner Leser der Fall sein wird, und so viel ich auch über das alte Ägypten wusste, mir ging es nicht viel anders, als ich mit der Recherche begann. Gerade das erhöhte den Reiz für mich; ich liebe Herausforderungen.
Erzählen Sie uns ein bisschen über das frühe 19. Jahrhundert.
Tanja Kinkel: Es war in jeder Hinsicht eine Umbruchzeit: Die napoleonischen Kriege waren gerade erst zu Ende; fast alle Bewohner Europas mussten Kriegstote in der Familie betrauern. Die Kolonialisierung war im vollen Gange, die Industrialisierung begann und machte in England erste große Schritte, was auch dazu führte, dass aufgebrachte Weber die neuen Maschinen zerschlugen, die sie um ihre Arbeit brachten.
Sie siedeln die Handlung Ihres Romans in Ägypten an. Wie dürfen wir uns dieses Land vorstellen?
Tanja Kinkel: Auch Ägypten war ein Land im Umbruch. Nach Jahrhunderten, in denen diverse Machthaber aus den Reihen der Mameluken das Sagen hatten, war Ägypten zwar nominell noch Teil des türkischen Reiches, aber inzwischen de facto ein separates Reich. Mehemed Ali, der als türkischer Offizier begonnen hatte, konnte es mit zum Teil sehr brutalen, aber effektiven Methoden unter seiner Herrschaft einen – und das, obwohl er nicht einmal die Landessprache beherrschte. Er wollte vor allem die Kolonialisierung vermeiden und versuchte daher, Ägypten so schnell wie möglich zu modernisieren. Das war ein großes Ziel und alles andere als leicht zu erreichen, denn das Land vereinte mehrere Welten in sich: die Fellachen, also die Bauern, und die Beduinen lebten so, wie sie es seit Tausenden von Jahren taten. Ihnen gegenüber stand die dünne Schicht der Gebildeten. Sie war seit dem napoleonischen Intermezzo, in dem mehrere Lehrinstitute gegründet wurden, von den neuen europäischen Ideen fasziniert, ihnen gegenüber aber auch sehr misstrauisch. Die dritte Partei im Land waren die Europäer, vor allem Briten und Franzosen, die sich aus zwei Gründen für Ägypten interessierten: Zum einen wegen dem Zugang zum Roten Meer, einem kürzeren Weg zu bestehenden und neuen Kolonien, zum anderen wegen der ägyptischen Altertümer, mit deren Ausgrabung gerade erst begonnen wurde. Ihnen war daher wenig daran gelegen, dass Ägypten versuchte, dem Westen auf Augenhöhe begegnen zu können.
Wie haben Sie die Hauptfiguren für Ihren neuen Roman gefunden?
Tanja Kinkel: Ich habe Ägypten mehrfach besucht, und jedes Mal fiel mir auf, dass dort neben den normalen Photopostkarten auch solche verkauft werden, die Litographien aus dem 19. Jahrhundert zeigen. Diese wohl faszinierendsten Litographien, die ursprünglich für einen Reisebericht angefertigt wurden, gehen auf den schottischen Maler David Roberts zurück, der 1838/39 das Land besuchte und dessen Bilder den Europäern damals Fotos und Film ersetzten, die erst später aufkamen; das brachte mich auf die Idee, über Roberts’ Reise zu schreiben.
Als ich mit der Hintergrund-recherche zu all den Tempeln begann, die Roberts so eindringlich und beeindruck-end gezeichnet hatte, entdeckte ich sehr bald das ungewöhnliche Leben von Giovanni Belzoni. Er wurde vom „starken Mann“, der in Jahrmarktsnummern auftrat, zu einem der ersten Ägyptologen und machte in drei Jahren mehr Entdeckungen in Ägypten, als so mancher Archäologe nach ihm in einem ganzen Leben. Ich besorgte mir also eine Belzoni-Biographie – und so stieß ich auf Sarah.
Was hat Sie an Sarah gereizt?
Tanja Kinkel: Der Umstand, dass sie ihren Mann nach Ägypten begleitete, wäre an sich schon mehr als ungewöhnlich gewesen – sie war keine Adlige und keine Frau aus dem Großbürgertum wie die wenigen anderen weiblichen Reisenden ihrer Zeit. Den Ausschlag gab aber, dass sie in Ägypten entweder bei den Ausgrabungen mit dabei war oder ihre eigenen abenteuerlichen Reisen machte, vor allem die nach Jerusalem, die sie als Mamelucke verkleidet unternahm. Sarah stieß den armen David Roberts zur Seite und sagte mir, dass sie meine nächste Hauptfigur werden wollte.
Wenn ich mir diese Bemerkung erlauben darf: DANKE SARAH! Denn wenn Sie über David Roberts geschrieben hätten, wäre Ihren Lesern wohl eine der spannendsten Dreiecksgeschichten entgangen, die man in den letzten Jahren lesen konnte. In Ihrem Nachwort schreiben Sie, das diese emotionale Verwicklung pure Fiktion ist. Was hat Sie trotzdem dazu bewogen, sie zu einem der zentralen Elemente Ihres Romans zu machen?
Tanja Kinkel: Auf die Idee kam ich, als ich las, dass Sarah Jahre nach Belzonis Tod an Drovetti schrieb. Sie versuchte, eine neue Ausstellung zu organisieren, um das Gedenken an ihren Gatten am Leben zu halten, und bat ausgerechnet seinen größten Gegner um Hilfe. Das ist, gelinde gesagt, erstaunlich. Man muss zwar fairerweise sagen, dass Drovetti laut vieler Quellen die durchgängige Reputation hatte, hilfsbereit zu sein, aber Belzoni hat in seinem Bericht über seine Ausgrabungen kein gutes Haar an ihm gelassen; er hat den Mann sogar des versuchten Mordes an sich bezichtigt. Und ausgerechnet ihm schreibt Sarah? Das brachte mich auf die Idee, dass sie eine andere Einstellung zu Drovetti gehabt haben muss als ihr Gatte. Damit hatte ich den emotionalen roten Faden für meine Geschichte, denn ich wollte schon seit längerem über eine Frau schreiben, die zwischen zwei Männern steht … auch als Gegensatz zu den Wunschträumen der meisten Männer.
Sarah Belzoni führt ein ausgesprochen abenteuerliches Leben. Hand auf’s Herz, Frau Kinkel: Beneiden Sie sie darum?
Tanja Kinkel: Nein, denn die arme Sarah musste auf ihren Abenteuern zum Teil mit entsetzlichen hygienischen Bedingungen, Flöhen und Wanzen leben. Als sie zeitweise erblindete, war kein Arzt in der Nähe. Ich bin ein verweichlichtes Geschöpf meiner Zeit und möchte ständig heißes Wasser zum Duschen sowie medizinische Versorgung haben, falls ich diese benötige.
Sarah macht eine große Veränderung durch – von der sittenstrengen englischen Rose über die Frau, die ohne nachzudenken mit einer Pistole in der Hand Diebe verjagt, zu der, die sich ganz bewusst noch einmal für ihren Mann entscheidet. In welchem Stadium ist sie Ihnen am sympathischsten?
Tanja Kinkel: In jedem Stadium. Sarahs englischer Patriotismus und britischer Benimmkodex ist ein Teil ihrer Selbst, genauso wie es später ihre Fähigkeit ist, mit halbnackten Pilgern aus aller Welt im Jordan zu baden, oder die klarere Sicht auf sich selbst und die Männer in ihrem Leben zu bekommen. Alles gehört zu den Facetten, die sie für mich so wichtig für diesen Roman werden ließen.
Giovanni Belzoni öffnet seiner Frau die Tür zu einem neuen Leben; an seiner Seite kann sie ihrem vorbestimmten Leben entkommen. Und doch lässt er sie nie wirklich los und selbstbewusst durch die Tür treten ...
Tanja Kinkel: Nun, beide waren Geschöpfe ihrer Zeit. Ihre Ehe fiel aus dem Rahmen – Engländerinnen, die Italiener heirateten, hatten damals deutlich größere Vorurteile zu erwarten, als es heute bei deutschen Frauen der Fall ist, die Türken heiraten. Aber man darf nicht den Fehler begehen, sie und ihre Beziehung mit unseren modernen Maßstäben zu messen und zu beurteilen.
Für Giovanni Belzoni steht unverrückbar fest, dass er Sarah liebt; dass sie wie er den Wunsch verspürt zu reisen, hat sicher dazu beigetragen, sie zusammen zu bringen. Er verlässt sich auf ihre Stärke, was durchaus als ungewöhnlich betrachtet werden kann, da der von Mary Wollstonecraft ausgelöste Kampf um die Gleichberechtigung der Frauen erst einige Jahre früher begonnen hatte. Aber natürlich hat Belzoni trotzdem das traditionelle Selbstverständnis eines Ehemanns dieser Zeit; er war ganz selbstverständlich das Haupt der Familie. Das „Loslassen“ ist aber nicht das Problem zwischen den beiden; eher das „Als-Selbstverständlich-Nehmen“. Ägypten löst in beiden Veränderungen aus, was Sarah schneller bewusst wird als Giovanni, der das lange Zeit nicht wahrhaben will. Wie sie mit diesen Veränderungen fertig werden, ist die Prüfung ihrer Ehe und einer der Punkte, der mich an diesem Paar besonders interessierte.
Das Buch zum Thema
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