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Hannah Kent im Interview zu "Das Seelenhaus"

"Literatur ist am eindringlichsten, wenn es ihr gelingt, Mitgefühl zu erzeugen."

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Ein tragisches Frauenschicksal, eine dramatische Liebesgeschichte und eine entsetzliche Tat, die alle ins Verderben reißt: Hannah Kent ist mit Das Seelenhaus ein brillantes Debüt gelungen, das international für großes Aufsehen gesorgt hat. Wir sprachen mit der 1985 geborenen Australierin über ihren ersten Roman und dessen Hintergründe.

Die Geschichte von Agnes Magnúsdóttir ist in ganz Island bekannt, da sie die letzte Person war, die in dem Land hingerichtet wurde. Wie sind Sie als Australierin auf die Figur der Agnes gestoßen?

Mit siebzehn habe ich an einem Rotary Schüleraustausch teilgenommen und für ein Jahr in einer kleinen Stadt im Norden Islands gelebt. In den ersten Monaten meines Aufenthaltes dort bin ich mit meiner Gastfamilie zufällig an einem besonders eindrucksvollen Ort namens Vatnsdalur vorbeigekommen. Als ich nachfragte, was es damit auf sich hat (die Gegend besticht durch viele kleine Erdhügel, die fast wie Hügelgräber aussehen), erzählte man mir, dass dort die letzte Hinrichtung in Island stattgefunden hat. Das machte mich neugierig und ich wollte gerne mehr darüber wissen. So erfuhr ich, dass eine Magd namens Agnes dort 1830 geköpft wurde. Sie war schuldig befunden worden, ihren Dienstherrn, einen Bauern, und einen anderen Mann am 13. März 1828 im Schlaf ermordet zu haben.

Was hat Sie an dieser Frau so fasziniert, dass Sie sie ins Zentrum Ihres Romans gestellt haben?

Bis heute bin ich mir nicht wirklich darüber im Klaren, warum mich Agnes von Anfang an so fasziniert hat. Auch wenn mein Aufenthalt in Island eines der besten Jahre meines Lebens war, waren die ersten Monate schwierig, denn ich fühlte mich sehr einsam. In der kleinen isländischen Gemeinde war ich eine Außenseiterin und meine Isolation bedrückte mich. Vielleicht erkannte ich ein Stück meiner eigenen Einsamkeit in der Geschichte von Agnes wieder, denn ich fühlte mich ihr auf eigenartige Weise verbunden. Dieses unerklärliche Gefühl der Verbundenheit führte dazu, dass ich mich später mit Agnes’ Fall und insbesondere mit ihrer Lebensgeschichte beschäftigte.

Ungefähr die Hälfte der Geschichte wird aus der Ich-Perspektive von Agnes erzählt, der andere Teil von einem Erzähler in der dritten Person. Außerdem ergänzen historische Dokumente und Briefe die Handlung. Warum haben Sie sich für diesen Perspektivwechsel entschieden?

Bei meinen Recherchen zu Agnes’ Kriminalfall und ihrer Exekution fiel mir von Anfang an auf, dass sie durchweg als böse Hexe dargestellt wird. Es war frustrierend: Wo war die wirkliche Agnes? Mein Beschluss über ihr Leben zu schreiben, entstand aus dem Wunsch, die Frau hinter den Stereotypen zu finden. Ich wollte etwas über ihre Lebensgeschichte erfahren unabhängig von ihrer Tat, sie in ihrer Vielschichtigkeit und Menschlichkeit erfassen und die gängige Meinung, sie sei ein Monster, widerlegen.

Die Entscheidung verschiedene Perspektiven zu verwenden, entstammt meinem Bestreben, diese Menschlichkeit und Ambiguität darzustellen. Es war nie mein Anliegen, Agnes als vollkommen gut oder unschuldig oder als Opfer zu porträtieren – meiner Meinung nach würde das ihren Charakter ebenso verzerren wie die Darstellung, sie sei absolut böse. Indem ich Agnes ihre eigene Geschichte aus der Ich-Perspektive erzählen lasse und das damit kontrastiere, was sie nach außen hin anderen Personen erzählt, konnte ich zeigen, dass sie unglaubwürdig und teilweise manipulativ ist, wenn auch aus gutem Grund. Außerdem konnte ich auf diese Weise der Frage nachgehen, warum die gängige Wahrnehmung der Zeit Agnes als verrucht und sündhaft zeichnete: Warum glauben alle anderen Charaktere von Anfang an, Agnes sei böse? Wie reagiert Agnes auf die Darstellung ihrer Person in der Öffentlichkeit, auf die sie keinen Einfluss nehmen kann? Dieser Unterschied zwischen öffentlicher Wahrnehmung und Selbstwahrnehmung interessiert mich sehr. Können wir andere wirklich gänzlich verstehen? Können wir uns selbst in Gänze verstehen? Der Einsatz unterschiedlicher Erzählperspektiven erlaubte es mir, diesen Fragen nachzugehen.

Wie schwer ist es Ihnen gefallen, Agnes’ Stimme zu finden und zum Leben zu erwecken? Wie haben Sie es geschafft, sich emotional so stark in sie einzufühlen?

Ich fand Agnes’ Stimme intuitiv. Das mag vielleicht überraschen, aber die Passagen, die aus Agnes’ Perspektive geschrieben wurden, musste ich kaum redigieren. Ich kann mir das auch nicht erklären. Meine Erfahrung hat mich gelehrt, dass beim Schreiben - egal wie mühsam es ist - die Intuition immer eine gewisse Rolle spielt. Agnes’ Stimme fand ich vollkommen intuitiv; sie entwickelte sich aus der Empathie, die ich für sie empfand - nicht Sympathie, diesen Unterschied möchte ich hervorheben. In meiner Vorstellung ist sie eine intelligente, ehrgeizige und widersprüchliche Frau, die durch ihre Klasse und ihr Geschlecht determiniert wurde.

Der Roman spielt im Jahr 1829. Wie sind Sie bei Ihren Recherchen vorgegangen?

Im 19. Jahrhundert war Island ein vollkommen anderes Land als heute. Um diesem Umstand gerecht zu werden und mich mit der damaligen Zeit vertraut zu machen, befasste ich mich fast zwei Jahre ausschließlich mit der Recherche. Ich musste nicht nur Agnes’ Leben und die Verbrechen, derer sie angeklagt wurde, recherchieren, sondern mich auch mit ihren Lebensumständen beschäftigen. Ich las Geschichtsbücher, Tagebücher ausländischer Besucher Islands aus dem frühen 19. Jahrhundert, isländische Romane und Sagen, wissenschaftliche Artikel mit staubtrockenen Titeln wie "Kindersterblichkeit in den nordischen Ländern, 1780-1930", Liedtexte, alte Zeitungsartikel und vieles mehr – ich las einfach alles über Island, was ich finden konnte. Ich musste dafür viel übersetzen, was sehr zeitaufwendig war.

Den Großteil meiner Informationen über Agnes’ Leben sammelte ich während einer intensiven, sechswöchigen Recherchereise nach Island. Während dieser Reise bekam ich Zugang zu amtlichen Dokumenten, Gemeindearchiven, Volkserhebungen, heimatkundliche Büchern und Briefen und besuchte die Orte, wo Agnes lebte und arbeitete.

Wo haben Sie die Grenze zwischen Fakt und Fiktion gezogen?

Bei diesem Projekt wusste ich von Anfang an, dass ich der Recherche und den Fakten (soweit sie belegt waren) Vorrang einräumen und ich die Launen meiner Phantasie zügeln musste. Auf diese Weise konnte ich Island, seinen Menschen und seiner Geschichte, meinen Respekt erweisen und meinen Roman als einen Akt der Revision statt der Ausbeutung charakterisieren. Auch wenn es sich bei Das Seelenhaus um einen Roman handelt, basiert doch jede Kleinigkeit in gewissem Maße auf meinen Recherchen, angefangen bei dem Handlungsverlauf, über die Art und Weise, wie die Charaktere aufeinandertreffen bis zu Agnes’ Leben, das ich so realitätsgetreu wie die Quellen es mir ermöglichten dargestellt habe. Ich verwende dafür den Begriff "spekulative Biografie." Es ist unmöglich, eine exakte Grenze zwischen Fakt und Fiktion zu ziehen. Die Grenzen verschwimmen.

Auf beeindruckende Weise gelingt es Ihnen, die Figur der Agnes lebendig werden zu lassen und dieser Frau, deren Schicksal besiegelt scheint, eine Stimme zu verleihen. War es von vorne herein Ihre Intention, die Frau hinter den Stereotypen zu suchen und zu finden?

Genau so ist es. Meine Entscheidung, Agnes’ Geschichte zu erforschen und zu erzählen, entwickelte sich aus der frustrierenden Tatsache, dass ihre Darstellung in den unterschiedlichen Berichten über das Verbrechen stets mit vielen Vorurteilen behaftet war. Als ich die Dokumente übersetzte, stieß ich häufig auf Begriffe wie "Teufel," "Hexe" und "Spinne." Bei meiner Suche nach Berichten über ihre Lebensgeschichte oder nach Erkenntnissen, in wie weit soziale oder kultureller Faktoren zu ihrer Tat beigetragen haben, fand ich nichts außer dem Glauben, dass sie von Natur aus böse gewesen sei.
Der banalen Kategorisierung von Frauen als "gefallene Engel" oder "böse Monster" begegnete ich häufig während meinen Recherchen zu Darstellungen von Mörderinnen. An dieser Denkweise wollte ich rütteln. Ich schrieb Das Seelenhaus mit der festen Absicht, die Ambiguität und Komplexität von Agnes darzustellen und die Vorstellung einer boshaften Frau, die Hände reibend einen Mord plant, zu zerstören. Sie ist bestimmt nicht unschuldig, aber sie ist auch nicht unmenschlich.

Schicksal und Bestimmung sind wichtige Themen Ihres Romans, denn Agnes scheint zum Scheitern verurteilt zu sein. Hätte sie ihrem Los Ihrer Meinung nach entgehen können?

Das ist eine interessante Frage, die vielleicht der Leser beantworten muss. Agnes beruft sich häufig auf das Schicksal, aber das muss sie wahrscheinlich auch, könnte man argumentieren. Ist das Überleben einfacher, wenn man seine Situation als Schicksal begreift denn als Folge selbstbestimmter Taten? Was wenn man aufgrund schlechter gesellschaftlicher Umstände die falschen Entscheidungen trifft? Wen mache ich für meine falschen Entscheidungen verantwortlich: das Schicksal, Missgeschick, andere Personen oder mich selbst?

Island spielt in dem Roman eine wichtige Rolle; Ihre Beschreibungen der isländischen Landschaft und des Wetters sind atmosphärisch dicht und sehr beeindruckend. Welche Bedeutung haben Handlungsort und Landschaft für Sie als Schriftstellerin?

Islands einzigartige Landschaft spielte für mich beim Schreiben eine bedeutende Rolle. Zum einen liegt sie mir sehr am Herzen und zum anderen wollte ich zeigen, wie stark meine Charaktere von ihr gezeichnet sind. In isländischen Geschichten wird stets Bezug auf das Wetter genommen. Es hat großen Einfluss auf das Leben, viel mehr als anderswo. Ich wollte Islands unglaublicher Naturschönheit die Ehre erweisen, ohne dabei sentimental zu werden: das Nordlicht, die Berge, der Schnee und die Mitternachtssonne, aber auch die Feindseligkeit, die ihr innewohnt. Ich habe die Landschaft wie einen eigenständigen Charakter behandelt, der den menschlichen Figuren gleichgestellt ist. Dabei habe ich versucht, die gleiche Komplexität und Widersprüchlichkeit einzufangen.
Grundsätzlich glaube ich, dass ein großes Orts- und Naturbewusstsein einem Roman Einprägsamkeit verleiht. Der US-amerikanische Autor Ron Rash sagte einmal, "Landschaft ist Bestimmung", und das glaube ich auch. Der Handlungsort ist essentiell. Unvermeidlich sind die Charaktere und somit die Erzählung mit ihm verbunden.

Haben Islands Sagen Sie beim Schreiben oder Ihrer Recherche beeinflusst?

Ich habe viele Sagen gelesen, während ich diesen Roman geschrieben habe, sowohl weil sie eine wertvolle Informationsquelle darstellen und ein wichtiger Bestandteil der isländischen Identität sind, als auch weil ich wusste, dass sie meinen Figuren wohlbekannt waren. Die Sagen spielten in der damaligen Zeit eine große Rolle und waren allseits bekannt.
Die Laxdaela Saga ist für meinen Roman von besonderer Bedeutung. In dieser Sage finden sich nämlich interessante Parallelen zu Agnes’ Geschichte. Als ich sie las, kam mir der Gedanke, dass auch Agnes selbst diese Parallelen erkannt haben könnte. Auf jeden Fall kannte sie diese Sage mit Sicherheit.

Wenn Sie es sich wünschen könnten, welches Gefühl würden Sie in ihren Lesern nach der letzten Zeile geweckt haben wollen?

Eigentlich ist es nicht mein Ding, die Reaktion der Leser zu bestimmen, vor allem nicht, wenn es sich um mein eigenes Buch handelt. Ein Großteil des Lesevergnügens entsteht dadurch, dass man seine eigene Erfahrung in die Lektüre einbringt und aufgrund dieser Erfahrung zu unterschiedlichen Interpretationen kommt. Nichtdestotrotz freue ich mich immer, wenn Leser mir sagen, dass sie beim Lesen von Das Seelenhaus Empathie für Agnes oder andere Figuren entwickelt haben. Meiner Meinung nach ist Literatur am eindringlichsten, wenn es ihr gelingt, Mitgefühl zu erzeugen.

Das Seelenhaus ist Ihr erster Roman. Wollten Sie schon immer Schriftstellerin werden? Wann und warum haben Sie beschlossen, einen Roman zu schreiben?

Ich wollte schon immer schreiben. Ein Grund dafür mag sein, dass ich als Kind unglaublich gerne gelesen habe. Das Lesen schien mir mysteriös und magisch zu sein und ich hatte den Wunsch, das selbst erschaffen zu können.
Meine Eltern haben meinen Wunsch zu schreiben stets unterstützt und haben mich nie davon abgehalten oder es nur als nettes, ungewöhnliches Hobby abgetan. Zugleich haben sie mir aber auch frühzeitig klar gemacht, dass ich wahrscheinlich für meinen Broterwerb einen anderen Beruf wählen müsse. Als Kind antwortete ich auf die Frage, was ich später einmal werden möchte, stets entweder "Schriftstellerin und Ärztin" oder "Schriftstellerin und Lehrerin." Fest stand für mich Schriftstellerin, die Wahl meines Broterwerbberufs wechselte dagegen häufig.

Ihr Roman hat international für viel Aufsehen gesorgt und die Filmrechte sind bereits an Gary Ross, den Regisseur von Die Tribute von Panem, verkauft. (Die Hauptrolle soll die Oscar-Preisträgerin Jennifer Lawrence spielen). Gratulation! Hat dieser Roman Ihr Leben verändert?

Vielen Dank! Ich bin überwältigt und sehr dankbar - das kam völlig unerwartet und ist einfach großartig. Die größte Veränderung liegt darin, dass ich nun hauptberuflich schreiben kann, was ein großes Privileg ist und ich mir niemals erträumt hätte. Davon abgesehen hat sich mein Leben nicht wirklich verändert. Meine Ziele sind immer noch die gleichen.

Abschließend eine letzte Frage: Wie geht es bei Ihnen weiter? Woran schreiben Sie gerade?

Momentan befinde ich mich am Anfang der Recherchephase für einen neuen Roman und möchte noch nicht viel verraten, da die Geschichte bestimmt noch vielen Veränderungen unterworfen sein wird. Auf jeden Fall spielt mein nächster Roman in den 1820er-Jahren in Irland – ein Land, das mich schon seit langem fasziniert. Bereits in Das Seelenhaus spielen Aberglaube und Volkstümlichkeit eine gewisse Rolle, in meinem neuen Roman stehen sie nun im Zentrum. Ich interessiere mich sehr für die Art und Weisen, wie Individuen den Aberglauben dafür benutzen, sich zu bemächtigen und andere zu unterdrücken. In meinem neuen Roman geht es um die Auswirkungen dieser Instrumentalisierung.

Vielen Dank für das Interview, liebe Hannah Kent!

 
Die Fragen stellte Alexandra Plath im Juli 2014.

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