Interview mit Agnès Desarthe
Madame Desarthe – was können Sie uns über Myriam, die Hauptfigur Ihres neuen Romans, sagen?Sie ist eine leidenschaftliche Figur mit übertriebenen Reaktionen. Als sie ihr Restaurant eröffnet, hat sie einen chaotischen Weg hinter sich. Sie hat am Rande der Gesellschaft gelebt. Allerdings hat sie sich selbst verbannt, um sich zu bestrafen. Mit der Eröffnung eines Restaurants findet sie eine Möglichkeit, ihre Großzügigkeit zu kanalisieren, während sie früher maßlos alles von sich gegeben hat. Mit der Nahrung opfert sie sich den anderen. Als wir Myriam zum ersten Mal begegnen, hat sie aufgehört zu fliehen. Sie hat einen Zufluchtsort geschaffen, den sie „Chez Moi“ nennt, weil sie dort wohnt und arbeitet. Aber vom Moment an, an dem sie sesshaft wird, holt ihre Vergangenheit sie wieder ein.
In der Tat, beide Verfahren sind sich sehr ähnlich. Worum es mir beim Schreiben geht, ist, Wörter in Einklang zu bringen, die neuen mit den alten, die Sprachebenen und sogar die literarischen Genres miteinander zu vermischen, vom Märchen bis zum Roman. Ich suche immer nach dem Neuartigen. Diese Art und Weise, Wörter miteinander zu verschmelzen, ist sehr kulinarisch. Man versucht, unbekannte Lebensmittel und neue Gewürze miteinander zu kombinieren, sich vom Rezept abzuwenden. Für mich ist schreiben ein Synonym für Freiheit. Die Welt der Bücher erfordert natürlich eine gewisse Logik, aber die Irrationalität und die Träume werden besser aufgenommen. Man muss nicht alles erklären. Wenn ich schreibe, will ich nicht nur die Realität wiedergeben, sondern sie überwinden. Geheimnisse spielen in Ihren Romanen eine große Rolle.
Ja, weil jeder ein Geheimnis mit sich trägt. Und deswegen haben all meine Figuren ebenfalls eins. Aber was ich besonders mag, ist die Inszenierung, die die Verbreitung oder Gestaltung eines solchen Geheimnisses tagtäglich erfordert. Ich finde es rührend, wie sich Leute benehmen, wenn sie ein Geheimnis preisgeben wollen. Es handelt sich um Fiktion mitten in der Realität …
Myriam hat das Gefühl, mehrere Leben gelebt zu haben.