Huren und Mätressen
Käufliche Liebe in historischen Romanen
Kaum ein historischer Roman, der im Mittelalter spielt, kommt ohne sie aus: Huren und Dirnen spielen in historischen Romanen eine große Rolle, wenn nicht sogar die Hauptrolle wie bei den Bestsellern von Iny Lorentz über das Schicksal der Wanderhure Marie.
Waren diese Frauen aber in der Realität ebenso omnipräsent wie in historischen Romanen?
Offenbar ja. Bereits in der Antike gab es eine hochdifferenzierte Kultur von Prostituierten, die Griechen und Römer nutzten die Dienste dieser Frauen gerne und ihr Beruf war nicht so unehrenhaft wie man heute gerne denkt. Es galt ein gewisses Gebot der Diskretion, damit die Ehefrauen nicht in ihrer Ehre gekränkt waren, aber ansonsten war der Gang in ein Frauenhaus nichts Anrüchiges. Bereits 3.000 vor Christus gab es die so genannte Tempelprostitution, bei der junge Mädchen in den Tempeln zu Ehren von Fruchtbarkeitsgöttinnen entjungfert wurden und das dadurch verdiente Geld den Tempeldienerinnen oder Priestern gegeben wurde. Aus dem 7. Jahrhundert vor Christus sind aus Griechenland Staatsbordelle überliefert, mit denen guter Umsatz gemacht wurde.
Sinnenfrohes Mittelalter?
Mit dem Mittelalter bildeten sich gerade in den Städten, aber auch auf dem Land eigene Strukturen der Prostitution aus. Die Einrichtung von Frauenhäusern in den Städten im 12. und 13. Jahrhundert nach Christus war typisch für diese Zeit, wie sie auch in Sabine Eberts Roman Die Entscheidung der Hebamme vorkommen. Ebert beschreibt anhand einer Nebenfigur, der Hure, sehr anschaulich, welche Rolle Huren und Geliebte in der höfischen Gesellschaft spielten – ihren Einfluss, aber auch ihren gesellschaftlichen Stand. Neben den Frauenhäusern waren auch die Badehäuser Orte, an denen man sich nicht nur waschen konnte. Auch wenn offiziell dort keine Prostituierte Einlass haben durften, gab es doch überwiegend weibliche Angestellte in den Bädehäusern und viele kleine Nebenzimmer, die für Liebesstunden zur Verfügung standen.
Die Frauenhäuser waren von staatlicher Macht organisiert, hatten eine Frau, die so genannte Äbtissin, oder einen Mann, den Hurenwirt, als Vorsteher. Die dort arbeitenden Frauen waren im späten Mittelalter in der Öffentlichkeit bekannt und gehörten zum Straßenbild wie andere Handwerker auch.
Die im Hurenhaus arbeitenden Frauen gehörten sogar einer eigenen Zunft mit ständischen Vorschriften an, wie zum Beispiel einer Kleiderordnung, an der man die Huren in der Öffentlichkeit erkennen konnte. Zunächst war es im frühen Mittelalter nur ein langer Schlitz im Rock, der die Huren kennzeichnete, dann aber prägte sich ein ausgefeiltes Symbolsystem aus. Die Farben, die Prostituierte trugen, waren je nach Städten unterschiedlich, aber oft waren Rot, Grün oder Gelb, als Hut, Armbinde oder am Rocksaum, die charakteristischen Farben einer Hure. Verbote gab es auch für bestimmte Schleier, Hüte oder Schuhe. Grundsätzlich galt, dass eine anständige Frau sich nicht herausputzte, sodass die auffälligen Huren auch „Hübschlerinnen“ hießen. Die Dirnen in den Bordellen waren oft angehalten, sich an bestimmte hygienische Vorgaben zu halten – Trota von Salerno, eine der ersten Frauen, die sich mit weiblicher Medizin beschäftigte, hat dazu klare Vorschriften wie das Waschen, Abtrocknen und ähnliches mehr angegeben.
Grundsätzlich gab es in den meisten Städten bestimmte Gebiete, in denen freie Huren wohnten oder in denen sich die Bordelle befanden. Die Straßennamen spiegeln diese Ordnung: Rosenstraße, Frauenstraße oder Marienhügel sind solche Namen, aber auch eine Jungfernbrücke oder Brunnengasse – man kam hierher, um aus dem Brunnen der Liebe zu trinken.
Auf dem Land hingegen waren es die umherziehenden freien Huren, die den Männern ihre Dienste anboten – in der Regel handelte es sich um verarmte Frauen und Mädchen, die von Dorf zu Dorf zogen und sich auf diese Weise ihren Unterhalt verdienten. Ihre Reisestrecken richteten sich nach den Jahrmärkten und Messen, den Pilgerfahrten und den wichtigsten Feldarbeiten. Nicht selten geschah es, dass sich eine Gruppe Arbeiter, Kaufleute oder Schiffer zeitweise eine Hure mit auf die Reise nahmen, um sich während der Ruhepausen mit ihr zu vergnügen. Um der Gefahr von Vergewaltigungen oder Zechprellerei zu entgehen, wurden diese Wanderhuren oft von einem Zuhälter begleitet, aber das war nicht die Regel. Iny Lorentz’ Roman Die Tochter der Wanderhure schildert exemplarisch, wie das Reisen schon für eine anständige Frau aussehen konnte und welchen Gefahren man sich ausgesetzt sah. Ihre Hauptfigur, die Wanderhure Marie, hat es zwar geschafft, sich in eine ehrenhafte Stellung zu bringen, aber ihre Umgebung vergisst Maries Herkunft nie und so wird die ehemalige Hure ebenso wie ihre Tochter immer wieder mit unschönen Grüßen aus der Vergangenheit konfrontiert …
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