Interview mit Markus Stromiedel
1. Herr Stromiedel, wann haben Sie angefangen, an „Feuertaufe“ zu arbeiten?Markus Stromiedel: Viel zu spät! Wenn ich geahnt hätte, wie schwer die Arbeit an diesem Buch werden würde, hätte ich mich wahrscheinlich sofort nach „Zwillingsspiel“ an den Schreibtisch gesetzt und mit dem Schreiben begonnen. Insgesamt habe ich mehr als ein Jahr gebraucht, um die Geschichte in den Griff zu bekommen. Damit hatte ich überhaupt nicht gerechnet! Aber das Thema des Buches ist derart komplex, dass der Plot meiner Geschichte anfangs viel zu kompliziert war – ich wollte alles erzählen, und alles gleichzeitig. Erst nachdem ich Teile der Geschichte gerafft und andere auseinandergezogen habe, wurde die Handlung überschaubar. So ist die Gliederung in einen 1. und einen 2. Teil entstanden.
2. Der fiktive Umbau Deutschlands von einem Rechtsstaat in einen Überwachungsstaat, wie Sie ihn in „Feuertaufe“ skizzieren, wie realistisch ist dieses Szenario Ihrer Meinung nach?
Markus Stromiedel:Wenn ich mir die Entwicklungen allein der vergangenen Monate ansehe, scheint das Szenario durchaus realistisch zu sein. Vor 25 Jahren sind noch Tausende auf die Straße gegangen und haben gegen die Volkszählung protestiert. Heute sehen wir dabei zu, wie unsere persönlichen Daten gespeichert, verkauft und hemmungslos genutzt werden. Wann ist der Punkt erreicht, an dem wir aufstehen und uns wehren? Das, was ich in meinem Buch beschreibe, ist sicherlich ein „Worst-Case“-Szenario, und ich hoffe inständig, dass es niemals Wirklichkeit wird. Wenn wir jedoch weiter bei allem stillhalten, was uns die Sicherheitsbehörden abverlangen, dann marschieren wir genau in die beschriebene Richtung. Übrigens: Ende des Jahres wird ein neuer Personalausweis eingeführt, mit RFID-Chip und eingespeicherten biometrischen Daten, auf Wunsch inklusive Fingerabdrücke ...
3. Jüngste Ereignisse und Diskussionen, zum Beispiel über das Elena-Verfahren, oder als kleines Detail die Frage des Einsparens von öffentlichem Licht, haben Ihre Ideen plötzlich hochaktuell werden lassen. Haben Sie das erwartet – vielleicht nicht so schnell, aber doch mittelfristig?
Markus Stromiedel:Die Entwicklung geht atemberaubend schnell voran. Ich habe, als ich vor einem Jahr mit dem Schreiben begann, die Handlung meines Romans 10 Jahre in die Zukunft vorverlegt. Doch über weite Strecken liest sich die Geschichte inzwischen wie die Beschreibung einer sehr nahen Zukunft. Auf der einen Seite bin ich fasziniert, dass ich offensichtlich mit vielen Dingen richtig liege, aber das Unwohlsein überwiegt.
4. Was war zuerst da – der Wunsch, Kommissar Selig einmal mehr ermitteln zu lassen, oder die Idee, sich mit dem Thema Überwachungsstaat und Datensicherheit zu beschäftigen?
Markus Stromiedel:Die Thriller-Reihe mit Kommissar Selig sollte von Beginn an eine Auseinandersetzung mit aktuellen Themen unserer Gesellschaft sein, im Gewand spannender Thriller. Das war in meinem ersten Roman „Zwillingsspiel“ das Thema „Terrorismus und Islamismus“, und nun in „Feuertaufe“ das Thema „Überwachungsstaat“. Ich sage zwar immer – und das stimmt auch –, dass ich mit meinen Büchern in erster Linie meine Leserinnen und Leser unterhalten will. Aber wenn es mir darüber hinaus gelingt, für das Thema, über das ich schreibe, zu sensibilisieren, dann bin ich sehr froh.
5. Woher kommt Ihre Faszination für diese Art des Erzählens?
Markus Stromiedel:Mich haben immer schon Bücher fasziniert, die sich mit dem Zustand und der Zukunft unserer Gesellschaft auf der Erde auseinandersetzen. Das sind Klassiker wie Orwells „1984“ oder Huxleys „Brave new world“, aber zum Beispiel auch die Krimi-Reihe von Maj Sjöwall und Per Wahlöö, die in ihren Kommissar-Beck-Romanen die schwedische Gesellschaft der 70er Jahre detailreich portraitieren. In meiner Jugend war ich zudem ein großer Fan von Herbert W. Franke, der bemerkenswerte Science-Fiction-Romane geschrieben hat, in denen Einiges von dem vorweggenommen wurde, was wir heute erleben. Dieser kritische Blick auf die Gegenwart und in die Zukunft, der interessiert mich.
6. Muss man sich in der Politik gut auskennen, um ihr Buch zu lesen?
Markus Stromiedel:Nein, überhaupt nicht. Alles, was für das Verständnis wichtig ist, wird nach und nach erzählt. Ich fände es schade, wenn sich einzelne Leser von der Bezeichnung „Polit-Thriller“ abgeschreckt fühlten. Das Buch wird über weite Strecken durch die Ermittlungsarbeit von Kommissar Selig geprägt, und das gibt der Geschichte eine sehr persönliche und emotionale Note – und genau das ist gewollt. Letztlich möchte ich, dass die Leser mit „Feuertaufe“ spannende Stunden verbringen, um dann nach der Lektüre vielleicht noch ein wenig über das Thema nachzusinnen.
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