Sabine Kornbichler - Das Richterspiel
Auf ein Glas Wein, Marlene!
Über eine wohltuend andere Heldin
Freche Frau, starke Frau, Supermuse, Supermutti, Supermodel, Tolpätschin, Unschuldslämmin, Karrieretussi: Welche Stereotypen haben Frauen schon in Romanen und Krimis vorgesetzt bekommen. Und wie viele Bücher schmeckten dadurch fad, pappig, konstruiert. Schön, wenn mal eine Frauenfigur Würze und Tiefenschärfe bekommt. Sabine Kornbichler schickt in ihrem Kriminalroman „Das Richterspiel“ eine authentische Heldin ins Rennen, mit der man gerne mal abends in die Kneipe gehen würde. Warum ihre Marlene eine von uns ist.
Als Marlene Degner die kleine, durchgefrorene Luise Ahlert auf einer Holzbank beim Jagdschloss Grunewald findet, weiß sie, dass sie die 79-jährige Dame nicht einfach zuhause absetzen kann. Die Gute hat beim Spazierengehen ihre Kräfte überschätzt – doch was ihre Beine nicht mehr schaffen, macht ihr schimpfendes Mundwerk wett. Heute ist wieder einer dieser einsamen Tage im Leben der alten Dame, und Marlene lässt sich wieder einmal breitschlagen: noch 'ne Tasse Kaffee, noch 'n Stückchen Kuchen, noch 'ne Gardinenpredigt.
So geht das andauernd, seit die 35-jährige Berlinerin sich hauptberuflich um alte Leute kümmert: einkaufen gehen, Geduld haben, den Arzt rufen, zuhören, Behördengänge erledigen, angeschnauzt werden, Omis und Katzen trösten, immer für umsonst länger bleiben als vorgesehen. Und sie mag das. Ihren Beruf als gestandene Biologin in einem Forschungslabor gab sie auf, um ihren Vater zu pflegen – und weil sie Angst hatte, mit Tierversuchen konfrontiert zu werden. Die Erfahrung, die die Singlefrau in der Betreuungs- und Abschiedszeit gesammelt hat, das Wissen um die Bedürfnisse alter, kranker Menschen, brachte sie auf die Idee, sich mit einem Altenservice selbstständig zu machen.
Das ist schon mal angenehm, eine Romanheldin, die (selbst-)kritisch reflektiert: psychologisch, ökologisch, gesellschaftlich, zwischenmenschlich. Die dankenswerterweise schon vor Beginn der Romanhandlung ihre Therapie gemacht und ihren Schuldkomplex überwunden hat. Eigentlich ist Marlene sogar eine dieser Prinzipienreiterinnen, die einem ein bisschen auf den Geist gehen können: konsequente Vegetarierin, trotzige Tierschützerin, aufmüpfiges Weib. Eine Frau mit Macken halt. Ist doch schön.
Das Richterspiel: realistische Zustände, aktuelle Themen
Marlene lebt nach dem Tod ihres Vaters zusammen mit ihrer (gerade verschwundenen) Katze Twiggy in ihrem Elternhaus, wo es diesen Winter besonders kalt ist, weil sie Heizung sparen muss. Marlene ist abgebrannt, weil sie mit ihrer Selbstständigkeit noch nicht so aus dem Quark gekommen ist. In der Tat liegt sie ihrem Bruder Fabian auf der Tasche, der sich zwar bei der Pflege des Vaters zurückgehalten hat, jetzt aber auch keinen Bock hat, seine Schwester finanziell zu überbrücken. Realistische Zustände, also. Wirtschaftliche Krise und familiärer Pflegenotstand sind im Roman angekommen.
Dann lernt Marlene einen Freund von Fabian kennen – Max. Mit dem verlässt sie an Silvester Hals über Kopf diese lähmend spießige Pärchenhöllenparty, um zu knutschen wie eine Teenagerin. Es entwickelt sich was: zart und heiß, liebevoll und kontrovers, humorvoll und streitbar. Und Marlenes Herz rast nicht nur vor Erregung, sondern auch vor Hasenfüßigkeit. Neue Bindung = drohender Verlust. Fast versaut sie alles mit ihrer Panik und Unverbindlichkeit. Und auch, weil sie Max mit ihrer Jeanne d'Arc-der-Unterprivilegierten-Nummer an den Nerven sägt. Willkommen in der Beziehungsrealität des 21. Jahrhunderts.
Das Herzrasen geht weiter, als sie mit Max zusammen eine Frauenleiche entdeckt – ausgerechnet, als sie unerlaubterweise im Haus einer Klientin mit ihrem neuen Lover zugange ist. Damit beginnt der Krimi, und der ist auch klasse. Denn er handelt von aktuellen gesellschaftlichen Missständen, vom Wegsehen und vom Horror hinter der bürgerlichen Hochglanzfassade. Von Einsamkeit, Ausgrenzung, Psychoterror und Gewalt. Der spannende Roman lebt auch von einem anderen authentischen Helden, dem inoffiziellen Ermittler Arnold Claussen. Er ist ein oller, unfreundlicher Exbulle. Ein blinder Patient, der seine Altenbetreuerin drangsaliert – und auf ihre erstklassige Menschenkenntnis setzt. Claussen ist, wie Marlene, alles andere als ein vielfach gesehenes Abziehbild. Auch dafür schönen Dank, Frau Kornbichler.
Bücher der Autorin
Sabine Kornbichler
Das Richterspiel
EUR (D)
16,95
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Der gestohlene Engel
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Nur ein Gerücht
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