Verlagsgruppe Droemer Knaur

So liest man heute.

Heidi Rehn im Interview zu „Sommer der Freiheit“

„Lange habe ich davon geträumt, einmal selbst einen Roman über diese Zeit zu schreiben, um meine Vorstellungen davon mit Leben zu füllen.“

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„Der Sommer der Freiheit“ beginnt im August 1913 und reicht bis in den Sommer 1920. Das bedeutet einen Zeitsprung von vierhundert Jahren nach Ihrem vorherigen Roman „Die Liebe der Baumeisterin“. Wie kam es dazu?
Für mich ist das frühe 20. Jahrhundert meine persönliche Lieblingsepoche. Wahrscheinlich, weil es in gewisser Weise an meine eigene Lebenszeit heranreicht. Mein Großvater erzählte mir oft davon, wie er als kleiner Junge in der Schule ein Geburtstagsständchen auf den Kaiser singen musste. Meine Großmutter besaß eines dieser wunderschönen alten Musikmöbel mit einge-bautem Plattenspieler und etwa zwei Dutzend Schellackplatten aus den Zwanziger Jahren. Als Kinder haben wir die heimlich abgespielt und uns dabei im Tanzen von Boston, Onestep oder Tango versucht. Außerdem hatten es mir die goldgerahmten Fotos auf Omas Vertiko und ihre verstaubten Alben im Wohnzimmerschrank angetan, in denen diese kleinen Schwarzweiß-aufnahmen mit dem gezackten weißen Rand steckten. Darauf sahen meine Groß- und Urgroß-eltern beneidenswert jung, schick und sehr abenteuerlustig aus. Der Bruder meiner Oma posierte mit seinem Motorrad und seiner Mutter im Sozius ganz stolz mitten auf der Straße! All das hat mich schon früh mit den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts vertraut gemacht. Es ist für mich eben die Zeit, in der Oma und Opa sehr flott gewesen sind, trotz der dunklen Seiten, die jene Jahre auch für sie hatten.
Jetzt, wo meine Großeltern mir nicht mehr selbst davon erzählen können, will ich weiter möglichst viel darüber wissen. Seit Ewigkeiten verschlinge ich Romane aus dieser Zeit, bin ein absoluter Fan von Arnold Zweig, Hans Fallada, Erich Kästner und Stefan Zweig, aber vor allem von Vicki Baum, Gina Kaus und Irène Némirovsky. Auch alte Kinofilme kann ich mir immer wieder anschauen, ebenso liebe ich Zeitschriften wie etwa Die Dame mit den sehr eleganten Modezeichnungen und den erstaunlich modernen Themen. Lange habe ich davon geträumt, einmal selbst einen Roman über diese Zeit zu schreiben, um meine Vorstellungen davon mit Leben zu füllen. Nun konnte ich diesen Traum endlich verwirklichen und darüber freue ich mich sehr.

Auf den Sommer 1913 folgt der August 1914 und damit der Ausbruch des Ersten Weltkriegs. In Ihrer „Wundärztin“-Trilogie haben Sie mit dem Dreißigjährigen Krieg schon einmal eine ähnlich schwierige Zeit zum Ausgangspunkt der Handlung gewählt. Sehen Sie Parallelen zwischen den beiden Epochen?
Ich finde Kriege mit das Schlimmste, was Menschen in ihrem Leben widerfahren kann. Meine Großeltern haben zwei Weltkriege erlebt. Nie möchte ich etwas derartiges durchmachen müssen! Letztlich sind es doch immer die „Menschen wie du und ich“, die die Folgen der Kriegstreiberei ausbaden und ihr Leben nach Zerstörung und Vertreibung wieder neu aufbauen müssen. Das war vor dreihundert Jahren genau dasselbe wie im 20. oder 21. Jahrhundert.
Der Dreißigjährige Krieg wie auch der Erste Weltkrieg markieren zudem eine Zeitenwende: Nach 1648 ist das Mittelalter wirklich zu Ende. Die Welt formt sich so, wie wir sie heute weitgehend kennen. Staaten entstehen, Wirtschaftssysteme entwickeln sich, aber auch die Grundzüge der Gesellschaftsordnungen werden festgelegt. Der Erste Weltkrieg als die „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ läutet dann den endgültigen Beginn der Moderne ein. Danach verschwindet in Deutschland die Monarchie, das allgemeine Wahlrecht wird eingeführt, Frauen erringen erstmals offiziell die Gleichberechtigung. Solche radikalen Veränderungen stellen die Menschen vor große Herausforderungen. Ich finde es sehr aufschlussreich, wie ähnlich das im 17. wie im 20. Jahrhundert abläuft. Daraus den ein oder anderen Denkanstoß für die eigene Gegenwart zu ziehen, macht für mich den besonderen Reiz eines historisches Romans aus.

„Ach, Kinder! Jetzt verderbt uns nicht diesen wunderschönen Sommertag, nur weil im fernen Berlin und Paris die langweiligen Griesgrame ihren jahrhundertealten Groll gegeneinander pflegen. Solange wir drei uns gut verstehen, kann uns das herzlich egal sein.“
Dieses Zitat aus den ersten Kapiteln klingt wie das inhaltliche Leitmotiv Ihres Romans „Der Sommer der Freiheit“. Sehen Sie das auch so?
Zu Beginn meines Romans sind meine Figuren – wie jedes Jahr – in der Sommerfrische. Allein dieses Wort umfasst für mich das ganze Lebensgefühl der gehobenen Bürgerschicht: In der sommerlich-mondänen Atmosphäre frönen sie dem Müßiggang, interessieren sich weder für Politik noch für schwierige Themen, die die Leichtigkeit ihres Seins gefährden könnten. Sie wollen sich einfach nur amüsieren. Das können sie sich auch erlauben, denn im Sommer 1913 blicken sie noch beneidenswert optimistisch in die Zukunft. Finanziell sind sie abgesichert, Krieg kennen sie nur aus alten Erzählungen oder Schulbüchern, seit mehr als 40 Jahren herrscht Frieden. Der gewaltige technische Fortschritt – die Eisenbahn, das Auto, die ersten Flugzeuge sowie natürlich das Telefon und die Telegrafenleitungen zwischen Europa und Amerika – rückt die Welt enger zusammen. Es scheint keine Grenzen mehr zu geben, weder in geographischer Hinsicht noch in dem, was man tun kann oder will. Ganz selbstverständlich reisen diese Leute zur Sommerfrische in mondäne Kurorte wie Baden-Baden, wo sich „tout le monde“ trifft, und auch der Rest der Welt steht ihnen offen. Die Politik scheint diesem kosmopolitischen Lebens-gefühl allerdings noch nicht so recht gewachsen. Auf der Ebene denkt man noch in anderen Kategorien. Leider gelingt es im Sommer 1914 verblüffend schnell, die alten Vorstellungen von Erbfeindschaft und Nationalismus wieder heraufzubeschwören und die auf persönlicher Ebene errungenen Fortschritte auf politischer Ebene in Frage zu stellen. Mit verheerenden Folgen, wie man am Ende gesehen hat.

Die Bilder und Szenen am Anfang Ihres Romans scheinen inspiriert von Gemälden deutscher Landschaftsmaler und französischer Impressionisten, duftige Kleider bei den Frauen, die sich im Wind bauschen, ein Strohhut auf dem Kopf der Männer … Ist das der Sommer der Freiheit, der August 1913, der so schnell vergehen sollte?
Es ist ein berauschender Sommer voller Licht, Sonne, Leichtigkeit, kräftiger Farben, aber auch mit viel Amüsement und rasantem Tempo. Gerade am Anfang meines Romans geht es um diese Unbeschwertheit und um das gedankenlose Schwelgen im Luxus, dem sich die höheren Kreisen hingeben. Auf den Bildern von Impressionisten wie Hanna Pauli, Édouard Manet, Auguste Renoir und Claude Monet oder des Blauen Reiters (etwa Gabriele Münter, Franz Marc, August Macke) und der Künstlergruppe Die Brücke (Ernst Ludwig Kirchner, Max Pechstein u.a.) findet sich genau diese Atmosphäre. Die besonderen Lichteffekte, die farbenfrohe Gestaltung, aber auch die gesellschaftlichen Szenen in der Natur, in Parks, auf Terrassen oder in Ballhäusern erzählen viel über das damalige Leben und vor allem vom damaligen Lebensgefühl. Deshalb kann ich mir diese Bilder immer wieder anschauen. Der Sommer 1914 setzt dem ein jähes Ende. Die schwärmerische Zuversicht wird zerstört. Auf einmal zieht das Grauen eines Krieges, wie er nie zuvor geführt wurde, in den Alltag aller Menschen ein.

In Ihrem Roman zeichnen Sie sehr detailliert die Mode jener Jahre nach, vom buchstäblich atemberaubenden Fischgrätkorsett über das Reformkleid zum Plisseerock. Die kunstvolle Hochsteckfrisur wird vom lässigen Bubikopf abgelöst. Darin spiegelt sich auch die Veränderung der Frauenrolle in jenen Jahren wieder. Inwieweit treffen wir in Ihrem Roman schon auf den Typus der modernen Frau?
Frauen wie meine Hauptfiguren Selma und Constanze haben buchstäblich die ersten Hosen an. Das zu zeigen, hat mich so begeistert. Auf ihre Art sind sie, wie auch Selmas Großmutter Meta, die Frauenrechtlerin, von Anfang an sehr modern und allem Neuem aufgeschlossen: Selma interessiert sich für neue Mode, flotte Autos, macht den Führerschein, sucht aber noch nach ihrer Rolle in der Gesellschaft. Constanze dagegen ist technisch sehr versiert und beginnt als eine der ersten Frauen überhaupt ein Ingenieurstudium. Dafür ist sie im zwischenmenschlichen Bereich noch in alten Verhaltensmustern gefangen. Meta wurde quasi auf den Barrikaden der März-Revolution 1848 geboren und verkörpert die Frauenrechtlerin des 19. Jahrhunderts, deren Zeit mit der Einführung des von ihr seit Jahrzehnten geforderten allgemeinen Wahlrechts 1918 abgelaufen ist. Das erkennt sie und macht den Weg für die neue Frauengeneration frei. Selma und Constanze werden diese Chance ergreifen und sich den neuen Herausforderungen stellen.

Ihre Frauenfiguren Selma und Constanze betonen immer wieder ihre Freundschaft zueinander aber auch zu dem Franzosen Robert, Selmas Großmutter Meta zählt bekannte Frauenrechtlerinnen wie etwa Anita Augspurg zu ihren Freundinnen. Ebenso stellen Sie Ihrem Buch die Widmung „Für Meta – ein Hoch auf eine ganz besondere Freundschaft“ voran. Hat das eine besondere Bedeutung?
Für mich sind Freundschaften die Basis des menschlichen Miteinanders. Sie binden mich in ein soziales Gefüge, geben mir Halt in schwierigen Situationen und können mir helfen, Grenzen zu überwinden. Genau darum geht es mir in meinem Roman. Deshalb finden sich darin Freundschaften in den verschiedensten Facetten: solidarische Freundschaften zwischen Frauen, zwischen Frauen und Männern, aber auch zwischen Menschen verschiedener Nationen und Generationen. 
Meiner Freundin Meta musste ich diesen Roman über die Freundschaft unbedingt widmen. Wir sind zusammen aufgewachsen und haben von der ersten bis zur letzten Klasse gemeinsam die Schule besucht. Dabei sind wir durch die Höhen und Tiefen des Lebens gegangen, haben viel miteinander gelacht, aber immer wieder auch zusammen geweint. Obwohl wir schon viele Jahre in verschiedenen Städten leben, sind wir nach wie vor eng miteinander verbunden und wissen, dass wir uns immer aufeinander verlassen können. Das ist mit das Schönste, was es für einen Menschen geben kann. Deshalb ist der Roman auch ein kleines Dankeschön für eine große Freundschaft, die ich als ein ganz besonderes Geschenk empfinde.

Sie haben es schon erwähnt: In Ihrem Roman freunden sich Deutsche und Franzosen miteinander an, verlieben sich sogar ineinander. Als Lothringerin mit französischer Mutter und deutschem Vater steht Constanze zwischen den Nationen. Nach dem deutsch-französi-schen Krieg 1870/71 und erst recht nach dem Ersten Weltkrieg wird dagegen die „Erbfeindschaft“ immer lauter betont. Für Sie als gebürtige Rheinländerin scheint jedoch mehr Verbindendes als Trennendes zwischen den beiden Nationen zu existieren.
Ich bin ein typisches rheinländisches Gewächs. Unter meinen Vorfahren findet sich das übliche Gemisch aus Franzosen und Deutschen, das die ganze Gegend prägt. Im Lauf der Jahrhunderte haben die Staatszugehörigkeiten immer wieder gewechselt. Oftmals verlief die Grenze zwischen den Ländern mitten im Rhein, obwohl zum Beispiel die Familie meines Urgroßvaters linksrheinisch wohnte und rechtsrheinisch ihre Weinberge besaß. Seit jeher ist man im Rheintal also mit der Vorstellung vertraut, wie zufällig solche Grenzziehungen sind. Im nächsten Jahr können sie immer schon wieder völlig anders aussehen. Hinzu kommt, dass das Rheintal immer schon ein echter Schmelztiegel gewesen ist, der Menschen verschiedenster Nationalitäten auf der Durchreise an die Rheinufer gespült hat. Deshalb hat jeder dort noch Vorfahren aus ganz anderen Gegenden Europas im Stammbaum. Auch das zeigt, wie unwichtig es letztlich ist, welchen Pass jemand besitzt. Was zählt, ist allein die Persönlichkeit eines Menschen und das, was er aus sich macht.

Die Moderne hält in Ihrem Roman in vielen technischen Neuerungen Einzug: Selma fährt einen roten Flitzer der Marke Audi, die noch bis vor kurzem Horch hieß, Constanze träumt davon, eine verbesserte Reiseschreibmaschine auf den Markt zu bringen und Robert hat als Presse-Fotograph einen sehr modernen Beruf. Inwieweit fasziniert Sie dieser technische Aufbruch jener Jahre? 
Ich finde es einfach spannend zu sehen, wie modern die letzten Jahre vor dem Ersten Weltkrieg bereits sind, dabei bezeichnen wir sie doch gern als „die gute alte Zeit“ oder als „die Welt von gestern“, wie Stefan Zweig sie genannt hat. Ich war überrascht, bei meinen Recherchen festzustellen, wie vieles von dem, was uns als Neuerung der „Goldenen Zwanziger“ erscheint, in Wahrheit schon aus der Zeit vor 1914 stammt: die kleinen Rollbildkameras, die Kinofilme, das Grammophon, die Schallplatten, der Tango, die Sucht, sich zum Vergnügen die Nächte um die Ohren zu schlagen. Deshalb erzähle ich in meinem Roman genau davon. Es ist die Moderne, die vor 1914 bereits da war, und dann erst einmal für vier Jahre gewaltsam unterbrochen wurde, um sich 1918/1919 endgültig Bahn zu brechen ...

Sie setzen in Ihrem Roman auch der Stadt Berlin, in jener Zeit „die modernste und aufregendste Metropole der Welt“, wie es einer Ihrer Romanfiguren einmal formuliert, ein Denkmal. Daneben rücken Sie aber auch unbekanntere Ecken wie Elsass-Lothringen, Metz und Bonn ins Blickfeld.  War das überfällig?
Als Rheinländerin sage ich da natürlich ja! Berlin erlebt seit etwa 1890 einen enormen Schub und ist schon vor 1914 eine echte Weltstadt, was dann nach 1918 noch klarer wird (dazu schreibe ich übrigens gerade den nächsten Roman, der 2015 erscheint). Dagegen fristen Gegenden wie Elsass-Lothringen mit z.B. Metz und das Rheinland mit Bonn ein Schattendasein. Sie gelten als tiefste Provinz, dabei werden ausgerechnet sie nach dem Krieg zum Zankapfel zwischen Deutschland und Frankreich.
In diesen Städten und Gegenden ist es die Mischung aus beiden Nationalitäten, die mich sehr fasziniert, weil sie eben sehr aktuell ist. Wie selbstverständlich war man damals dort oft zweisprachig, kannte sich im jeweils anderen Land bestens aus, hatte Freunde und Verwandte dies- und jenseits der Grenze, mit denen man in regem Austausch stand. Das mehr ins Bewusstsein zu rücken, war mir wichtig. Letztlich macht diese Mischung die Gegenden zu einem zukunftsweisenden Modell, wie Zusammenleben in Europa einmal wirklich aussehen könnte.

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