Ohne Schalldämpfer, doch mit doppeltem Boden
Historische Krimis verbinden Spannung und historische Recherche
Wenn aus den Buchseiten im grauen Nebel Burgmauern auftauchen, wenn Pferdehufe über ein Kopfsteinpflaster klappern und im schummrigen Licht der Laternen junge Frauen durch die Straßen huschen – dann ist das für uns, die wir strahlende Helligkeit, glatte Fassaden und Motorengeräusche gewöhnt sind, beinahe schon spannend genug. Wenn dann aber auch noch eine Leiche, vielleicht gar eine königliche, gefunden wird, und erste Anzeichen auf einen Giftmord hinweisen – dann sind wir mitten drin in der ganz besonderen Atmosphäre der historischen Kriminalromane.
Farbig und faszinierend ist die Welt dieser Krimis und es ist kein Zufall, dass so viele von ihnen verfilmt werden. Es gab früher so viele Dinge, die uns heute schon als bloße Tatsachen faszinieren und eine immense Ausstrahlung haben! Klöster, Schlösser, Falltüren, verborgene Zimmer, unsichtbare Türen in der Wandtäfelung der Bibliothek, unterirdische Gänge und Geheimfächer in Schreibtischen ... Es gab Duelle, das Gebot der Jungfräulichkeit, Stadttore und Nachtwächter, Wegelagerer oder Söldner. Es ist eine eigene Mischung aus der Faszination des Lebens vor hundert und mehr Jahren, der stimmungsträchtigen Folie der Zeitgeschichte und der immer im Hinterkopf sitzenden Neugier: Wie haben die Menschen es damals geschafft, unter diesen Umständen zu leben und zu überleben? Und wie haben sie es geschafft, auch noch zu morden?
Die Technologie unserer Zeit, die hochgerüsteten James-Bond-Filme voller modernster Tötungstricks sind beeindruckend – aber unwahrscheinlich. Kleine Giftmorde, Waffen wie Messer und Dolche, Stürze von Mauern hingegen – das ist viel eher unser Niveau, die wir doch alle keine Waffenscheine besitzen. Es ist um vieles leichter, sich sowohl mit den Tätern als auch den Ermittlern auf einer Augenhöhe zu fühlen, denn deren Waffen oder deren Lösungsansätze könnten auch unsere sein. Die historische Distanz zeigt sich in diesem Fall als menschliche Nähe – es sind verglichen mit den heutigen Krimihelden bescheidene Waffen, aber gerade das macht den Reiz aus. Zumal „einfach“ nicht gleichzusetzen ist mit „unraffiniert“. Der Puppenspieler Julius Klingenthal in Wolf Sernos Roman Das Spiel des Puppenkönigs macht ganz eigene Erfahrungen mit einer Mörderin, die ihren Opfern Handschuhe mit einem Kontaktgift anzieht, in denen sie dann elendig krepieren.
Einen ganz besonderen Reiz haben Bücher, die auf historischen Tatsachen beruhen. Nichts ist gruseliger, als unter einen früheren Galgen zu stehen, an dem Mörder gehängt wurden, ein Blick in die echte Folterkammer eines Schlosses oder die Hausmauern, vor denen jemand tot zu Boden gesunken ist – man sieht kein Blut mehr, aber es liegt dennoch in der Luft. Auch nach Jahrzehnten und Jahrhunderten. Ein Immobilienmakler, der ein Mordhaus verkaufen will, hat einen harten Job – aber genau diese anhaltende Faszination der realen Geschehnisse ist es, die einem Autor von historischen Krimis das Erzeugen von Spannung erleichtert. Die Autorin Tanja Kinkel greift in ihrem Roman Im Schatten der Königin einen dieser nie geklärten Todesfälle der Geschichte auf. Sie greift mit dem Tod von Amy Robsart einen historisch belegten Skandal während der frühen Regentschaft von Königin Elizabeth I. von England auf.
Es ist das Wissen um die Tat, das einen packt, aber auch immer wieder die Erkenntnis des allzu Menschlichen. Seit wir die Erde bevölkern, seit wir in Gemeinschaft leben, gibt es Rache, Eifersucht und Liebe. Und damit auch Mord, Totschlag, Raub und Diebstahl. Die Menschen im Mittelalter haben um ein Vielfaches primitiver gelebt als wir, sie wussten einen Bruchteil der Dinge, die wir wissen – aber empfunden haben sie dasselbe.
Das Milieu spielt eine zusätzliche Rolle. Erbfolgen, Testamente, Macht und Einfluss, Thronfolger – Gründe für kriminelle Machenschaften im Adel und Klerus gab es hunderte. Die Tatsache, dass Könige selten selber in der Küche standen, machte den Giftanschlag über das Essen besonders reizvoll – nicht umsonst gab es Vorkoster.
Gesetze, deren Konsequenzen heutzutage gesetzlich über die Institution Staat geregelt sind, waren zu anderen Zeiten willkürlicher. Recht und Unrecht gab es zwar, aber die Kriterien waren andere. Vor allem gab es nicht für jeden Gerechtigkeit. Die Verlockung des Faustrechts war groß und der Mord nah. Hexen, Juden, Kindsmörderinnen, Aussätzige, fahrendes Volk: sie alle standen am Rande der Gesellschaft und waren schnell zur Hand, wenn man einen Schuldigen brauchte. Und wenn es sie nicht selber als Mordopfer traf, dann wurden sie zumindest gerne als Schuldige in die Pflicht genommen.
In Sandra Lessmanns Krimi Die Sündentochter trifft es eine Hebamme. Vor den Augen der Obrigkeit wird sie ermordet. Die Lösung des Falles wird in diesem Fall besonders schwierig, weil der Roman im London des Jahres 1666 spielt und dort der große Brand ausbricht. Gerade solche historischen Verflechtungen mit zeitgeschichtlichen Ereignissen sind es, die einen Roman besonders realistisch erscheinen lassen und für eine ungemein dichte Erzählstimmung sorgen.
Wer also mehr sucht als die reine Kriminalhandlung, wer beim Lesen nicht nur in menschliche Abgründe, sondern auch in andere Zeiten reisen will – der wird mit all den phänomenalen Schriftstellern glücklich werden, die hierzu einladen.
Lesetipps: Historische Krimis
Tanja Kinkel
Im Schatten der Königin
EUR (D)
19,95
Sandra Lessmann
Die Sündentochter
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8,95
Wolf Serno
Das Spiel des Puppenkönigs
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Wolfram Fleischhauer
Das Buch in dem die Welt verschwand
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Ariana Franklin
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Ariana Franklin
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