Alm-Anach
Auszug aus dem Stichwortverzeichnis für Hobbyhirten
»Will der Stadtmensch Almluft schnüffeln,
muss er brav im Viehkurs büffeln.«
Aufreiten – Hundebesitzer wissen natürlich, wovon die Rede ist: Man sitzt bei Nachbars zum Kaffee, hat die beste Hose an und unterhält sich über das Wetter und die Preise für Rasenmäher und mobile Klimageräte, plötzlich kommt Nachbars Dackelmännchen und vergeht sich mit plumpen Sambabewegungen zweibeinig an der Wade des Gastes. »Aus, pfui! Tut man das, Waldi?« – Wir ersparen uns die Antwort auf diese rhetorische Frage und gehen gleich dazu über zu erklären, was »Aufreiten« bei Kühen bedeutet. Denn auch in einer rein weiblichen Herde wird aufgeritten was die Hinterbeine aushalten. Ob hier sofort von gleichgeschlechtlicher Liebe bei Tieren die Rede sein kann? Hmm. Aber es schaut schon recht lustig aus, wenn so ein seriöses, selten lächelndes Nutztier den flotten Hirsch macht und mit seinem schwabbelnden Vierfach-Zumpferl eine Art Begattung probiert. An Skurrilität ist das allerdings noch zu toppen. Nämlich, wenn eine Kuh in einer Galtviehherde unverschämterweise einen Ochsen (Anm.: kastrierten Stier) besteigt. Der arme, arme Kerl.
Geschwärzte Kühe – Das kann ziemlich unheimlich aussehen, wenn man nicht darauf vorbereitet ist: Da geht man arglos wie jeden Tag zu seinem Vieh, und statt der hübschen braun-weiß gefleckten Gesichter haben die Mädels schmuddelgraue Visagen und schwarze Zungen, als hätten sie sich alle Heidelbeeren des Waldes in der Nacht einverleibt. Des Rätsels Lösung: Sie haben oben auf der Anhöhe den Kopf zu tief in die Asche des letzten Sonnwendfeuers (oder eines vom Blitz getroffenen, ausgebrannten Baums) gesteckt. Warum sie das tun sollten? Um Mineralien zu naschen. Wenn man die Antwort einmal kennt, muss man beim Anblick der unfreiwilligen Kriegsbemalung unweigerlich lachen. Denn dann sehen die imposanten, mehrere hundert Kilo schweren Jungdamen nicht anders aus als Riesenbabys, die sich in einer zufällig neben dem Sandkasten entdeckten schlammigen Pfütze vergnügt haben. Nur dass sich die besudelte Lederstrampelhose nicht einfach von Mama in die Waschmaschine stecken lässt. Der Büßer-Look hält bei den Kalbinnen und Jungkühen zumindest bis zum nächsten Regen an.
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Großvieh-Einheit – Wird in Special-Interest-Magazinen wie »Rinder-Revue« oder »Kuh-Kurier« auch mit GVE abgekürzt. Gradlinig denkende Laien mit gutem Wortverständnis könnten vermuten, dass man zu einer Großvieh-Einheit auch einfach »Kuh« sagen kann, aber das ist natürlich viel zu einfach. Der Begriff »Großvieh-Einheit« wurde kreiert, um ein einheitliches Abrechnungssystem für die EU-Förderungen zu ermöglichen. Natürlich ist mit »einer Großvieh-Einheit« eigentlich eine Kuh gemeint. Aber nur eine ausgewachsene. Jungkühe mit bis zu zwei Jahren gelten bloß als 0,6 Großvieh-Einheiten. Und der Bauer bekommt nicht die (bei Druck dieses Buches) üblichen 21 Euro Förderung für die Alpung seiner Kuh (wenn sie nachweislich mehr als 60 Tage auf der Alm war), sondern nur 12,60 Euro.
Hirtenstock – So, wie der Hirtenhut, ist auch der Hirtenstock ein Accessoire, das Sinn macht und nicht nur aus optischen Gründen herumgeschleppt wird. Natürlich ist er hilfreich, um sich im Viehsalz-geilen Gedränge einer Jungherde die Hornträger vom Leib zu halten. Und hin und wieder tut auch ein freundschaftlicher Klopfer aufs lederne Hinterteil der Erziehung ganz gut. Wichtigster Punkt, weshalb Hirten einen Hirtenstock brauchen, ist aber meiner Meinung nach, weil der Hirte eigentlich permanent abseits der Trampelpfade querfeldein unterwegs ist. Er läuft, er springt und tut dies oft in Eile oder mit den Augen auf seine Herde gerichtet. Dabei tut der »dritte Fuß« gute Dienste. Im hohen Gras steckt man ihn tastend vor, beim steilen Bergabgehen stützt man sich vorbeugend ab, und im Wald nützt man ihn, um tiefhängende Äste oder Spinnweben aus dem Weg zu schieben.
Kalbin - Es wäre wirklich zu einfach, wenn eine Kalbin schlicht ein weibliches Kalb wäre. Eine Kalbin kann theoretisch auch zehn Jahre alt sein. Was eine Kalbin von einem Kalb unterscheidet, ist, dass die Kalbin schon Lust auf Sex hat (geschlechtsreif ist). Was eine Kalbin von einer Kuh unterscheidet (im Stammtischgespräch mit Bauern wichtig) ist, dass sie noch kein Kälbchen zur Welt gebracht hat, also entweder Jungfrau oder auch alte Jungfer ist und daher keine Milch gibt.
Kuhfladen – Ein kleines, oft unterschätztes Universum für sich. Ganz abgesehen davon, dass Hirten in den baumlosen Steppen der Mongolei bis heute Kuhfladen statt Holz zum Heizen nützen, sind die 30 bis 40 Kilo Kot, die eine Kuh pro Tag von sich gibt, als Nahrung und Behausung nützlich für alle möglichen Kleintiere, von der Fliege, über Käfer und Tausendfüßler bis zum Regenwurm. Zudem, so haben Forscher in Großbritannien vor kurzem durch Zufall herausgefunden, befindet sich im Kuhdung ein Bakterium, das beim Menschen gute Laune macht. Mycobacterium vaccae löst (in abgetötetem Zustand) im menschlichen Organismus eine Reaktion aus, die Serotonin produziert, in der Folge zu einer Stärkung des Immunsystems führt und gleichzeitig gegen Depressionen wirkt. Ein guter Viehhirte verpasst einem alten Kuhfladen in seinem Weg immer einen bewundernden, sanften Tritt, um ihn etwas zu verteilen. Denn in einer Welt, in der jedes Pflänzlein mit allerhöchstem Aufwand um einen Platz an der Sonne ringt, wirken die Nährstoffe eines Kuhfladen wie ein Zaubertrank auf das, was darunter liegt. So kann man quasi im Vorbeigehen die Düngung für die Weide im nächsten Jahr erledigen.
