Gernot Gricksch im Interview
Lieber Herr Gricksch: Sie sind verheiratet, haben zwei Kinder und als Journalist einen Full-Time-Job. Wann finden Sie überhaupt Zeit, Ihre Romane zu schreiben - und warum tun Sie es?Wann ich es tue? Ich weiß es selbst nicht. Nachts. Am Wochenende. In Kurzurlauben in dänischen Ferienhäusern. Zwischendurch. Mittendrin. Und kurz vor vertraglich zugesagter Manuskriptabgabe dann fast ausnahmslos am Rande des Kollaps. Warum? Weil sonst all das Beobachten von Leuten, all das Zuhören, Grübeln und stille Herumspinnen umsonst wäre.
Die Allegra hat über Sie geschrieben: "Gernot Gricksch ist ein großer Erzähler kleiner, zärtlicher Geschichten." Nun denkt man bei einem männlichen Autor ja eher an Action und Hochspannung ... warum ist das bei Ihnen anders?
Meine letzte Blutuntersuchung ergab jedenfalls keine erhöhten Östrogenwerte. Aber da ich meines Wissens nach der einzige heterosexuelle Mann Deutschlands bin, der freimütig gesteht, ein miserabler Autofahrer zu sein und Frauen mir durchaus ungefragt von ihrem Liebeskummer, ihren geheimen Träumen und in einem Fall sogar von einem vaginalen Pilzbefall erzählen, erscheint es mir denkbar, dass ich ein bislang unentdecktes Weichei-Gen besitze.
In "Die denkwürdige Geschichte der Kirschkernspuckerbande" geht es um fünf Freunde und ihre Lebensgeschichte im Lauf von 40 Jahren. Welche der Figuren ist ihnen dabei am nächsten?
Ich-Erzähler Piet natürlich. Das Fettnäpfchen ist mein zweiter Wohnsitz.
In allen Ihrer Bücher geht es auch darum, wie Menschen sich selbst und die Liebe finden. Was würden Sie Lesern raten, bei denen diese Suche bisher erfolglos geblieben ist?
Wie Liselotte Pulver - die Simone de Beauvoire der Häkeldecke-Szene - einst in „Kohlliesls Töchter“ behauptete: „Jedes Töpfchen findet sein Deckelchen“. Daran glaube ich fest. Immer vorausgesetzt natürlich, man hört nicht auf zu suchen und man macht keinen Hehl daraus, was für eine Art von Topf man wirklich ist. Nur Idioten wollen diese makellosen Chrom-Pötte. Und wenn man die Liebe gefunden hat: Voila, dann findet man ganz automatisch auch den letzten Rest von sich selbst.
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