Von Fährten und Finten
Ein skandinavischer Thriller
Bären in Oslo? Mitten in der norwegischen Hauptstadt werden kurz hintereinander drei Frauen aufgefunden, deren tödliche Verletzungen auf Bärenangriffe hinweisen. Doch die Pathologie vermeldet: Die Frauen wurden von Menschenhand ermordet. Kommissar Viken und sein Team rätseln – und verfolgen die einzige Spur. Die führt zu dem beliebten Arzt Alex Glenne. Dem Norweger Torkil Damhaug gelingt mit seinem Psychothriller „Die Bärenkralle“ ein multiperspektivisches Verwirrspiel um Liebe, Hass und Verrat. Und der Durchbruch als Autor.
Das mit den Perspektiven macht er wirklich geschickt. Die Leser lernen zunächst Axel Glenne kennen, der sich später als Hauptverdächtiger entpuppt: Der 43-jährige Familienvater ist ein erfolgreicher Arzt mit eigener Praxis in Oslo, Gatte einer Traumfrau und Vater dreier wohlgeratener Kinder. Warum sollte dieser Glückspilz nachts durch Oslo schleichen und Frauen zerfleischen? Doch jeder Held hat eine verwundbare Stelle, und bei Axel sind es gleich zwei. Da wäre sein verstoßener Zwillingsbruder Brede, der als verhaltensauffälliger 15-Jähriger den Hund seines Vaters erschoss und danach in eine „Besserungsanstalt“ verbannt wurde. Axel, einst Bredes engster Vertrauter, hat ihn nie wieder gesehen und leidet bis heute unter seinem Verrat. Als er glaubt, Brede über die Straße huschen zu sehen, werden die Gespenster der Vergangenheit wieder wach.
Gemein: sympathische Hauptfigur gerät unter Verdacht
Und dann wäre da diese junge lettische Medizinstudentin namens Miriam, die ein Praktikum bei Axel macht und ihn magisch anzieht. Man ahnt schon: Da bahnt sich etwas ebenso Prickelndes wie Fatales an. Doch das ist alles noch kein Kapitalverbrechen. Als Kommissar Viken den Arzt schließlich in der Mordsache vorlädt, weiß der überhaupt nicht, wie ihm geschieht. Die Beweislast drückt Axel nieder: Die mit Kratzspuren übersähte Leiche Nummer eins ist die Physiotherapeutin Hilde Paulsen, mit der Glenne hin und wieder zusammengearbeitet hat. Auch Opfer Nummer zwei und drei sind Glenne bekannt. Ordentliches Alibi? Fehlanzeige. Der Ermittler hält Axel für eine gespaltene Persönlichkeit, die im Namen eines frei erfundenen Bruders mordet. Ist Axel etwa gar nicht so nett und integer wie man dachte? Leise Zweifel an seiner Version der Geschichte werden wach ...
Nervenaufreibend: Verdacht, Flucht, Showdown
Während bei der Obduktion im Blut der Toten Betäubungsmittel entdeckt werden – was darauf hindeutet, dass der Mörder seinen Opfern die Verletzungen im Nachhinein beigefügt hat – stürzt sich die Boulevardpresse auf die Bärenangriffe. Ein im Wortsinn gefundenes Fressen. Zwar hat man in den Wäldern um Oslo ewig keine Bären mehr gesichtet, doch nun ist einer in der Stadt! In der Bevölkerung bricht Hysterie aus, und dieser Saubermann-Arzt erscheint auf den Titelblättern. Axel Glennes heile Welt gerät aus den Fugen. In einer emotional katastrophalen Karusselfahrt rast er durch das, was von seinem Leben übrig ist. Längst hat er seinen verschollenen Zwillingsbruder im Verdacht, der stets in seinem Schatten stand. Ist Brede auf einem vernichtenden Rachefeldzug? Axel begibt sich auf die Flucht, nichts ahnend, auf welches Desaster er da zusteuert ...
Und dann, überraschend wie der Hieb einer Tatze aus dem Hinterhalt, wendet sich das tödliche Blatt. Manche Fährte von Torkil Damhaug erweist sich als Finte; er wechselt die Blickrichtung erneut, verschiebt die Schatten, und lässt alles in völlig neuem Licht erscheinen ...
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