Gernot Gricksch über sein wahres Ich
Und die immer wieder gern gestellte Frage: Wie viel Autor steckt in einem Buch?
Ich verrate Ihnen ein Geheimnis, liebe Leserinnen und Leser: Als ich meinem Lektor mitteilte, dass ich einen Roman schreiben wolle, in dem eine der Hauptfiguren ein pubertierendes Mädchen sei, war er nicht gerade begeistert. Gerade hatte seiner Meinung nach ein bekannter englischer Autor in einem Roman bewiesen, dass ein Mann mittleren Alters einfach nicht glaubwürdig die Gedankenwelt eines halbwüchsigen Mädchens beschreiben kann. Ich sollte es mir deshalb gut überlegen, ob ich mir das wirklich zutrauen wolle. Das machte mich nachdenklich. Müssen die Protagonisten meiner Bücher zwangsläufig Parallelen zu mir selbst aufweisen? Nicht unbedingt: Der Held meines Romans „Robert Zimmermann wundert sich über die Liebe“ ist zum Beispiel ein durchtrainierter, gut aussehender Frauenheld, was denkbar weit von meinem wahren Ich entfernt ist. Und in „Königskinder“ habe ich sogar die Hälfte des Buches bereits aus weiblicher Perspektive gewagt.
Ein Teenager als Romanheld?
Aber ein 15jähriges Mädchen, das seine erste Liebe erlebt und gleichzeitig den Tod der eigenen Mutter verkraften muss – das ging denn doch noch ein paar Schritte weiter. Dieses Vorhaben hatte zugegebenermaßen Elemente des Autoren-Kamikaze. Konnte ich als Kerl so eine Geschichte wirklich lebensnah erzählen?
Ich habe lange überlegt und genauer zu analysieren begonnen, wie viel von mir selbst generell in meinen Büchern steckt. Das ist eine Frage, die mir auch auf Lesungen oft gestellt wird und die ich, fürchte ich, immer etwas zu lapidar beantwortet habe. Fast alle Charaktere meiner Bücher – auch die Nebenfiguren – weisen tatsächlich Partikel von mir auf. Sie haben ähnliche Gedankengänge, Ängste, Träume, Marotten – und zwar völlig unabhängig von ihrem Alter, ihrer Profession, ihrem Aussehen und ihrem Geschlecht. Zieht man von Robert Zimmermann 15 Zentimeter Körpergröße ab (bei gleichem Gewicht) und reduziert seine Wirkung auf das andere Geschlecht um mindestens 60%, dann kann man auch in diesem Mann ein bisschen von mir entdecken.
Und ich rede nicht nur von seiner Vorliebe für Videospiele. Ich rede von seinem Staunen, seiner fast schon kindischen Hartnäckigkeit und seiner permanenten Fettnäpfchen-Nähe.
Ein bisschen Gricksch - und doch ganz eigenständig
Alle Figuren, die ich erfinde, sind meine Babies - und trotzdem absolut eigenständige Kreaturen. Ich habe mit der weiblichen Hauptfigur in „Königskinder“ mindestens genauso viel gemeinsam wie mit dem Ich-Erzähler in „Die denkwürdige Geschichte der Kirschkernspuckerbande“ - obwohl viele Leute fälschlicherweise glauben, letzteres sei meine Autobiographie.
Nachdem mir das klar wurde, stieg mein Kampfgeist so weit an, dass ich gleich drei der vier Hauptfiguren in „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ zu Frauen gemacht habe. Wenn schon, denn schon! Drei Viertel des Buches beschreiben nun also die Taten und Gedanken von a) einem verwirrten, ängstlichen, störrischen jungen Mädchen, b) einer krebskranken älteren Frau und c) einer lebenshungrigen, großherzigen Möchtegern-Schauspielerin. Ich habe mir wahnsinnig viel Mühe mit den Damen gegeben. An keinem Buch habe ich so sehr gefeilt wie an diesem. Ehrlich!
Frauen denken anders als Männer. Das ist richtig. Sie setzen andere Prioritäten, haben eine andere Wahrnehmung und hegen die irritierende Angewohnheit, selten direkt zu sagen, was sie meinen und obendrein zu glauben, dass alle Leute genauso intuitiv seien wie sie selbst. Als ich die weiblichen Figuren in „Das Leben ist nichts für Feiglinge“ zum Leben erweckte, konnte ich also nicht einfach aus meinem eigenen Erfahrungs-Fundus schöpfen. Gott sei Dank bin ich – wie die meisten Schriftsteller - ein guter Beobachter. Und ich hatte schon in der Schule einen besseren Draht zu Mädchen als zu Jungen (das passiert, wenn man Autos, Fußball und unmotiviertes Herumschubsen doof findet). Den Ausdruck „Frauenversteher“ habe ich allerdings nie gemocht. Ich bin einfach bloß ein fröhlicher Frauenangucker und -zuhörer.
Leonie Swann war nie ein Schaf. Oder auch: Welche Männer können über Frauen schreiben?
Ich war nie eine Frau und prognostiziere einfach mal, dass das bis zu meinem Lebensende auch so bleiben wird. Aber Karl May war ja auch nie im wilden Westen, Tanja Kinkel nie im antiken Rom und Leonie Swann, soweit ich weiß, nie ein Schaf. Ich bin aber ein Mensch, immerhin, und das Thema meiner Bücher ist im weitesten Sinne stets die Suche nach einem Lebensmodell und die emotionale Bewältigung von Krisen. Immer dreht es sich bei meinen Arbeiten um Liebe, Lust, Träume, Hoffnungen, Familie, Freundschaft. Universeller geht’s nicht. Und solche Themen kann und will ich nicht auf männliche Helden meiner Altersgruppe begrenzen. Sie, liebe Leser, haben ein Recht auf Abwechslung. Und ich habe Spaß an der Herausforderung. Schreiben ist eben nichts für Feiglinge.
Die Tatsache, dass mein Lektor den Roman am Ende wunderbar fand und die Kinofilmrechte bereits verkauft wurden, bevor das Buch überhaupt gedruckt war, sind eine schöne Bestätigung für mich. Richtig glücklich bin ich aber erst, wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, sich bei der Lektüre des Buches in meine drei Frauen (und den wackeren Mann an ihrer Seite) ebenso verlieben wie ich.
Schaun wir mal...
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