Interview mit Tanja Kinkel
Die Bestsellerautorin im Gespräch über ihren Roman Im Schatten der Königin.
„Haben Mächtige wahre Freunde?“
Tanja Kinkel über Elisabeth I., die Recherche und das Schreiben von
Im Schatten der Königin
Liebe Tanja Kinkel, Ihr neuer Roman spielt nicht nur in der Elizabethanischen Zeit, sondern Elizabeth I. tritt selbst auf. Was fasziniert Sie, wie so viele andere Autoren und Filmemacher, an dieser Frau?
Tanja Kinkel: Elizabeth I. war in einer äußerst gefährlichen Zeit eine intelligente Überlebenskünstlerin – nur so konnte sie es überhaupt auf den Thron schaffen –, und eine Vollblutpolitikerin im guten wie im schlechten Sinn. Es gelang ihr, über vier Jahrzehnte an der Macht zu bleiben und dabei den zerrissenen, maroden Staat, den sie übernahm, in eine Epoche kultureller und politischer Blüte zu führen. Eine Epoche, die nicht umsonst ihren Namen trägt.
Warum haben Sie keinen Roman geschrieben, der Elizabeth I. in den Mittelpunkt stellt?
Tanja Kinkel: Ich wollte lange Zeit einen biographischen Roman über sie schreiben, aber leider fand ich heraus, dass Susan Kay bereits 1985 ein exzellentes Buch namens Legacy veröffentlicht hat.
Daher musste ich meinen Plan aufgeben, einen Elizabeth-Roman so zu schreiben, wie ich ursprünglich geplant hatte. Dennoch ließ sie mich nicht los. Auch wenn es kaum jemandem aufgefallen ist: Die Figur der Carla Fehr in meinem Roman Unter dem Zwillingsstern ist meine Interpretation von Elizabeth im 20. Jahrhundert, mitsamt einer Gouvernante namens Käthe, einem besten Freund namens Robert und einem an Heinrich VIII. angelehnten Vater – denn einen Vater zu haben, der die Mutter und eine der Stiefmütter umgebracht hat, war für Elizabeths Persönlichkeit und ihr Verhältnis zur Ehe entscheidend. Nach Unter dem Zwillingsstern dachte ich, dass ich Elizabeth und die Menschen in ihrer Umgebung nun hinter mir gelassen hätte, aber weit gefehlt. Sie gingen mir immer noch nach. Und das brachte mich schließlich auf die Idee, einen Roman über eine ganz kurze Zeitspanne in den frühen Jahren ihrer Herrschaft zu schreiben, in dem Elizabeth selbst eine Nebenfigur ist, aber entscheidende Weichen für den Rest ihrer Zeit als Königin gestellt werden.
Elizabeth I. musste ihr ganzes Leben lang kämpfen – glauben Sie, dass sie glücklich war?
Tanja Kinkel: Ich bin sicher, dass Elizabeth hin und wieder glücklich war, genauso, wie es auch sehr unglückliche Zeiten für sie gab. Ich glaube aber auch, wenn sie gegen Ende ihres Lebens die Möglichkeit gehabt hätte, die wichtigsten Entscheidungen ihres Lebens noch einmal zu treffen, dann hätte sie bis auf wenige Ausnahmen die gleichen Wege gewählt. Ganz bestimmt hätte sie niemals die Existenz als Königin gegen eine als liebende Ehefrau und Mutter eingetauscht. So konnte ich es auch nicht unterdrücken, folgendes Originalzitat von ihr in meinem Roman Im Schatten der Königin zu verwenden: „I will have no master here and but one mistress“ – „Es wird hier am Hofe keinen Herren geben und nur eine Herrin.“ Die junge Elizabeth sagte dies, kurz nachdem sie den Thron bestiegen hatte, und sie hielt dies auch durch, obwohl ihr das lange Zeit niemand glaubte.
Was trieb Elizabeth an?
Tanja Kinkel: Was sie antrieb, war wohl ein komplexes Geflecht aus Motivationen, das ich in Im Schatten der Königin darlege: Elizabeth war eine Überlebenskünstlerin, was sie zum ersten Mal beweisen musste, als sie fünfzehn war. Sie war sich außerdem sehr bewusst, dass sie ihre Existenz einer Beziehung verdankte, die das Land gespalten hatte, und dass man von ihr als Frau nichts anderes erwartete, als dass sie gut heiratete und einen Erben produzierte. Natürlich dürfen wir auch nicht vergessen, dass ihre Mutter, wäre Elizabeth ein Junge gewesen, nie hingerichtet worden wäre. Das Bibelzitat, das Elizabeth sich als Motto ihrer Krönung heraussuchte, klingt einerseits wie eine Rechtfertigung des eigenen Daseins: „Der Stein, den die Bauleute verwarfen, ist zum Eckstein geworden.“ Aber er sagt andererseits auch: „Jetzt erst recht!“
Obwohl es natürlich bei politischer Rhetorik immer schwer ist, zu sagen, was aufrichtig ist – und Elizabeth war eine der besten Rednerinnen der englischen Geschichte –, nehme ich ihr auch ab, dass sie ihr Land und ihr Volk liebte, und nicht nur von ihrem Machtinstinkt getrieben wurde. In ihrer letzten Rede vor dem Parlament, kurz vor ihrem Tod, sagte sie zu den Abgeordneten: „Ihr mögt in Zukunft weisere Fürsten haben, aber Ihr werdet nie einen haben, der Euch mehr liebte.“ Ich denke, das hat sie letztendlich trotz der persönlichen Tragödien, die sie erlebte, über vier Jahrzehnte weitermachen lassen.
Vivat Regina!
Tagebuch Tanja Kinkel
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