Verlagsgruppe Droemer Knaur



Interview mit Gioconda Belli

Wie es zu "Unendlichkeit in ihrer Hand" kam

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Rede anlässlich der ersten Präsentation von "Unendlichkeit in ihrer Hand", Managua, 4. April 2008


Ich habe nie viel Zeit oder Gedanken an Adam und Eva verschwendet - wie vermutlich die meisten von uns, die im Schatten der Bibel erzogen wurden. Als Frau schmerzte es mich vielleicht bisweilen, dass mein Geschlecht in dieser ersten Episode der Menschheit als Ursache von Tod und Erbsünde auftaucht. Es erschien mir immer als eine männliche, engstirnige und zu einfache Sichtweise, der Frau die Schuld für alles Unglück und für den Verlust des Paradieses zu geben. Doch war das für mich kein Romanthema; nur der Zufall wollte es, dass ich in einer Bibliothek die verborgenen Legenden entdeckte, die zwar seit Urzeiten existieren, aber nicht zum geistlichen Kanon gehören.


Was mich schließlich dazu veranlasste, Unendlichkeit in ihrer Hand zu schreiben, war die überwältigende Möglichkeit, in dieser Erzählung (die übrigens nur 40 Verse in der Genesis umfasst) die Zwischentöne zu entdecken; das Unbekannte an einer Geschichte, die ich immer schon zu kennen meinte.


Obwohl ein Teil von mir sich durchaus des Risikos bewusst war, fühlte ich mich unwiderstehlich von diesen Charakteren und ihrem Drama angezogen. Die Figuren Adam und Eva haben so viele Wurzeln in der menschlichen Vorstellung, dass ihr Lebensweg einem Labyrinth voller Echos gleicht, an dessen Wänden sich nicht nur die Fragen spiegeln, die diese beiden sich damals gestellt haben könnten, sondern auch diejenigen, die ich mir heute stelle; unzählige Fragen und Antworten eben, die die Menschheit über Jahrhunderte beschäftigt haben. In diese Dunkelheit drang ich vor, geleitet von meinen Instinkten als Autorin und Frau und darauf vertrauend, dass Eva den silbernen Faden festhalten und mir den Rückweg zeigen würde.


So kam es, dass ich mit Worten eine neue Sichtweise dieser alten Geschichte webte, ohne den Verlauf der Grundgeschichte zu verändern. Ich fügte ein, was Adam und Eva über ihr eigenes Schicksal gedacht haben könnten, über den Schöpfer, der sie aus dem Garten Eden geworfen hatte und über die Schlange, die sich immer davor gehütet hatte, sie über die Konsequenzen zu informieren.


Es war ein richtiggehendes inneres Abenteuer, den passenden Ton zu finden. Diese ersten Menschen sind zunächst so weit weg, so diffus im Nebel einer uralten Erzählung – doch kaum nähert man sich ihnen, ist man unmittelbar berührt. Adam und Eva haben sich in meine Seele geschlichen, ich fühlte enorme Zärtlichkeit und Sympathie für sie. Für jene Menschen, die nie eine Kindheit hatten; die als Erwachsene geboren wurden, ohne Vater oder Mutter, die sie berührt oder gewiegt hätten; die keinen Bauchnabel und keine Vergangenheit hatten; die alles, was sie wussten, nur von ihrem Schöpfer und nicht aus Erfahrung wissen konnten; die keinerlei praktische Kenntnisse besaßen. Ich stellte sie mir unschuldig vor, neugierig, wie sie die Frucht probierten, wie sie sich darüber Gedanken machten, warum sie in diesem Garten Eden waren, in dem sie nicht gebraucht wurden. Ich stellte mir ihr Hingerissensein vor, das Privileg, alle Gefühle zum ersten Mal zu fühlen: den Geschmack der Feige, des Wassers, das Gefühl von Wärme, von Kälte, den ersten Blick, den ersten Liebesakt, die Sinnlichkeit und Schönheit der Welt, die sie mit ihren Augen wahrnahmen. Ich stellte mir Eva vor, wie sie sich zu dem Biss entschied, der die Zeit einläuten würde, der sie von einer anfänglichen Idee auf den Weg bringen würde, in dessen Verlauf sie sich selbst eine Utopie würden schaffen müssen. Ein Weg, auf dem sie die Freiheit kennenlernen und sich darüber klar werden würden, dass sie völlig allein und verantwortlich für die Zukunft der Menschheit waren.


Und natürlich ist dieser Roman auch noch die Inszenierung der ersten Beziehung zwischen einem Mann und einer Frau, denen klar wird, nachdem sie das Leben entdeckt haben, dass man sie zum Tode verurteilt hat. Dass nur Reproduktion sie wieder unsterblich machen wird und dass sie essen und töten müssen, um zu überleben. Es ist ein Drama, aber es ist auch die Feier der Existenz, der Einzigartigkeit eines jeden und jener Möglichkeit, die nur der menschlichen Natur eigen ist: etwas zu schaffen und zu entwickeln.


Genau wie jemand ein Kind bekommt und der Welt überantwortet, damit es sein eigenes Leben hat, überreiche ich Ihnen heute dieses Produkt meiner Phantasie. Und ich hoffe, dass Sie es annehmen, dass es Sie verzaubert, Sie verführt und Ihnen einen neuen Einblick in das Mysterium der Existenz gibt.

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