Interview mit Peter Prange
Der Bestseller-Autor über seinen neuen Roman
Peter Prange, Bestsellerautor mit dem Sinn für die ganz besonderen Stoffe, hat sich in seinem Roman "Die Gottessucherin", der im September 2009 erschienen ist, wieder mit einem ganz faszinierenden Thema beschäftigt ...
1. Herr Prange, wie findet man so einen phantastischen, aber sicher nicht auf der Straße liegenden Stoff wie das Leben der Jüdin Gracia Mendes?
Peter Prange: Doch, der Stoff liegt immer auf der Straße, wie Thomas Mann einmal gesagt hat. Entscheidend ist nur, ob ein Autor ihn aufgreift oder nicht. Das aber hängt davon ab, ob er das Thema, das ihm da gerade über den Weg läuft, als „sein“ Thema begreift, als eine Frage, die ihn in tiefster Seele anspricht und umtreibt.
2. Soll das heißen, nicht der Autor findet einen Stoff, sondern ein Stoff findet seinen Autor?
Peter Prange: Genauso erging es mir mit Gracia Mendes. Ich machte Recherchen zu meinem Roman „Der letzte Harem“, als sie plötzlich vor mir erschien, in einem Buch über Sultan Süleyman den Prächtigen, in irgendeiner Randnotiz. Es war wie Liebe auf den ersten Blick: Eine Frau, aufgetaucht aus dem Dunkel der Geschichte, die zwischen die Mühlsteine der drei großen Religionen gerät, die den ewig schwelenden Konflikt zwischen Christentum, Judentum und Islam auf ihrer Lebensreise quer durch das Europa der Renaissance in ihrer Seele und an ihrem Leib aushalten muss. Eine Geschichte, wie sie nur alle hundert Jahre vorkommt. Die wollte, die MUSSTE ich schreiben!
3. Wie Sie selbst im Nachwort zu Ihrem Buch berichten, war diese beeindruckende Frau zu ihrer Zeit eine berühmte Frau, von den einen gehasst, von ihrem Volk als „neue Esther“ verehrt, aber heute so gut wie vergessen.
Peter Prange: Es ist keine Übertreibung, Gracia Mendes, geborene Nasi, alias Beatrice de Luna mit christlichem Namen, nicht nur als eine überragende Gestalt der jüdischen Geschichte zu bezeichnen, sondern auch als eine der größten und bedeutendsten Frauen, die in Europa jemals gelebt haben. Eine Frau, die Königen und Päpsten die Stirn bot. Trotzdem ist sie heute nahezu unbekannt. Zwar taucht ihr Name im Laufe der Jahrhunderte immer wieder in der Literatur auf, aber selbst in Israel, so hat mir meine dortige Übersetzerin Yosifia Simon versichert, kennt man sie fast nur noch als Namenspatronin von Straßen und Plätzen. Was für ein Glücksfall für einen Autor, eine solche Figur beseelen zu dürfen, sie zu neuem Leben wieder zu erwecken!
4. Welcher Aspekt im Leben von Gracia hat in Ihnen den ersten Impuls ausgelöst, ihre Lebensgeschichte aufschreiben zu wollen? Ihr Eintreten für den Glauben, ihre Unbedingtheit in der Liebe, ihre Stellung als mächtige Frau in einer männlich dominierten Gesellschaft?
Peter Prange: Das Zusammenspiel aller drei Aspekte. Wäre Gracia Mendes eine Heilige gewesen, hätte sie mich kaum interessiert. Aber Gott sei Dank war sie eine Frau aus Fleisch und Blut, die nicht nur um ihr Seelenheil gekämpft hat, sondern auch um ihr Glück auf Erden. Mit derselben Leidenschaft, mit der sie Gott geliebt hat, hat sie auch die Liebe geliebt. Zugleich war sie eine Frau, die sich ihrer Macht bewusst war und diese eingesetzt hat für ihre Mission. Dieses Übermaß an Leidenschaft in einem einzigen Leben, die Vielfalt so widersprüchlicher Ziele und Wünsche – das macht den einzigartigen Reiz dieser Figur aus.
5. Und hat sich dieser erste Impuls im Laufe Ihrer Recherchen verändert? Wie aufwändig war die Recherche für diesen Roman?
Peter Prange: Leben ist wie Schreiben. Man hat eine bestimmte Vorstellung von dem, was man will, und plötzlich funkt einem die Wirklichkeit dazwischen. Dann beginnt beim Schreiben die Recherche. Als ich anfing, mich in Gracia Mendes hinein zu träumen, hatte ich ja zunächst nur eine sehr vage Ahnung von der Welt, in der sie lebte. Das betraf nicht nur die Fülle an Schauplätzen – der Roman spielt ja in allen wichtigen Städten des damaligen Europa –, sondern auch und vor allem Gracias besondere Situation als „Conversa“, als zwangsgetaufte Jüdin, die nach außen, zur Wahrung des Scheins, wie eine Christin leben musste, aber im Kreis ihrer Familie ihrem jüdischen Glauben die Treue hielt. Doch zum Glück bin ich in Tübingen zu Hause, Deutschlands kleiner, großer Gelehrtenrepublik. Dort habe ich Menschen gefunden, die mir den Zugang zu der faszinierenden Welt des jüdischen Glaubens eröffneten.
Der neue Roman
Peter Prange
Die Gottessucherin
EUR (D)
22,95