Schokolade, Tabak & Co.
Seit Jahrhunderten haben Genussmittel für den einzelnen Menschen eine überragende Bedeutung, die weit über den jeweiligen Wohlgeschmack hinausgeht. Sie waren geografisch wie auch historisch omnipräsent. Ebenso wichtig wie der körperliche Genuss sind die Zeremonien des Zubereitens, des Essens und das Wissen um ihre lange Geschichte und vor allem ihre Exklusivität oder zumindest den Rest von Exklusivität.Ein besonderer Reiz der Genussmittel ist die Tatsache, dass sie aus weit entfernten Ländern stammen. Der Exotismus und damit der Hauch der weiten Welt verlieh ihnen schon früh ein ganz besonderes Flair, das sich in dem alten Handelsbegriff der „Kolonialwaren“ wiederfindet. Kaffee, Zucker, Tee und die ganze Welt der Gewürze boten die Möglichkeit, zu riechen und zu schmecken, was man nicht selber bereisen und betrachten konnte. Nicht selten versuchten die Adligen des 17. und 18. Jahrhunderts, zum Zwecke der Selbststilisierung möglichst viele „exotische“ Komponenten auf einmal zu vereinbaren, sodass der Kaffee oder die heiße Schokolade von dem am Hof gehaltenen Mohrenjungen serviert wurde.
Der Begriff der Genussmittel sagt viel über das Wesen und die verschiedenen inhaltlichen Komponenten von Genussmitteln aus. Die englische Bezeichnung „luxury food“ bezieht sich vor allem auf den ökonomischen Aspekt. Genussmittel sind knappe oder teure Güter, deren Gebrauch als Luxus und nicht physiologisch notwendig angesehen wird. Sie trennten die Herrschenden von den Untertanen bzw. die Reichen von den Armen und sind bis heute wichtige soziale Statussymbole. Wirtschaftlich versprachen die Genussmittel über die steuerliche Erfassung dem Staat Einnahmen und prägten den Beginn des modernen Steuerstaates und des Weltagrarmarktes.
Im französischen „stimulants“ ist die pharmakologisch-physiologische Seite der Genussmittel enthalten, denen jeweils entweder anregende oder dämpfende Fähigkeiten zugesprochen wurden, mitunter auch beides, und zwar nicht nur für den Körper, sondern auch für den Geist. Die Nähe zur Droge beruht auf diesem Aspekt der Genussmittel, die immer wieder auch für medizinische Zwecke als tauglich galten. Im Zuge eines anwachsenden historischen Bewusstseins für die Sucht, die zunehmend als gesundheitlich gefährlich eingestuft wurde, zogen Genussmittel zunehmend weltanschaulich-politische und religiöse Ablehnungen auf sich.
Der deutsche Begriff des Genusses verweist auf Genosse und die Kraft zu gruppenbildenden Prozessen, die das gemeinsame Genießen mit sich bringt, seien es die Kaffeekränzchen, Raucherclubs oder das Zuprosten. Diese Gruppenprozesse sind meist mit einem komplizierten Regelwerk verbunden. Diese Regeln organisieren sowohl die staatliche Duldung und Institutionalisierung, aber auch das Verhalten der Genießenden – man denke an Schankordnungen oder Schützenfeste.
Eines der frühesten Genussmittel, das Salz, spielte bis zum Ende der Frühen Neuzeit eine wichtige Rolle als Triebkraft für die Wirtschafts- und Politikgeschichte. Später kam mit der Suche nach nicht-europäischen Genussmitteln wie Kaffee, Tee, Kakao, Zucker und Gewürzen eine weitere Dimension des Handels auf, der Kolonialhandel. Die Suche nach diesen Gütern und den dafür notwendigen neuen Handelswegen erbrachte für die europäischen Länder neben den ersehnten Genüssen umfangreiche Handelssysteme und große Entdeckungsreisen bis hin zur Entdeckung der Neuen Welt.
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