Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Interview mit Iny Lorentz

In unserem Interview aus dem Jahr 2005 erzählt uns Iny Lorentz über ihre literarischen Anfänge und ihre Liebe zu historischen Romanen.

Iny Lorentz

Liebe Frau Lorentz, Ihre Vita weist viele eher ungewöhnliche Fakten auf: Tierpflegerin, Arzthelferin, Datentypistin, nun EDV-Spezialistin - wie kamen Sie zum schreiben?

Ich habe mir als Kind schon selbst Geschichten erzählt und - wie es viele tun - die lustigsten Zwischenfälle mit unseren Hunden und anderen Tierbegegnungen aufgeschrieben. Letztlich war ich auf der Suche nach jemanden, der sich mit mir zusammen Geschichten ausdenken würde, die wir uns gegenseitig erzählen konnten. Später vergaß ich diesen Wunsch und füllte viele Seiten mit Romanfragmenten - ohne an eine Veröffentlichung zu denken. Dann trat ich in einen Verein ein, der sich mit Fantasy beschäftigte, und habe in dessen Fanzines veröffentlicht. Wenig später hat mich jemand, der eine Anthologie für Heyne zusammengestellt hat, gefragt, ob ich nicht eine Story für ihn schreiben wolle. So kam ich zu meiner ersten profimäßigen Veröffentlichung. Gleichzeitig habe ich in diesem Club meinen späteren Ehemann kennengelernt, der ähnlich wie ich kaum etwas anderes als Schreiben im Kopf hatte. Gemeinsam haben wir in den Jahren weitere Storys und ein Kinderbuch veröffentlicht, die bis auf jeweils die erste Gemeinschaftsproduktionen waren. Wir haben uns dann auch privat sehr viele Geschichten erzählt - in Form eines selbst geschaffenen Rollenspiels, das nur zwei Regeln kennt, erstens, es muss logisch ablaufen, zweitens, der Würfel entscheidet über den Erfolg.

Gibt es ein Erlebnis/Ereignis in Ihrem Leben, das Ihre Liebe zu historischen Romanen geprägt hat?

Nein. Historische Romane, SF und Fantasy haben meine Fantasie schon als Kind angeregt. Bei den historischen Romanen habe ich mir immer versucht vorzustellen, wie die – einfachen – Leute damals gelebt haben. Als Teenie habe ich mir Sachbücher über Sozial- und Wirtschaftsgeschichte im Mittelalter u.ä. in der Bücherei ausgeliehen, um zu erfahren, wie es damals zuging. In der Schule hatte ich mehr von Krieg, von Kaisern und Königen gelernt, aber nichts vom Handel, der Hanse, der damaligen Schiff-Fahrt und all den Dingen, die wirklich interessant waren. 
Mein Mann hat als Junge schon Zugang zu einer Bibliothek voller (christlich-)historischer Romane gewährt bekommen – und war ebenso fasziniert wie ich.
 

Wie umfassend ist Ihre Recherche zu einem Buch? Mit welchen Mitteln versetzen Sie sich in die Zeit der Epoche, in der Sie gerade schreiben?

Mein Mann recherchiert einige Monate lang, bevor wir ein Buch anfangen. Dazu benutzt er im Schnitt 18-20 Sachbücher, das Internet und DVDs, die sich mit der Gegend etc. beschäftigen. Wenn das alles nicht ergiebig genug ist, recherchiert er auch in Instituten und Bibliotheken, bei denen er Primärliteratur einsehen kann. Er hält mich über seine Recherchen auf dem Laufenden, in dem er die für die Geschichte wesentlichen Informationen mit mir durchspricht oder mir wichtige Teile zu lesen gibt.

Bei Werken arbeiten Sie eng mit Ihrem Mann zusammen - sind die Meinungen zum Verlauf der Geschichte oft verschieden? Wie läuft die Zusammenarbeit ab?

Nein, unsere Meinungen zum Verlauf der Geschichte weichen nicht stark voneinander ab. Im Anfang wird der grobe Rahmen diskutiert und wir einigen uns recht bald auf ein Konzept. Während mein Mann recherchiert, passen wir unsere Geschichte immer stärker an die Historie an. Dann schreibt mein Mann den Rohtext - den ich laufend nachlese und mit ihm durchspreche. Änderungen aus diesen Diskussionen arbeitet mein Mann in einer ersten Überarbeitung ein. Dann übernehme ich den Text und bearbeite ihn in fünf Durchgängen, die mein Mann nachliest und kommentiert. Diese Kommentare bearbeite ich jeweils vor meinem nächsten Überarbeitungsschritt. So wird jeder Text von uns mindestens zwölfmal gelesen bzw. angefasst.

Wie kommen die Ideen für ein Buch im Hause Lorentz zu Stande? Was unternehmen Sie, wenn Ihnen partout keine Ideen einfallen?

KEINE IDEEN? Das gibt es nicht! Ideen wachsen wie Gras – man gebe Elmar und mir eine halbe Stunde auf einem Spaziergang – und wir kommen mit drei neuen Romanideen zurück. Wir wehren eher ab, als dass wir neue entwickeln, denn unsere Liste dürfte im Augenblick knapp sechzig Mini-Exposés umfassen.

Warum sind stets Frauen die Protagonistinnen und Heldinnen in Ihren Romanen?

Wir finden es interessanter, über die Schicksale von Frauen zu schreiben, da diese von der Gesellschaft in ein engeres Verhaltenskorsett gedrängt wurden und bei Verstößen gegen die Sitte mit härteren Reaktionen rechnen mussten. Es hat uns bereits früher gereizt, unsere Geschichten von der schwächeren Seite aus aufzuzeigen, und über lange Jahrhunderte stellten Frauen aller Klassen diese schwächere Seite dar. 

Ihre Protagonistinnen leben in Zeiten, in denen die Emanzipation keine Rolle spielt. Sie müssen oft in die männliche Rolle schlüpfen, um überleben zu können. Muss Frau heute immer noch um die Emanzipation kämpfen und so sein wie ein Mann, um Erfolg zu haben?

Heutzutage nähern sich die Geschlechter einander an. Soziale Kompetenzen, die eher dem weiblichen Geschlecht zugerechnet wurden, sind auch für Männer wichtig geworden und in früheren Männerdomänen tummeln sich zunehmend Frauen. Trotzdem haben es Frauen in wichtigen Positionen auch heute immer noch schwerer als Männer. Bis hier ein gerechter Ausgleich gefunden wird, werden noch etliche Jahre oder Jahrzehnte ins Land gehen.

Gibt es einen Protagonisten in Ihren Büchern der Ihnen am nächsten kommt? Wenn ja, welcher?

In allen weiblichen und männlichen Hauptfiguren steckt ein Stück von Elmar und mir. Die Frauen sind meist dickköpfig, hartnäckig und neugierig (wie ich), die Männer gutmütig, aber leicht erregbar.

Auf welches Buch sind Sie besonders stolz?

Auf jedes einzelne. Ich könnte vielleicht ‚Die Wanderhure’ hervorheben, nicht weil sie unser ‚Verkaufsstar’ ist, sondern weil die Idee auf einem Zitat beruht, das mich seit fast vierzig Jahren beschäftigt und welches Elmar treffsicher in den Plot verwandelt hat.

Gibt es eine "Lieblingsepoche", die Sie besonders fasziniert und über die Sie besonders gern schreiben?

Nein. Unsere Interessen sind sehr weit gespannt, und wir haben Ideen notiert, die von ca. 1200 v. Chr. bis 1875 reichen. Die meisten unserer Romane werden wohl in Europa spielen, doch haben wir auch bereits exotischere Schauplätze ins Auge gefasst, an denen spannende und interessante Geschichten spielen können. Für uns ist es wichtiger, eine gute Geschichte zu schreiben, die in ihre Zeit passt, als über eine gewisse Zeit zu schreiben. Das würde uns und unsere Ideen zu sehr einengen.

Wenn Sie die Möglichkeit hätten in die Vergangenheit zu reisen, welchem historischem Ereignis hätten Sie gerne beigewohnt?

Dem 28. Oktober 1871: An diesem Tag begegnen sich David Livingstone und Henry Morton Stanley in der Nähe des Tanganjikasees.

Stellen Sie sich vor, Sie leben am Ende des 21. Jahrtausends und müssen über den Anfang des Jahrtausends schreiben - welche Geschichte fällt Ihnen ein?

Ein halbes Dutzend ... es gibt einfach zu viele interessante Themen aus den politischen Raum, dem Umfeld des Fernsehens (Big Brother und ähnliche Schrecken), dem kommerzialisierten Sport ... 

Aber wie wäre es mit: Die Büchertandlerin?

Die Geschichte einer Frau, die versucht, die Manuskripte ihres Ehemannes, der einst in der DDR veröffentlicht hat, nach der Wiedervereinigung unterzubringen, und die die Eigendrucke auf Conventions, Märkten und anderen Ereignissen zu verkaufen sucht. Sie glauben, das könnte keine spannende Geschichte werden? Nun, da bin ich anderer Meinung ...

 

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