Heilige und Volksglauben in historischen Romanen
Frauen mit besonderen Fähigkeiten sind nicht nur als Hexen, sondern auch als Heilige ein beliebtes Thema historischer Romane. Seit dem frühen Mittelalter wurden im Volk zunehmend herausragende Persönlichkeiten der Christenheit verehrt, wie etwa Könige und Kirchenlehrer, oder Menschen, die wie der Heilige Franziskus ein besonderes Lebensmodell verfolgten. Daneben gab es noch die Adelsheiligen - Herrscher, Bischöfe oder Ordensgründer, um deren „Heiligkeit“ sich die Nachfolger bemühten. Sie hofften, durch ihre prominenten Vorgänger auch selber von dem Ruhm zehren zu können. Der Roman Im Zeichen der Seraphim von John Sack erzählt vom Leben im Franziskanerkloster kurz nach dem Tod des Gründers Franziskus. Spannend schildert er die Bemühungen der Klosterbrüder, die Wahrheit über Franziskus für sich zu behalten, doch gerade diese Wahrheit und die verschwundene Leiche von Franziskus sind es, nach der der junge Eremit Conrad sucht ...Damit der Kult um die Heiligen nicht ausuferte, bemühten sich die Kirche stark darum, allein für deren Legitimation verantwortlich zu sein. Die Heiligsprechung hatte schließlich weitreichende Folgen, gerade für die Region, in der ein Heiliger lebte oder gelebt hatte. Wallfahrtsorte waren ein gewichtiger wirtschaftlicher Faktor und die Entscheidungskraft über Heilige damit auch ein machtpolitischer Aspekt, den man ungern aus der Hand gab.
In der Theorie geht die Kirche davon aus, dass Anbetung allein Gott vorbehalten ist, während die Heiligen und deren Reliquien lediglich verehrt werden durften. Diese Trennung ging im Volksglauben gerade im Mittelalter unter. In der religiösen Praxis wurde der Heilige immer wieder als Adressat für Fürbitten und als Helfer in Notsituationen angerufen. Theologisch unerwünschte Folgen waren dann die Anhäufung von Reliquien und der Ruf nach Wundern, der im Hochmittelalter grassierte. Die Kirche verurteilte zwar diese Entwicklung, die mit vielen Scharlatanen und Wunderheilern einherging, konnte sie aber in der Praxis nicht aufhalten. Wie eine junge Frau in den Ruf gerät, eine solche Heilige zu sein, schildert Ursula Niehaus in ihrem Roman Das Heiligenspiel über das Leben der sogenannten Hungerheiligen Anna Laminit. Hier ist es nicht die Frau selber, die sich selbst als Heilige stilisiert, sondern ihre Umgebung. Dennoch wehrt sich Anna nicht gegen ihren Ruf, sondern profitiert in hohem Maße auch davon. Sehr genau beobachtet die Autorin das Verhalten ihrer Hauptfigur und zeichnet ein genaues Bild einer an sich sehr unheiligen und dadurch höchst liebenswerten Heiligen.
Immer weniger betrachtete man die Heiligen als Vorbilder im christlichen Leben, sondern funktionalisierte sie als Helfer. In dieser Tradition bildete sich dann auch die Liste der 14 Nothelfer, die in verschiedenen Lebenslagen helfen konnten.
Diese Nothelfer sind 14 Christen, die aus dem zweiten bis vierten Jahrhundert stammen und nahezu alle als Märtyrer starben. Die Entstehung dieser Heiligengruppe geht auf den süddeutschen Raum im Spätmittelalter zurück, vor allem auf die Diözesen Regensburg, Bamberg und Würzburg und Nürnberg. Ausgehend von diesem Kerngebiet verbreitete sich dann die Nothelferverehrung in allen deutschsprachigen Gebieten sowie Italien, Ungarn und Schweden. Die Funktionen der Nothelfer umfassen körperliche Beschwerden, wie z.B. der Hl Blasius bei Halsschmerzen oder Erasmus bei Leibschmerzen helfen. Aber auch bei Ängsten oder Geisteskrankheiten kann mit Heiligen wie Achatius und Vitus geholfen werden, während sich im Volksglauben der Heilige Georg vor allem um die Haustiere kümmert.
« Zurück | Seite 1 | Weiter »