Interview mit Ursula Niehaus über "Das Heiligenspiel"
Ursula Niehaus hat 2007 mit dem Roman Die Seidenweberin erfolgreich ihr literarisches Debüt gefeiert. Im Dezember 2008 folgte der Roman Das Heiligenspiel, in dem die Autorin das Schicksal der so genannten Hungerheiligen Anna Laminit im ausgehenden Mittelalter beschrieben hat.Von der Seidenweberin zu einer Hungerheiligen – Sie bleiben den Frauen mit besonderen Fähigkeiten treu. Was hat Sie an der Figur der Anna Laminit so gereizt?
Ursula Niehaus: Dass sie ein außergewöhnliches Leben geführt hat. Mich faszinieren bemerkenswerte Lebensgeschichten von Frauen, so wie heute die jungen Deutsche, die Urlaub in Indien gemacht hat und einfach in Varanasi geblieben ist, um sich der Leprakranken anzunehmen. Solche Frauen gab es zu jeder Zeit. Im Mittelalter oder gar früher ist es allerdings schwer, diese Frauen aufzuspüren, denn sie waren den Chronisten kaum eine Erwähnung wert. Nur wenn sie adlig geheiratet haben begegnet man ihnen, oder wenn sie straffällig wurden und in Prozessakten und Schwarzbüchern ihre Spuren hinterlassen haben.
Die eine oder andere ist dennoch zu finden. Und wenn ich einer solchen Person begegne, wie Fygen Lützenkirchen, ihrer Tochter Lisbeth Ime Hofe oder Anna Laminit, dann werde ich neugierig. Ich lasse nicht mehr von ihnen ab, bis ich alles über sie weiß ...
Und wie sind Sie überhaupt auf diese Frau, auf die Heiligenthematik gestoßen?
Ursula Niehaus: Auf Anna Laminit bin ich zufällig in einem Aufsatz gestoßen.
Wie haben Sie für den Roman, der ja vor allem in Augsburg spielt, recherchiert? Sind Sie vor Ort gewesen oder haben Sie sich an historischen Quellen orientiert?
Ursula Niehaus: Natürlich haben mich meine Recherchen nach Augsburg geführt. Viele Informationen aus den Stadtarchiven oder Bibliotheken bekommt man ja heute problemlos per mail, Fax oder Post. Sogar Scans von riesigen alten Stadtplänen. Aber für mich ist es wichtig, ein Gefühl für die Stadt und ihre Menschen zu bekommen. Also machte ich mich zu Beginn meiner Suche, bewaffnet mit einem aktuellen Stadtplan und einem aus der Zeit, in der meine Geschichte spielt, zu Fuß auf den Weg. Ich schaute mir die Orte der Handlung an, redete mit Menschen in Cafés und Geschäften, stöberte in Antiquariaten, traf Stadtführer, und versuchte mir vorzustellen, wie das alles im Jahre 1500 ausgesehen hat. Im Nachhinein, als das Buch fertig war, kam es mir beinahe vor, als hätte ich ein gutes Jahr in Augsburg gelebt, allerdings im Augsburg von 1500.
Können Sie uns etwas über das Phänomen „Hungerheilige“ erzählen? War das ein oft vorkommender Versuch, sich selbst als heilig zu verkaufen oder gibt es wirklich auch von der Kirche heilig gesprochene oder anerkannte Hungerheilige?
Ursula Niehaus: Das Erscheinen eucharistischer Heiliger ist keineswegs, wie man glauben möchte, ein Phänomen jener frommen und zugleich von Aberglauben geprägten Zeit des ausgehenden Mittelalters. Immer wieder finden sich in der Geschichte Fälle von Heiligen oder Seligen, die lange Zeiten ohne Nahrung lebten.
So die Heilige Katharina von Siena, der erwähnte Heilige Nikolaus von Flüe (1417 – 1487), der zwanzig Jahre ohne Speisen gelebt haben soll, die selige Angela von Foligno (verstorben 1309), die selige Elisabeth von Rent (verstorben 1420) oder die im 19. Jahrhundert lebende Louise Lateau.
Daneben hat es stets eine Anzahl „geistlicher“ Betrüger gegeben, die meist ein ärmliches Dasein fristeten und versuchten, mit ihrer vorgeblichen Heiligkeit ihren Unterhalt zu erschwindeln. Wobei jedoch die Frage unbeantwortet bleibt, ob die anerkannten Heiligen oder Seligen nur nie überführt wurden.
Auch aus jüngster Zeit ist ein Fall bekannt, der ähnliche Aufmerksamkeit errang, wie es jener der Anna Laminit im ausgehenden fünfzehnten Jahrhundert vermocht hatte. So erregt die Frage, ob die Bayerische Bauernmagd Therese von Konnersreuth (1898 - 1962) eine Heilige oder eine Betrügerin ist, bis heute die Gemüter. Sie soll über einen Zeitraum von sechsunddreißig Jahren nichts außer der geweihten Hostie gegessen oder getrunken haben. Im Jahr 2006 wurde der Prozess für ihre Seligsprechung eröffnet.
Sie schildern sehr eindringlich, wie stark Anna auch von den Mitmenschen in ihre Rolle gedrängt wurde und welche Bedürfnisse sie erfüllte. Was denken Sie, hätte Anna heute auch so einen Zulauf?
Ursula Niehaus: Ich vermute, Anna hätte auch in heutiger Zeit ihre Verehrer, denn es gibt immer Menschen, die sich nach Wundern sehnen, nach einem Beweis für die Existenz Gottes, nach Aufmunterung in tiefster Verzweiflung in Fällen, in denen es nicht mehr in menschlicher Macht steht, zu helfen. Doch Anna hätte heute sicher keinen so großen Zulauf wie damals, da die Skepsis der Menschen zugenommen hat und der Glaube nicht mehr den Stellenwert im Leben der Menschen einnimmt wie zu jener Zeit. Zudem sind die Möglichkeiten für medizinische Überprüfung derartiger Wunder heute ganz anders.
Ihre Beschreibungen von historischen Gewändern und Stoffen fallen ins Auge. Wie haben Sie sich hier inspirieren lassen und anhand welcher Vorlagen oder Quellen haben Sie diese herrlichen Beschreibungen verfasst?
Ursula Niehaus: Im prachtvollen Augsburg zu Beginn der Renaissance war die Kleidung der Wohlhabenden aufwändig und oft liebevoll gestaltet. Für jemanden, der wie ich vernarrt in Stoffe ist, sind die Gewänder jener Epoche eine wahre Offenbarung und ich musste mich manches Mal beim Schreiben zusammen nehmen, um nicht in ausuferndes Schwärmen zu geraten. Eine besondere Quelle der Inspiration ist natürlich das Trachtenbuch des Matthäus Schwarz, jenem Modegeck und Enkel des 1478 hingerichteten Bürgermeister Schwarz, der sich von Augsburger Malern in 137 verschiedenen Gewandungen malen ließ – aus Eitelkeit, wohl aber auch aus humanistischem Interesse daran, die Mode jener Zeit für die Nachwelt dokumentiert zu wissen.
Der Augsburger Kaufmann Anton Welser spielt eine große Rolle im Leben von Anna Laminit. War das wirklich so oder haben Sie diese Beziehung erfunden?
Ursula Niehaus: Anna und Anton verband tatsächlich eine Beziehung. Ob diese von Dauer war und wie sie begann, war leider nicht festzustellen.
Die Figur von der Kräuterfrau Oda ist auch so eine ganz besondere Nebenfigur, die über ein immenses Wissen über Heilkräfte verfügt. Woher haben Sie Ihr Wissen über Krankheiten und frühere Heilungsmethoden?
Ursula Niehaus: Es wird viel über Hexen und Heilerinnen geschrieben, doch fast nie werden die Rezepte und Mittel beschrieben, die sie verwendeten. Das habe ich immer bedauert – ich bin nun einmal ein neugieriger Mensch - und so habe ich mich auf die Suche nach Rezepten und Zaubersprüchen jener Zeit gemacht. Meine Neugier wurde belohnt und es ist mir schließlich gelungen, einige Überlieferungen auszugraben, wie zum Beispiel den Zauber vom Welschnussbaum oder das Salbei-Rezept für den Daubenmacher.
Wenn Sie selber auf Essen verzichten müssten: was würde bei Ihnen als Erstes gestrichen und was gar nicht?
Ursula Niehaus: Es wäre für mich eine echte Katastrophe, auf das Essen verzichten zu müssen, dazu koche und esse ich einfach zu gerne. Aber wenn es denn sein müsste, könnte ich auf alles Feiste und Fettige am ehesten verzichten. Ohne Schokolade geht allerdings bei mir gar nichts.
An welcher Stelle des Romans haben Sie besonders gekämpft?
Ursula Niehaus: Schwierig war es, aus einer Figur, die von den Chronisten ihrer Zeit durchweg als böse und verkommen dargestellt wurde eine liebenswerte und sympathische Heldin zu formen.
Und was ist Ihnen besonders leicht gefallen?
Ursula Niehaus: Anton Welser zu beschreiben. Erstaunlicherweise war es für mich ein Leichtes, in die Haut des charmanten und humorvollen Kaufmannes zu schlüpfen und mir seine Ansichten über den Gewürzhandel zu eigen zu machen.
Wenn Sie selbst als Buchhändler Ihr Buch empfehlen sollten: mit welchen drei Schlagworten würden Sie es beschreiben?
Ursula Niehaus: Mittelalter, Aberglaube, Hungerheilige.
Frau Niehaus, wir bedanken uns ganz herzlich für das Interview und wünschen Ihnen und Anna Laminit viele begeisterte Leser!
Bücher von Ursula Niehaus
Ursula Niehaus
Die Seidenweberin
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6,00
Ursula Niehaus
Das Heiligenspiel
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9,99
Ursula Niehaus
Das Heiligenspiel
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Ursula Niehaus
Die Tochter der Seidenweberin
EUR (D)
14,99
Ursula Niehaus
Die Tochter der Seidenweberin
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16,99