Laila El Omari: "Karge Landschaften haben es mir angetan!"
Die Autorin schreibt über ihre Arbeit an dem Roman "Der Purpurhimmel"!
Karge Landschaften haben es mir angetan, nicht nur die Landschaften an sich, sondern auch die Umstände, unter denen man dort lebt. Während meiner Recherchen zum „Purpurhimmel“ hat mich immer die Frage begleitet, wie man sich an einem Ort einrichten kann, der im Grunde genommen nur ein riesiger Felsen ist und so gut wie keine Möglichkeiten der Selbstversorgung bietet. Wie mag es gewesen sein, wenn man aus einer schillernden Stadt wie London kam und sich auf einmal in dieser Einöde wiederfand?
Unter normalen Umständen war das Leben in Gibraltar von Müßiggang und lähmender Langeweile geprägt. Die Versorgung mit Lebensmitteln hing komplett von England ab, umso verheerender war es, als es zur Belagerung und der kompletten Schließung der Grenzen kam. Während Gibraltar an sich ja noch keine richtige Geschichte hergibt, war es umso spannender, zu überlegen, wie sich Menschen verhalten, wenn auf einmal das Leben nicht mehr einfach nur öde und langweilig ist, sondern wenn sich inmitten dieser Ödnis auf einmal eine Situation ergibt, die existenzbedrohend ist.
Wie verhalten sich Menschen, wenn ihr Alltag auf einmal voller Bedrohungen ist?
Es gibt eine Menge Zeitzeugenberichte aus den vier Jahren Belagerung, meist in Form von Tagebüchern, die in fast minutiöser Genauigkeit festhalten, wie es den Menschen in den Zeiten des Hungers und der wachsenden Verzweiflung ergangen ist.
Gibraltar ist eine Militärgarnison, und so habe ich mich nicht nur mit dem Alltagsgeschehen beschäftigt, sondern auch mit dem Leben der Offiziere und Soldaten, und so einige skurrile Details ausgegraben. So konnte beispielsweise ein Soldat dafür, seine Frau mit Schlägen traktiert zu haben, die über das seinerzeit erlaubte Maß an Züchtigung hinausging, dazu verurteilt werden, das hölzerne Pferd zu reiten und dabei einen Unterrock um den Hals zu tragen. Bei dem hölzernen Pferd handelte es sich um eine Konstruktion, bei der zwei Bretter wie ein Dach aneinander genagelt und dann in den Boden gestoßen wurden, so dass sie ein mit der Spitze nach oben zeigendes Dreieck bildeten, auf dem der zu Bestrafende rittlings sitzen musste. An jeden Fuß wurde ein Gewicht von sechzig Pfund gehängt, und so ließ man ihn für eine Zeit von vier Stunden sitzen. Auch ist der erste Schuss Englands auf Spanien keineswegs von einem Artilleristen abgefeuert worden, sondern von der jungen Ehefrau eines Leutnants. Danach wurde den Frauen der Zugang zu den Geschützstellungen verboten.
Grenzsituationen verändern die Gesellschaft
Während der Belagerung blieben viele Frauen an der Seite ihrer Männer, obwohl es ihnen möglich gewesen wäre, Gibraltar zu verlassen. Es entwickelte sich aus dieser gelangweilten Gesellschaft eine, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen musste. Die Menschen rückten enger zusammen, beim Militär wurde gesammelt, um Soldaten die sich kein Essen mehr leisten konnten, mit ihren Familien durch die Hungerzeit zu bringen. Wenn es ein Schiff durch die Blockade geschafft hatte, dann war die Freude darüber in den Texten geradezu greifbar, es herrschte für einige Tage eine unglaubliche Euphorie. Und ebenso war das Gefühl völliger Verlassenheit spürbar, wenn die englische Flotte wieder heimkehrte, und man wusste, man blieb auf diesem öden Eiland allein zurück, in einer Stadt, die gerade mal drei Straßen breit war, auf diesem kargen Fels, von feindlichen Kräften zu Land und zu Wasser umringt.. Man muss sich das als einen gänzlichen Abschluss von der Außenwelt vorstellen, denn Kommunikationswege standen selbstverständlich auch nicht mehr zur Verfügung. Gelegentlich schafften es mal offizielle Briefe von England zur Garnison, aber damit erschöpfte es sich auch.
Spannend war auch die Wahrnehmung der Menschen, die ja in Friedenszeiten oft nach Spanien gereist waren, teilweise sogar vor Schließung der Grenzen dort gelebt hatten, und die gelegentlich auch mal einen Abstecher nach Marokko machen konnten. Von den hochgelegenen Geschützstellungen aus bot sich der Blick auf die fruchtbaren Hügel und Täler Andalusiens, auf Rinderherden, auf Wagen, die Proviant zu den spanischen Forts brachten. Sah man in die anderen Richtungen, war nichts als Wasser oder ferne Küstenstreifen im Dunst zu sehen. Vielleicht ist ihnen die Einsamkeit in solchen Augenblicken besonders bewusst geworden.
Obwohl das Stadtbild sich inzwischen komplett verändert hat, sind immer noch Spuren der alten Garnison zu finden. Die Tunnel, die während der Großen Belagerung in den Felsen gegraben worden sind, fanden erneut Verwendung, als man Gibraltar im Zweiten Weltkrieg in eine unterirdische Festung umgewandelt hat. Weitere Gänge wurden in den Felsen gegraben, und heute kann man das gesamte Tunnel-System besichtigen.
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