Wie ich zum Schreiben kam
Oder auch: Homer ist an allem Schuld! Ulf Schiewe über seinen historischen Roman Der Bastard von Tolosa
„Ich möchte Ihnen einen Vertrag anbieten.“
Die Stimme am Telefon klang ruhig und selbstsicher, ein wenig brüchig. Mit einem Mal war mein Mund wie ausgetrocknet, denn hier sprach einer der renommiertesten Literaturagenten des Landes. Ich hatte mich zwar gezielt auf die Suche nach einem Agenten gemacht, mein Manuskript war fertig, und ich war ungeduldig, es endlich an den Mann zu bringen, und dennoch...
„Sind Sie noch da?“
Mir hatte es die Sprache verschlagen. Natürlich war ich noch da, aber so verdammt aufgeregt, dass ich mich doch tatsächlich noch zierte, wie die jungfräuliche Braut in der Hochzeitsnacht. Aber Unschuld ist ja noch nie ein Hinderungsgrund gewesen und so wurden auch wir uns schnell handelseinig.
Bald darauf nahmen die Dinge in rasanter Weise ihren Lauf. Herr Jessen (Schlück GmbH), mein weiser Agent (man denke: „mein Agent“!) verschickte das Manuskript, telefonierte und feilschte, mahnte mich zwischendurch zur Ruhe, wenn ich vor Aufregung zusammenzubrechen drohte, und dann, nicht zu fassen, war ich plötzlich Autor mit Buchvertrag und ließ mich von meinen neuen Partnern bei Droemer in einem schicken Restaurant verwöhnen.
Wie hast du denn das hingekriegt, tönten unisono meine Kollegen im Büro. Gute Frage, denn eigentlich war ich doch nur ein Anfänger und Hobbyschreiber. Oder?
Mit der Welt der Literatur hatte ich beruflich ja nun wirklich nichts zu tun. Mein Universum bestand aus Computern, Software, Vertrieb und Marketing. Kunden, Messen, Meetings, Angebote, Verhandlungen, 16 Stunden Tage, viel zu teure Restaurants auf Spesen oder Junk Food an Flughäfen, Übergewicht, Bluthochdruck. Nach fünfundzwanzig Jahren Ausland musste ich mich auch erst noch an mein Deutsch gewöhnen. Wie findet man dabei die Ruhe zum Schreiben?
Eigentlich ist Homer an allem Schuld.
Meine Mutter sammelte früher Rabattmarken und als ich zehn Jahre alt war, gab es dafür unter anderem diese Tchiboheftchen mit einer Nacherzählung der Ilias und der Odyssee, mit wunderbaren Zeichnungen von Hektor auf seinem Kampfwagen oder Achilles, der um Patroklos weint. Ich konnte es nicht abwarten, bis das nächste Heftchen erschien. Mich hatten die Heldengeschichten und die Abenteuer aus fernen Zeiten in ihren Bann geschlagen. Die deutschen Sagen waren das nächste, die Schatzinsel, Magellans Weltumsegelung, Robinson Crusoe, alles meist mit der Taschenlampe unter der Bettdecke verschlungen. Und natürlich Karl May. Aus mir wurde also eine Leseratte, bis heute. Egal, wo ich bin, ein Buch ist immer dabei.
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