Interview mit Judith End
Judith End ist 25, alleinerziehende Mutter und mitten im Studium, als sie in ihrer Brust einen Knoten ertastet. Ihre Welt gerät von einem Moment auf den anderen aus den Fugen. Eben noch war sie dabei, sich frisch zu verlieben. Jetzt quält sie die Frage, bei wem ihre Tochter Paula aufwächst, falls sie sterben sollte. Offen, nüchtern und voller Selbstironie beschreibt die junge Autorin in "Sterben kommt nicht in Frage, Mama" ihren Kampf um ein Stück Normalität im totalen Ausnahmezustand.Liebe Frau End, 2006 haben Sie die Diagnose Brustkrebs erhalten. Ende 2007 hatten Sie den Krebs bis auf Weiteres besiegt. Wie geht es Ihnen heute? Sind die Behandlungen abgeschlossen?
Heute geht es mir gut, auch wenn die Behandlungen noch nicht abgeschlossen sind. Ich nehme noch ein Medikament im Zuge der Antihormontherapie, das verhindert, dass sich mögliche Tumorzellen durch Östrogene speisen können. Außerdem bekomme ich eine Biphosphonattherapie in Form einer halbjährlichen Infusion, die vorbeugende Wirkung hat. Das alles schränkt mich im Alltag aber kaum noch ein, so dass ich mich grundsätzlich gesund fühle. Meine Immunabwehr ist nach wie vor nicht die beste. Aber alles zusammen sind das nur Zipperlein, mit denen ich gut leben und einen weitgehend normalen Alltag führen kann.
Ihre Tochter Paula war vier, als Sie an Krebs erkrankt sind. Sie beschreiben in ihrem Buch, wie stark Paula in der Zeit gelitten hat. Wie ist Ihre Beziehung heute zueinander? Hat der Krebs auch etwas zwischen Ihnen verändert?
Wir haben ein sehr offenes Verhältnis und reden über vieles. Paula muss weitgehend ohne Vater auskommen und hat keine Geschwister. Das macht unsere Beziehung zu einer sehr exklusiven und sehr innigen.
Es ist schwer zu sagen, ob der Krebs unsere Beziehung verändert hat. Als besonders empfinde ich, dass Paula ein sehr feines Gespür für meine Befindlichkeiten hat. Wie ein kleiner Seismograph erspürt sie die kleinsten Erschütterungen manchmal schon, bevor ich selbst merke, dass sich zum Beispiel eine Grippe ankündigt oder die Angst vor Nachuntersuchungen. Sie fragt zum Teil heute noch aus heiterem Himmel, ob ich an dieser oder jener Sache sterben könne. Das zeigt, dass sie sich noch nicht in die Gewissheit fallen lassen kann, dass ich tatsächlich bei ihr bleibe. Ich war natürlich schon immer sehr glücklich über mein Kind, auch wenn unser Alltag nicht immer leicht war. Aber seit der Erkrankung bin ich jeden Tag bewusst dankbar dafür, dass ich Paula habe. Ich sage ihr wahnsinnig oft, wie sehr ich sie liebe und wie großartig sie ist, dass es sie manchmal schon nervt. Sie ist definitiv das Tollste, was ich je zustande gebracht habe. Und mit dem Bewusstsein, dass man so oder so – gesund oder krank – nur eine begrenzte Zeit zusammen hat, ist mir die Zeit mit ihr noch wertvoller geworden. Mit ihr sind die Tage immer bunt. Und seit wir beide wissen, dass das Leben gar nichts Selbstverständliches ist, noch ein bisschen bunter.
Sie haben während Ihrer Krankheit beschlossen, Ihre vom Krebs befallene Brust abnehmen zu lassen. Wie stehen Sie heute zu dieser Entscheidung?
Ich habe mich nicht direkt dazu entschlossen, die Brust abnehmen zu lassen, ich hatte gar keine andere Wahl. Es war damals nicht möglich, die Brust zu erhalten, weil der Tumor schon zu groß war und es bereits weitere kleinere Herde in der Brust gab. Die Brust wird heute nur noch abgenommen, wenn es wirklich nicht anders geht. Das ist auch richtig so, denn es bedeutet schon einen großen Einschnitt in die weibliche Identität gerade als sehr junge Frau, wenn man eine Brust verliert.
Ich habe einige Zeit gebraucht, um mich mit meinem Körper zu versöhnen, so wie er jetzt ist. Es ist auch heute an manchen Tagen nicht ganz einfach – ich bin noch keine dreißig und schon seit vier Jahren brustamputiert. Wie wohl die meisten Frauen dieser Welt, wünsche ich mir hübsche, gesunde Brüste. Ich schließe nicht aus, dass ich mich noch einmal der aufwendigen Prozedur eines Brustaufbaus unterziehen werde. Allerdings würde mir auch dieser Schritt nicht das zurückgeben, was ich verloren habe. Er würde allenfalls eine optische Reparatur darstellen, zu der man erstmal bereit sein muss. Ich identifiziere mich nicht über meine Krankheit, aber sie gehört zu meinem Leben. Bisher war es Teil des Verarbeitungsprozesses, meinen Körper und mein Leben mit den inneren und äußeren Narben anzunehmen und zu akzeptieren. Wenn die seelischen Narben irgendwann weitgehend verblasst sind, und ich bin auf einem guten Weg dahin, dann gönne ich mir vielleicht auch „wieder“ eine hübsche zweite Brust. Aber auch nur vielleicht.
Lesetipp
Judith End
„Sterben kommt nicht in Frage, Mama!“
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