Verlagsgruppe Droemer Knaur

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Interview mit Bettina Landgrafe

06.10.2011
Vor zehn Jahren reiste Bettina Landgrafe als Kinderkrankenschwester nach Ghana. Die Probleme, mit denen sie dort konfrontiert wurde, veränderten ihr Leben schlagartig. Sie erlebte nicht nur Armut und Hunger, sondern auch Verstoßung, Sklaverei und schlimme medizinische Zustände. Bettina Landgrafe beschloss, ihr Leben den Menschen in Ghana zu widmen. Sie gründete den Verein Madamfo Ghana e.V., mit dem sie heute u.a. Schulen und Brunnen baut. Jedes Jahr verbringt sie seitdem mehrere Monate in Ghana. In ihrem Buch "Weiße Nana" erzählt sie von ihren Erfahrungen mit der fremden Kultur, den Ghanaern und von ihrer "Krönung" zur weißen Nana.

Liebe Frau Landgrafe, vor zehn Jahren sind Sie als Krankenschwester in eine Buschklinik nach Ghana gegangen. Was war der Auslöser hierfür?

Der Auslöser für meine erste Reise nach Ghana war der Wunsch zu „helfen“. Ich bin mit diesem Wunsch, dieser Einstellung aufgewachsen. Wenn Du etwas hast, dann teile es und helfe anderen, wenn du kannst – das habe ich von meinen Großeltern gelernt. Als Kinderkrankenschwester dachte ich damals, dass ich gerade mit diesem Beruf in Ghana effektiv helfen kann. Außerdem reise ich gerne und nach Afrika hatte es mich schon immer gezogen. Dass aus einmal dann für immer wurde, das ahnte ich bei meiner ersten Reise noch nicht…

Sie wurden in Ghana zur Königin gekrönt. Wie kam es dazu und wie sah diese Zeremonie aus?

Ich habe in meinen ersten Aufenthalten in Apewu, so heißt das Dorf, in dem ich mein Engagement begann, viele Projekte auf den Weg gebracht, die als unrealisierbar galten. Ein Brunnen, den es eigentlich nicht geben dürfte, weil Straßen fehlten oder Stephen Owusus Operation sind hierfür nur zwei Beispiele. Keiner hat geglaubt, dass diese Projekte durchführbar wären. Aber es hat funktioniert. Geht nicht, gibt es für mich nicht!

Aus Dankbarkeit und Anerkennung für meine Arbeit haben mich die Bewohner von Apewu dann zur Queenmother, zur Nana gemacht. Es ist keine Krönung im üblichen Sinn. Man bekommt einen Stuhl verliehen. Der Stuhl ist das Symbol für den Status einer Nana. Zu offiziellen Anlässen wird dieser vor mir hergetragen.
Für die Zeremonie wurde ich von den Frauen des Dorfes entkleidet und in mein neues Nana-Gewand gewickelt. Das Gewand besteht aus zwei unterschiedlichen Stoffen. Den ersten Teil schlingt man um den Körper, den zweiten trägt man wie eine Art Toga um den Körper. Dann wurde ich mit weißem Puder bestäubt, was Glück und Segen bringt, und mit Trommeln, Gesang und Tanz zum Daba-Ground (Daba ist ein Stammesfest) geführt. Es wurden Reden gehalten und traditionelle Tänze aufgeführt. Die Zeremonie beinhaltete, dass ich drei Mal auf meinen Stuhl gesetzt wurde. So wurde ich zur Nana Enimkorkor – Königin der Entwicklung.

Sie leben in zwei Kulturen, die unterschiedlicher nicht sein können. Was schätzen Sie an der ghanaischen, was an der deutschen Kultur?

An Ghana schätze ich die Menschen und deren tiefen Glauben an das Leben. Ich weiß, das klingt klischeehaft. Aber es ist tatsächlich so. Die Menschen besitzen nichts und strahlen trotzdem eine enorme Lebensfreude aus. Sie teilen das Wenige und sind so gastfreundlich. Jeden Fremden heißen sie willkommen. Wenn Sie mit offenem Fenster auf Überlandstraßen fahren, passiert es häufig, dass Ihnen jemand vom Straßenrand zuruft: „You are welcome!“ Das ist tatsächlich so gemeint!

An Deutschland mag ich die Effektivität und die gute Infrastruktur. Fließendes Wasser, Strom, Telefon und ein funktionierendes öffentliches Verkehrssystem. Kulturell gesehen fühle ich mich mittlerweile mehr in Ghana zuhause.

Sie leben die Hälfte des Jahres in Ghana, die andere in Deutschland. Wie viele Wurzeln haben Sie hier? Kann man ein „normales“ Privatleben in beiden Ländern haben?

Für eine Reisende zwischen den Kontinenten sind viele Dinge im alltäglichen Miteinander mit Freunden und Familie komplizierter. Die Menschen, die mir nahe stehen, müssen sehr oft auf mich verzichten. Ich kann selten zu wichtigen Ereignissen kommen. Das limitiert die Zahl der wirklichen Freunde, aber die Verbindungen zu diesen Menschen sind umso intensiver und näher. Wenn ich mich von meiner besten Freundin verabschiede und erst Monate später aus Ghana zurückkehre, dann ist das so, als ob ich gestern erst gegangen wäre. Das macht mich sehr glücklich.
Für eine Partnerschaft ist der stete Wechsel zwischen zwei Kontinenten eine andauernde Belastungsprobe. Man muss sich unbedingt vertrauen und viele Brücken bauen ... nur dann kann eine Beziehung auch über diese Distanz funktionieren.

Könnten Sie sich vorstellen, eines Tages die Segel in Deutschland komplett abzubrechen und nach Ghana zu gehen?

Ich könnte mir gut vorstellen die überwiegende Zeit des Jahres in Ghana zu leben. Ich fühle mich dort sehr wohl und bin angekommen. Meine Aufgabe als Leitung von Madamfo Ghana ist aber, die Verbindung zwischen Ghana und Deutschland konstant und transparent aufrecht zu halten – wie ein Transmitter zwischen dem Hier und Dort. Ich möchte für die Menschen ansprechbar sein, auf beiden Kontinenten. Deshalb werde ich wohl für die nächste Zeit eine Reisende zwischen den Welten bleiben.

Sie haben den Verein Madamfo Ghana gegründet. Welche Projekte unterstützt Ihr Verein? Wie sieht Ihre Arbeit in diesem aus?

Madamfo Ghana e.V. Deutschland und die Madamfo Ghana Foundation in Ghana wurden von mir mit dem Ziel gegründet, die Abhängigkeit der Menschen zu durchbrechen und ihnen ein Leben auf eigenen Füßen zu ermöglichen. Klassisch formuliert heißt das: Hilfe zur Selbsthilfe. Gemeinsam mit meinen ghanaischen Mitarbeitern setze ich dies konsequent um, indem ich z.B. nur Einheimische anstelle oder die Dörfer ihre Projekte selbst durchführen. Auch komplexe Gebäude wie ein Kinderkrankenhaus bauen wir mit den Dorfbewohnern. Madamfo heißt Freund. Und wie ein Freund versuchen wir auch den Einheimischen zu helfen. Alle Projektvorschläge werden von den Dorfbewohnern ohne unsere Einmischung selbst entwickelt. Das Dorf entscheidet sich für ein Projekt. Madamfo Ghana koordiniert und finanziert dann mit dem nötigen Know How die Umsetzung.
Alle Projekte führen wir in Absprache mit den ghanaischen Behörden durch. Diese stellen dann z.B. das Personal für unsere Schulen, Kindergärten und Kliniken. Das sorgt für die entsprechende Nachhaltigkeit. Personal verursacht große Kosten. Diese sollten meiner Meinung nach nicht vorrangig aus Spendengeldern finanziert werden. Da muss der Staat mit im Boot sein.
Auf diese Weise bauen wir Schulen, Kindergärten, Kliniken, Brunnen, Toilettenanlagen und vieles mehr. Ein Schulspeisungsprogramm für mehr als 615 Kinder täglich gehört ebenso zu unseren Projekten wie ein Schulpatenprogramm. Oder die Befreiung von Kindersklaven.


Die Autorin

Bettina Landgrafe

Portrait von Bettina Landgrafe

Bettina Landgrafe, geboren 1976, kam vor zehn Jahren zum ersten Mal nach Afrika. 2007 gründete die gelernte und examinierte Kinderkrankenschwester den Verein "Madamfo Ghana".

zur Autorin

Das Buch

Friedrich Ani – Süden

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